Der Kleine vom Großen
Nun auch in 1:64: Wenn ein 1:64-Modell diesen Maßstab endgültig vom Image des Spielzeugautos emanzipiert, dann der kleine Bartoletti von CMC. Es ist unglaublich, was in 1:64 geht! Wir sind begeistert, und die Sammler werden es auch sein. Dieses Modell setzt in diesem Maßstab Maßstäbe.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal von einem 1:64-Modell schwärmen würde.“ Das war die erste Reaktion eines befreundeten Sammlers auf Nachmittagskaffeebesuch, der den kleinen CMC Bartoletti auf dem schwarzen Schreibtisch stehen sah und ausgiebig begutachtete. Er akzeptiert 1:64 zwar als aktuellen Sammlertrend, sieht darin aber nichts als einen Kompromiss. Außerdem räumt er diesem Maßstab, ganz old-school, wie er ist, nicht ein, ein wahrer Sammlermaßstab zu sein. Er sieht ihn als elaborierten Nachfolger des traditionellen Spielzeugmaßstabs, der Mätschbox-Größe eben. Eine verbreitete Meinung, vor allem unter den Traditionalisten, die mit 1:43 sozialisiert wurden und als Kind mit Siku und Matchbox spielten. Für die eingefleischten 18er ist 1:64 ein klassischer Zweitmaßstab. Richtig etabliert ist er allenfalls in den USA, neben der bei uns auch nicht so gebräuchlichen 1:25-Größe.
Aber was sind schon Europa und die USA, wenn es um das internationale Modellauto-Business geht! Da zählt fast ausschließlich der asiatische Raum. Und dort ist 1:64 schlichtweg ein Hype. Neue Hersteller etablierten sich und haben in kürzester Folge an Größe gewonnen, und die Traditionshäuser lassen sich auf 1:64 ein, weil sie sich das Geschäft schlichtweg nicht entgehen lassen wollen. Es ist ja auch ganz gut daran verdient. Die Modelle sind, zumindest in der gehobenen Preisklasse zwischen 35 und 50 Euro, also auf Sammlerstandard, alles andere als billig, aber der Entwicklungsaufwand (und der Materialverbrauch) ist wesentlich geringer als bei einem sealed 18er oder einem ebensolchen 43er. Eigentlich ist 1:64, aus der Sicht der Modellautohersteller, die Eier legende Wollmilchsau – solange der Trend anhält. Und nichts spricht für ein absehbares Ende.
Sofern man 1:64 als „Niederung“ bezeichnen will, begibt sich nun auch CMC in diese Niederungen. Wir hatten das Privileg, schon sehr früh über den kleinen Bartoletti, den 1:64-Erstling von CMC, im Prototypenstadium berichten zu dürfen (Caramini-online vom 11. Juli 2026). Nun genießen wir erneut ein Privileg (und danken dem CMC-Geschäftsführer Markus Mohn dafür im Namen der Leserschaft): Wir erhielten ein seriennahes Vorserienmodell, an dem sich nichts Relevantes mehr ändern wird, allenfalls noch Kleinigkeiten, die nur der Insider realisiert, nicht aber der gemeine Betrachter (Kühlergrill an unserem Muster noch aus Kunststoff, in Serie ein Fotoätzteil, seitliche Chromleisten aus einer härteren Legierung und somit bolzgerade). Das Modell, das wir hier in der Ferrari-Version zeigen dürfen und das auch im Maserati-Livrée erscheinen wird, entspricht dem, was der Käufer in circa vier Wochen im Handel erwerben können wird. Dafür muss er dann 127 Euro zücken und wird darob zusammenzucken. Das ist verdammt viel Geld für ein kleines Modell – wenngleich der kleine Bartoletti mit 14,5 Zentimetern Länge die meisten 1:43-Personenwagen überragt. Aber der 1:64-Fan bekommt dafür ein äußerst exklusives Modell in der CMC-typischen, einzigartigen Machart, das seinesgleichen momentan nirgends findet. Und außerdem – das muss man auch festhalten dürfen: Normalerweise sind CMC-Modelle für viele Sammler jenseits der Erreichbarkeit. Viele, die keine 600 oder mehr Euro für ein CMC-Modell zu zahlen gewillt sind (der 1:18er-Bartoletti kommt auf knapp 1200 Euro), kennen die Marke nur vom Sehen, vom Betrachten fremden Eigentums. Nun kann man für 127 Euro selbst CMC-Eigentümer werden. Das ist doch was!
342 Teile für 127 Euro = 37 Cent pro Teil
Den Bartoletti-Renntransporter hat Caramini-online sehr ausgiebig vorgestellt, im Original und als Modell unterschiedlicher Hersteller und Maßstäbe, als CMC seinen Achtzehner im Herbst 2024 neu auflegte (Caramini-online vom 25. Juli, 2. August und 6. September 2014). Die Geschichte des Vorbildes wollen wir nicht wiederholen und auf die jemals verfügbaren Miniaturisierungen auch nicht eingehen, nicht mal auf den außergewöhnlichen Bartoletti von CMC in 1:18. Wir beschränken uns auf die neue Miniatur, den kleinen Bartoletti.
Alleine schon diese eine Zahl sagt alles über den Aufwand, den CMC betrieben hat, und rechtfertigt den geforderten Preis: Der Bartoletti besteht aus 342 Teilen, die allesamt von Hand montiert werden. Alle Türen gehen auf, auch jene zum Lade-/Werkstattraum, darüber hinaus ist die Heckklappe beweglich. Die Auffahrrampen lassen sich seitlich herausnehmen, um sie am Heck einzuhängen. Die obere Ladeebene allerdings ist starr. Zwar sind deren Drahtseile dargestellt, aber sie sind funktionslos. Das Modell lenkt. Was der Sammler von einem 43er oder 18er gewöhnt ist, gilt auch für den 64er-Bartoletti (und unterscheidet ihn von den üblichen 64ern): Die Leuchten, Zierleisten, Türgriffe und die beweglichen Außenspiegel sind separate Teile, und Plastik als Werkstoff ist nur marginal vertreten. Das Hauptmaterial ist natürlich Zinkdruckguss, die Klein- und Anbauteile sind gestanzt, gebogen oder Fotoätzteile, die Rampen weisen eine Riffelprägung auf. Die Dekoration sind Decals, versiegelt mit einer finalen Klarlackschicht. Das waren nun die nüchternen Fakten.
Damit alleine wird man aber gerade diesem Modell nicht gerecht. Hier muss Gefühl rein! In Wahrheit ist das Modell nämlich völlig unprätentiös, alles daran ist wahr und echt und lässt sich nicht auf 187 Gramm edles Material reduzieren. Das Ganze ist nicht nur die Summe der Einzelteile. Darin steckt konstruktives Herzblut, und das bringt selbiges beim Sammler in Wallung. Los geht es, wie immer, mit dem ersten Eindruck. Und der glänzt und glitzert. Eine auch die Dekorationen versiegelnde Klarlackschicht sorgt für den Glanz, und diese aufzubringen, bedarf sorgfältiges Lackieren. Ist die Klarlackschicht bei einem Achtzehner um ein My zu dick, so macht das nichts. Würde dieses µm zu viel auf den Vierundsechziger aufgetragen, so würde es die Kanten abrunden und die Gravuren zusuppen. Das ist nicht der Fall. Die Sache mit dem µm passt. Die Rampen, winzigst geriffelt und mittig spiegelglatt, glänzen mit dem Lack um die Wette und erinnern an Lametta. Die Chromteile sind so hauchzart und fein ziseliert, dass die Montage eher Uhrmacher- oder Juwelierarbeit zu sein scheint. Ein paar angelernte Chinesen jedenfalls können das nicht. Das ist Manufakturqualität. Wofür der Betrachter fast schon eine Lupe benötigt, das möchte er nicht selbst montieren müssen.
Ebenfalls ein Highlight des Diecast-Gusses ist das auch hochglänzend lackierte Fahrgestell des Fiat-Omnibusses. Bartoletti baute den Renntransporter auf tiefer gelegter Omnibus-, nicht auf normal hoher Lastwagenbasis, und das Kürzel „RN“ in der Typbezeichnung steht für Ribassato (tiefer gelegtes Chassis) und Nafta (Diesel). Am Bauche des Bartoletti begeistert sich der Betrachter auch für die Halterung des Reserverades und für die funktionsfähige Lenkung. Gefedert ist das Modell nicht. (Wäre ja auch noch schöner! Gleichsam… Warum eigentlich nicht?) Die mehrteiligen Trilexfelgen demonstrieren ihre Mehrteiligkeit durch Zweifarbigkeit. All das wäre aus Kunststoff machbar, und der Bartoletti würde sicherlich sehr schön aussehen, wenn er konstruiert wäre wie ein 1:87-Lastwagen, nämlich aus dünnwandigem Plastik, gerne danach lackiert. Aber dann wäre er eben aus Plastik und CMC macht keine Plastikautos. Das Besondere an dieser CMC-Konstruktion ist aber, dass das Modell so fein und dünnwandig aussieht, als wäre es eine Kunststoffkonstruktion, dabei aber komplett aus Zinkdruckguss ist und dessen Wertigkeit ausstrahlt.
Bleibt noch der Blick hinein, ins Innere. Öffnen lässt sich die rechtseitige Fahrertüre (nur ein Zugang zum Fahrerplatz, der rechts ist), die ebenfalls rechtseitigen Doppelflügeltüren zum Werkstattraum und links die Türe zum Aufenthaltsraum der Mechaniker. Diese Türen schließen so gut und bündig, dass der Betrachter mit seinen Fingernägeln keine Chance hat – außer jener, das Modell kaputt zu machen. Werkzeug sei für das Öffnen also dringend empfohlen. Die Türinnenseiten sind in anderem Farbton lackiert, die Türscharniere definieren die Grenzen des aus Metall machbaren und das Fahrerhaus ist mit einer unglaublichen (ja, tatsächlich!) Detailverliebtheit und Akkuratesse ausgeführt.
Viel Geld für wenig Auto? Natürlich viel Geld für 187 Gramm Auto! Natürlich kein Mitnahmeartikel. Natürlich eine finanzielle Dimension, welche die meisten 1:64-Sammler nicht gewohnt sind. Man kann sich eine Swatch für 80 Euro kaufen oder einen Breitling Chronomat für 8000 Euro. Oder man schaut gratis aufs Mobiltelefon. Auf jede Weise erfährt man nichts als die Uhrzeit. Es ist eine Frage der Einstellung.
Natürlich mag das manchem Sammler, der auf Mini-GT- oder Kaido-House-Niveau sammelt, „too much“ sein, auch „too expensive“. Das Argument kennt CMC. Aber jene Sammler, die so argumentieren, sind nicht die CMC-Klientel, nicht in 1:18 und nun nicht in 1:64. Die Käufer dürften auch nicht ausschließlich 1:64-Sammler sein, sondern eben auch CMC-Sammler, die sich den Kleinen neben den Großen stellen. Lassen wir das Ganze mit einem schönen Aphorismus von Oscar Wilde enden: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“
afs


Modellfotos: bat







Foto: Fabrizio Ferrari für Quattroruote, benutzt mit Genehmigung
Steckbrief:
CMC M-331 Fiat 642 RN Renntransporter „Ferrari“ 1957. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:64. UVP 127 Euro.