Auch nur ein Auto
AUTOart hat mal wieder lang gebraucht. Jetzt erscheint deren Mercedes G-Klasse des Vorbilds 2018 bis 2024, also der Vorgänger des aktuellen. Aber AUTOart hat einmal mehr ganze Arbeit geleistet und macht seinem Namen alle Ehre. Wir sind begeistert – vom Modell an sich und von Designo Kardinalrot Metallic, worauf sich das Warten gelohnt hat.
Die G-Klasse: ein Statement, ein Unsymphat, politisch nicht correct, ein Seelenspiegel ihrer Dompteure, der Ausdruck des radikalen Kapitalismus’, kompromisslos, die unanständige Zurschaustellung eines exzessiven Lebensstils. Oder eben doch auch nur ein Auto? Ein Go-anywhere in Reinkultur, eine fein austarierte Fahrmaschine für alle Gelegenheiten, ein Fels in der Brandung der Veränderungen, ein Symbol für Tradition und Bestand, die herrlichste Möglichkeit, um dem Eskapismus zu frönen, ein automobiles Safehouse, die Abkapselung von der bösen Umgebung. Vielleicht das perfekte Automobil? Kann es sein, dass all die Kritiker der G-Klasse den Fuchs machen? Denjenigen aus der Fabel, der sagt, er wolle keine Kirschen, denn die Kirschen seien ihm viel zu sauer. Dabei ist er eben ein Fuchs, und ein Fuchs kann nicht auf Kirschbäume klettern. Die Kirschen sind in Wahrheit zuckersüß, aber der Fuchs kommt nicht ran. Eine kluge Fabel. Viele Phänomene des allgemeinen und zwischenmenschlichen Daseins lassen sich mit ihr erklären.
AUTOart macht die G-Klasse. Nicht das erste Mal, nicht das zweite. Es gab schon viele G-Klassen von AUTOart, deren fünf bisher in 1:18, und jede war eine eigenständige Konstruktion. Die ersten waren noch aus Zinkdruckguss. Die erste AUTOart-G-Klasse war der lange G 500 von 1999 (den es von AUTOart auch kurz und lang in 1:43 gab), der nächste G 500 bildete das Vorbild von 2012 nach. Diese beiden waren noch aus Diecast. Dann kam, als erster AUTOart-G in Kunststoff, der G 500 4×4² von 2015. Der erste AMG G63 bildete das 2017er-Modell nach und dann folgte noch der sechsrädrige AMG G63 6×6. Nun ist AUTOart bei der für AUTOart-Verhältnisse jüngsten G-Klasse angelangt, das 2018er-Modell – also die sechste, unabhängig erfolgte G-Klassen-Konstruktion bei AUTOart. Das ist also schon jene Version, die keine vordere Starrachse mehr aufweist, sondern Einzelradaufhängung, die eine rundum um einige Zentimeter vergrößerte Karosserie trägt, ohne dass es dem Betrachter auffällt. Letztlich also ein komplett neues Auto, aber niemand sieht’s. Der G 63 erschien auf dem Genfer Salon 2018, keine 5,5 Liter mehr, vielmehr ein 4-Liter-Otto-V8 mit 585 PS, 4,5 Sekunden bis Tempo 100, Topspeed abgeregelte 220 oder mit Driver’s Package 240 km/h. Zum Modelljahr 2020 erschien die Manufaktur-Version mit ganz besonderen Farben und exklusiv gestaltetem Interieur. Diese G-Generation ist seit Frühjahr 2024 Geschichte; der W465 wurde vorgestellt, an dem sich optisch nahezu nichts geändert hat – der aber dennoch die ganz Fixen unter den Resine-Modellherstellern dazu motivierte, neue G-Modelle zu bringen und Norev erledigte das Thema W465 im Daimler-Benz-Industrieauftrag in Zinkdruckguss. AUTOart hinkt also, wie immer, hinterher. AUTOart lässt sich Zeit, liefert autoartistisch, aber liefert eben teilweise erst dann ein modernes Auto aus, wenn es gerade nicht mehr modern ist. Genau das ist auch hier der Fall: eine autoartistische Umsetzung, aber das Vorbild ist bereits nicht mehr aktuell.
So spät, wie Caramini-online den neuen G63 vorstellt, erschien er gar nicht. Wir haben drei Monate gezögert. Warum? Weil die ersten Exemplare nicht fotogen genug für uns waren, weiße und schwarze Autos lassen sich so schlecht fotografieren. Die Weißen heben sich nicht vor unseren weißen Hintergrund ab, die Schwarzen saufen quasi ab und geben ihre (oftmals ebenfalls schwarzen) Details nicht preis. Wir wollten Farbe, AUTOart versprach rote Designo-Farbe mit der nächsten Lieferung. Dann brauchte das Containerschiff aus China länger als prognostiziert, musste bösen Huthi-Rebellen ausweichen und den Umweg über das Kap der Guten Hoffnung schippern, und deswegen liegen zwischen der Auslieferung der ersten G63 und jener unseres erwünschten Fotomodells drei Monate. Dafür sind jetzt tatsächlich alle Farbvarianten lieferbar: Obsidianschwarz, Irdium Silber, Brillantblau Metallic, Designo Kardinalrot Metallic (unser Fotomuster), Emeraldgrün Metallic und die beiden Erstausgelieferten in Designo Brillantweiß und in Designo Nachtschwarz Magno sind ebenfalls noch erhältlich, alle zum gleichen Preis.
Reifenventil mit Reifenventilkappe
Das Monumentale und Brutale der Mercedes G-Klasse wird eins zu eins auf das Modell übertragen. Auch ein G-Klasse-Modell hat einen brutalistischen Charakter, etwas Rohes, Grobes, Massives, Kubistisches, es trägt seine simplen, geometrischen Formen zur Schau. Wenn man ein Modellauto aus Beton gießen könnte, dann dieses. Und abgesehen von dieser „mentalen“ Designeinordnung stimmt es ja sogar, dass die G-Klasse, damals noch als G-Modell 1979 erschienen, in der letzten Phase jener architektonischen Sündenphase erschien, die nicht zu Unrecht „Brutalismus“ genannt wird (Sichtbeton, geometrische Formen, Form follows Function, grobe Verarbeitung – eben Betonwüsten). Die modellbauerische Kunst besteht nun darin, aus einer G-Klasse in 1:18 eben keinen groben Klotz zu schnitzen, sondern ein hyperfein detailliertes Modell, was AUTOart gelungen ist – übrigens auch Almost Real bei seinen Interpretationen, und bei Almost Real sind wir derzeit auch „in froher Erwartung“ zumindest neuer Versionen des Bestandsmodells.
Das Einzige, was auf die tatsächliche und vermeintliche Schwere des AUTOart-Modells hinweist, ist seine Federung. Die ist, zumindest vorne, etwas zu weich. Das Modell geht vorne durch sein Eigengewicht etwas in die Knie (wirkt also tiefergelegt), und wenn man es leicht anhebt, steht es horizontal und hat mithin auch vorne den richtigen „Stance“. AUTOart hätte das vordere Fahrwerk des G63 AMG also etwas härter abstimmen sollen. Ansonsten: AUTOart vom Feinsten, wie erhofft, und was man auch erwarten kann nach der langen Entwicklungszeit und für den Preis.
Am Geh verwirklichte AUTOart sein Können, steigerte es aber nicht, denn das ist kaum noch möglich. Die Brillanz der Lackierung ist phänomenal, das Designo Kardinalrot Metallic 019 ist ein spezieller Lack aus dem ehemaligen Designo-Programm, das heute unter dem Namen Manufaktur geführt wird, kostet rund 7000 Euro Aufpreis und ist an der aktuellen G-Klasse W465 nicht mehr verfügbar. AUTOart hat dieses tiefe, leuchtende Rot hervorragend getroffen. Die in rotem Unilack gehaltenen Bremssättel (hinter schwarzen AMG-Felgen mit poliertem Rand) beißen sich ein wenig mit dem Metallic-Kardinal. Sehr schöne Raddetails: separat eingesetzte, silberne Ventile, sogar mit angedeuteter Ventilkappe, das Auswuchtblei mit „AMG“-Logo, beschriftete Reifenflanken. Die G-typischen, außen liegenden Scharniere sind bei diesem Modell nicht nur angedeutete Zierde, sondern erfüllen trotz ihrer Winzigkeit vollständig ihre Aufgabe, Türen und Hauben halten dank je eines Magneten geschlossen. Eine phantastische Arbeit ist der AMG-Motor, ein einzeln eingesetztes Teil, sehr schön dekoriert, auch mit Serviceaufklebern und einem bisschen Farbe, selbst ein klebender Hinweis, welches Öl Mercedes präferiert, fehlt nicht, und Schraubverschlüsse für Motorflüssigkeiten sind beschriftet. Ganz klasse sind die beiden Haubenlifter, nicht dicker als eine Herpa-Achse und präzise in ihrem Schaft geführt. Sämtliche Grills sind durchbrochen, also „meshed“ (wie man im internationalen Modellautosprech sagt), hinten zeigt der G eine Anhängekupplung und eine Abschleppöse. Perfekte Innenraumdetaillierung ist die logische Konsequenz der äußeren Detailfülle, zu erspähen ist sogar eine separat eingesetzte Leuchte am Dachhimmel.
Das ist ein Geh auf höchstem Niveau mit atemberaubenden Details, ganz hohe Kunst des Modellbaus, den man mit der Lupe erkunden kann und bei jeder Betrachtungsrunde neue, faszinierende Kleinigkeiten und Nettigkeiten findet. Nach nunmehr 46 G-Jahren gehen wir von einem ewigen Leben des Vorbildes, vielleicht unter anderen Vorzeichen, aus, und fragen uns, wie viele Gs in 1:18 es wohl noch geben wird. Es dürfte wohl kaum ein Sammler in der Lage sein, alle existenten Gs in all ihren Variationen zu benennen, geschweige denn zu zählen. Es ist immens! Aber langweilig, das ist es nicht.
afs




Modellfotos: Hans-Joachim Gilbert



Steckbrief:
AUTOart 76353 Mercedes-AMG G63 W463 2020 Designo Kardinalrot Metallic. Fertigmodell Kunststoff, Maßstab 1:18. UVP 295,95 Euro.