Schwere Zeiten für die S-Klasse
Es ging der S-Klasse schon besser als zur Zeit. Im Original. Das Norev-Modell hingegen hat es gut. Es verkauft sich konjunkturunabhängig und muss nicht nach China exportiert, sondern aus China importiert werden. Neue Farbe für den W223 von Norev, außen silbern, innen hellgrau.
Die bisherige S-Klasse, der W222: Die fuhr noch herum auf unseren Straßen. Und nicht nur auf unseren. Jede dritte S-Klasse ging nach China. Heute: Der W222 ist immer noch präsent (klar, ist ja noch kein altes Auto, bis 2020 gebaut), aber sein Nachfolger W223 macht sich rar, hier wie dort, und das Daimler-Benz-Flaggschiff wird in Sindelfingen seit einem Jahr nur noch im Einschichtbetrieb gebaut, weil die Nachfrage im Keller ist (25 Prozent Rückgang im ersten Quartal 2024). Schwere Zeiten für die S-Klasse, die ja das Aushängeschild der deutschen Automobilproduktion ist. Und die elektrische Parallel-S-Klasse, den EQS, hüllen wir betreffs seiner Erfolgsgeschichte lieber in den diskreten Mantel des Schweigens.
Der W 223 erschien im September 2020 und wie üblich bietet Daimler-Benz eine normallange S-Klasse (W223) sowie eine etwas verlängerte Version (V223) an. Das Design stammt vom Ungarn Balázs Filczer und Chefdesigner Gorden Wagener. Mit zahlreichen Neuerungen technischer und elektronischer Natur, großen und kleinen, unterstrich Daimler-Benz seine herausragende Stellung in Sachen Luxuslimousinen. Zu den eher kleinen Nettigkeiten gehören beispielsweise die optional erhältlichen, versenkten Türgriffe. Sie sind bündig in die Karosserie integriert, aus aerodynamischen und optischen Gründen, und fahren aus, sobald sich der Fahrer dem Auto nähert (von Tesla kennt man das allerdings schon lange, und das System ist aus Unfallschutzgründen nicht unumstritten). Mehr Aufmerksamkeit erzielt die Allradlenkung und die Digitalisierung der Assistenzsysteme wird langsam aber sicher unheimlich. Das Digital Light warnt vor Gegenständen oder Personen vor dem Wagen, ein aktiver Lenk-Assistent zwingt das Auto, bei einem Autobahnstau eine Rettungsgasse freizuhalten. Und dann ist die aktuelle S-Klasse dem autonomen Fahren so nahe wie kaum ein anderer Wagen. Um all die Elektronik im Griff zu haben, blickt der Fahrer auf einen bis zu 12,8 cm großen Monitor. Und er kann mit seiner S-Klasse sprechen. Auch Künstliche Intelligenz kommt zum Zuge, noch in überschaubarem Maße, aber immerhin überwachen vier Kameras im Innenraum die Fahrgäste und sollen ihre Wünsche künstlich erkennen.
Das Norev-Modell in Brillantsilber Metallic stellt die Ausstattungsversion AMG-Line dar. Nota bene: Das ist kein AMG S 63 E Performance mit 802 PS, sondern eine sportliche Ausstattungsvariante, die für (fast) alle Motorisierungen lieferbar ist und derzeit 6723 Euro Aufpreis kostet: spezielle Frontschürze im A-Wing-Design, 19-Zoll-AMG-Alus, sportliche Akzente im Inneren. Die aktuelle S-Klasse mit langem Radstand, also den X223, machte Norev als Daimler-Benz-Industriemodell, sie erschien gleichzeitig mit dem Original im Januar 2021, seither unterschiedliche Versionen mit verschiedenen Rädern, unter der Haube der Top-Diesel, also der S 400 d 4Matic (ein 3-Liter-Reihensechszylinder mit 367 plus 23 PS), und das Modell verfügt über die versenkten Türgriffe.
Der große Benz ist stattlich und eindrucksvoll, rollt, lenkt, federt, öffnet alles, was er zu bieten hat („six openings“ im internationalen Modellautosprech), wir können nirgends Kompromisse erkennen. Die Verarbeitungsqualität ist hervorragend, zu öffnende Teile schließen bündig, ihr Öffnungswinkel ist vorbildlich, Lack und Chrom spiegeln, der Stern ist ein hauchzartes Ätzteil, Fahrzeug- und Kofferraumboden sind beflockt. Dieses Modell hat und kann alles, was der Sammler von einem klassischen Achtzehner erwartet. Der Innenraum ist ein wahres Feuerwerk an Bedruckungsqualität und schmutzanfällig hellgrau, dazu ausreichend nachgebildete Holzelemente, jedes Schalterchen als Druckwerk hervorgehoben, prima skalierte Armaturen, und bunt wird das Interieur durch den großen Bildschirm. Sehr hübsch auch die verchromten Einstiegsschwellerleisten mit „Mercedes-Benz“-Schriftzug. Das Panorama-Schiebedachdach in dunkler Tönung gestattet zusätzliche Einblicke, und wer das Modellauto in den Händen wiegt und wendet, realisiert auch den strukturierten und farblich korrekten Dachhimmel inklusive Bedienungskonsole hinter dem Innenrückspiegel. Strukturiert ist auch die Innenseite des Kofferraumdeckels, und wo ein rotes Pünktchen bedruckt werden muss, ist ein rotes Pünktchen bedruckt. Wie üblich wenig eindrucksvoll ist der voll isolierte Motor. Norev tat, was Daimler vorgab, nämlich eine Plastikwüste mit Mercedes-Stern nachbilden. Was mehr kann man tun?
afs




Modellfotos: bat

Foto: Alexander Migl
Steckbrief:
Norev 183805 Mercedes S-Klasse AMG-Line W223 2021 Brillantsilber. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 125,95 Euro.