Der Gute Stern auf allen Wegen
Daimler mit Panne? Geht gar nicht! Meinte zumindest Daimler-Benz und schickte als Erster Werks-Service-Fahrzeuge auf die Piste. Andere machten es nach, beispielsweise BMW. Norev miniaturisiert im Daimler-Benz-Auftrag einen Mercedes W123 als T-Modell im blau-weißen Service-Look.
Was Daimler-Benz so gar nicht mag, sind liegen gebliebene Mercedes mit offener Haube auf dem Standstreifen oder mitten in der Stadt, dabei ein ratlos oder verärgert dreinblickender Eigentümer, der auf den ADAC wartet. Das schadet dem Image, dem Renommee, gute und somit pannenfreie Autos zu bauen. Natürlich hat Daimler-Benz nichts dagegen, wenn ein Mercedes mal kaputt geht und in der Vertragswerkstatt repariert werden muss. Daran verdient man Geld. Aber man verdient es lieber mit pannenfreien Autos, die ihr Herr und Meister regelmäßig in der Vertragswerkstatt warten lässt. Das spricht sich herum, und ein guter Ruf spült unterm Strich mehr Geld in die Kassen als stets defekte Autos, die repariert werden müssen. Das ist also ein Spagat – so, wie es ein Spagat ist, Autos einerseits langlebig zu bauen und sie andererseits rasch genug altern zu lassen, damit der Kunde ein Neues kauft. Das alles ist nichts Neues.
Neu war hingegen Anfang der 80er Jahre, dass Daimler-Benz eine Serviceflotte einsetzte, stationiert bei den Niederlassungen, somit zumeist in den größeren Städten. Und am allermeisten dort, wo die allermeisten Mercedes unterwegs waren, in Stuttgart, wo sich (fast) jeder Werksangehörige dank schnuckeligem Mitarbeiterrabatt einen W123 leisten konnte. Gerade dort sollte das Straßenbild nicht verschandelt werden mit Mercedessen mit offenen Hauben und Mercedes-Fahrern mit verärgertem Gesichtsausdruck. Wer seinen Wagen scheckheftpflegen hatte lassen, bekam kostenlose Hilfe vom Servicepersonal, versierten Mechanikern, die mit W123 T-Modellen (darf man so nicht sagen, sie heißen S123) vorfuhren, blau lackiert mit weißem Dach und weißen Seitenstreifen. Die hatten alle gängigen Mercedes-Ersatzteile an Bord, wofür in den T-Modellen spezielle Ersatzteilkoffer im Laderaum montiert waren.
Und was brachte das, im Vergleich zum ADAC, worin ohnehin jeder Mitglied war? Erstens benötigte man keine ADAC-Mitgliedschaft mehr und sparte sich den Jahresbeitrag. Zweitens waren und sind die „gelben Engel“ vom ADAC (und ihre Mitbewerber vom AvD und vom Touring Automobil-Club) Universalgenies in Sachen Auto und kennen somit jedes recht gut, aber keines voll gut. Voll gut hingegen kannte der auf Mercedes gelernte Daimler-Benz-Mechaniker die aktuellen Fahrzeuge mit dem Stern. Und drittens hatte der Mercedes-Service-Wagen garantiert die gängigen Mercedes-Ersatzteile an Bord und verschwendete sein Kofferraumpotenzial nicht mit Keilriemen für VW, Sicherungen für Ford und Unterbrecherkontakte für Opel. Außerdem, und das war für viele Mercedes-Fahrer ausschlaggebend, war der Mercedes-Service-Mann darauf geschult, freundlich und zuvorkommend zu sein und sich sozial auf den klassischen Mercedes-Fahrer einzustellen. Denn Anfang der 80er Jahre fuhr noch lange nicht jeder einen Mercedes. Und derjenige, der einen fuhr, fühlte sich ernst genommen und gut bedient, wenn der blau-weiße S123 vorfuhr. Letztlich war das Ganze auch deshalb im Interesse von Daimler-Benz, weil dann kein markenfremder oder markenübergreifender Mechaniker am Mercedes herumfummelte und vielleicht mehr kaputt machte, als zuvor schon kaputt war.
Die in der typischen Servicefahrzeug-Lackierung umherfahrenden Wagen waren S123 und später S124, wobei beim S123 die Grundfarbe Blau war und die Streifendekoration weiß, beim S124 war es umgekehrt. Diese neuen Servicefahrzeuge schindeten natürlich Eindruck auf die Konkurrenz, und bald hatte BMW auch seine Service-Mobile, erstmals Fünfer der Generation E34 im Jahre 1984. Insgesamt also eine gute Idee, weswegen sie auch kopiert wurde. Nun gab es die Mercedes-Serviceflotte natürlich nicht nur in Stuttgart (aber dort zuerst), sondern auch in anderen westdeutschen Großstädten und bald international. Sie sahen stets gleich aus, manche waren in landesspezifischen Lettern beschriftet. So liegt uns beispielsweise ein Foto eines S123 Servicewagens mit kyrillischen Lettern vor. Er war für die Mercedes-Fahrzeuge im Umfeld der Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau bestimmt, die aber vom Westen boykottiert wurden. US-Präsident Jimmy Carter wollte die Sowjetunion durch Boykott der Spiele für deren Einmarsch in Afghanistan 1979 strafen und erhielt von seinen Bündnispartnern im Westen Solidarität. Im Gegenzug boykottierte die Sowjetunion vier Jahre später die Olympischen Spiele in Los Angeles. Kindergartenverhalten während des Kalten Krieges. Und in Großbritannien, so haben wir recherchiert, gab es vier S123 Servicefahrzeuge, dort genossen die Mechaniker allerdings einen 136 PS starken 230 TE mit Automatik, während die westdeutschen Wagen 72 PS schwache 240 TD mit Schaltgetriebe waren. Norev packt in seine Interpretation den normalen 200er-Benziner ein, der schon immer drin gewesen ist.
Quer durch die Maßstäbe miniaturisiert
Diese Wagen fielen auf im Straßenbild, und zwar positiv. Sie blieben in Erinnerung, weshalb es auch quer durch die Maßstäbe entsprechende Modelle gibt. Das erste war das Minichamps-Modell in 1:43, erschienen im Herbst 2008. Im Herbst 2016 brachte Busch seinen S123 als Service-Fahrzeug in 1:87 in den Fachhandel, nachdem Lechtoys schon zuvor ein auf 450 Exemplare limitiertes Wiking-Sondermodell hatte anfertigen lassen. 1:18 fehlte bislang. Bald nicht mehr. Daimler-Benz gab bei Norev die entsprechende Variante in Auftrag, limitiert auf 2000 Exemplare und erhältlich ausschließlich im Mercedes-Accessoireshop. Lieferbar wird es Anfang 2026 sein.
Den Mercedes Kombi kennen wir mittlerweile zur Genüge, Norev fertigte schon etliche Versionen. Formal Neues gibt es nicht, auch nicht die Ersatzteil- und Werkzeugkisten, die der Monteur im Laderaum mit sich führte. Norev macht ihn also im Neuzustand, und dem (fiktiven) Kennzeichen nach handelt es sich um einen heutigen Wagen mit H-Zulassung. Für die Eigen-Kollektions-Modelle mag Mercedes diese Kennzeichen, die den Wagentyp ausdrücken (hier: BB – S 123 H), was einerseits einer inneren Logik folgt, aber andererseits unrealistisch und fast schon affig ist. Norev führt hier aus, was der Auftraggeber will. Das Neue am Service-Fahrzeug ist also die Lackierung in Surfblau 900 mit Classicweiß 737, schön abgesetzt, der weiße Flankenstreifen verläuft vorbildgetreu auch über die Heckklappe. Interessant dabei ist, dass Weiß die Karosseriegrundfarbe ist, obgleich das Blau flächenmäßig überwiegt. Das sieht man beispielsweise im Motorraum, der ebenfalls weiß ist. Die Windschutzscheibe trägt einen blauen Sonnenblendstreifen und das Heckfenster einen weißen Schriftzug mit „Mercedes-Benz“ und dem Mercedes-Stern. Innen ist der S123 schwarz und ist an Armaturenbrett und Mittelkonsole mit Holz geschmückt, ansonsten die übliche Dekoration sowie Teppichboden in Fuß- und Laderaum.
Ansonsten verweisen wir gerne auf die bekannten Tugenden dieses Modellautos: all open, gefedert, gelenkt, Stahlfelgen mit Chromradkappen, deren Inlett sauber in Blau mit ausgespartem Stern lackiert ist, beste Detaillierung, prima Chrom – ein wunderschönes Modell, von dem man nicht genügend Varianten haben kann – sofern man den W123 mag. Aber das setzen wir natürlich voraus bei jemandem, der sich für dieses Modellauto interessiert. Jedenfalls ist eine solche Sonderversion weitaus spannender als ein weiterer Fließband-S123 in neuer Farbe – auch wenn wir selbst und mit uns sicherlich etliche Enthusiasten weiterhin auf einen S123 in Petrol gieren.
afs





Modellfotos: bat



Foto: Archiv Daimler-Benz

Foto: Archiv Daimler-Benz

Foto: Archiv afs
Steckbrief:
Norev B6 604 0720 (Mercedes-Bestellnummer) Mercedes 200 T W123 Mercedes-Benz-Service 1983 blau/weiß. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. Auflage 2000 Exemplare. UVP 120 Euro.