Storz, Alexander F. Storz: Die großen Mercedes. Vom Adenauer zur S-Klasse. Stuttgart (Motorbuch-Verlag) 2025. 224 Seiten. ISBN 978-3-613-04750-1. Preis 39,90 Euro.
Über Mercedes ist schon viel geschrieben worden. Auch über die S-Klasse. Warum dann noch ein Buch? Dieses Buch lebt von den vielen Bildern, welche noch nie oder kaum veröffentlicht wurden. Wer ein Buch im Stil von Werner Oswald mit unzähligen Tabellen und Daten erwartet, ist hier falsch. In zehn Kapiteln geht es vom „Adenauer“ bis zu den W22, W222 und W223 dieses Jahrtausends. Der Autor schöpft aus seinem Archiv und bringt wunderschöne Fotos zur Ansicht. So von frühen Sporteinsätzen, Staatsempfängen, Umbau als Bestatter usw. Auch der Niedergang der Wagen in zweiter oder dritter Hand ist ein Thema. Das waren noch Zeiten, als man das Lenkrad Elfenbeinfarben ordern konnte. Wo gibt es das heute? Allenfalls beim Fiat 500. Auch die Ponton-Kopie aus China und deren Geschichte ist dabei. Es geht weiter mit der „Heckflosse“. Dabei werden auch die belgischen IMA-Kombis nicht vergessen. Natürlich auch nicht die Coupés und Cabriolets. Dann ein Kapitel über die Baureihe W108/W109. Ein breites Spektrum vom 280er bis zum 6,3 Liter mit dem Motor aus den W100. Natürlich kommen neben Umbauten auch die Renneinsätze der nicht immer rote „Roten Sau“ ins Bild. Ebenso die Wagen für den Vatikan und der Dienstwagen Willy Brandts. Dann kommt der W116. Ein Auto mir einer völlig anderen Anmutungsqualität. Mit einem revolutionären Fahrwerk. Das Design mit den quer eingebauten Scheinwerfern zeigte in die Zukunft. Laut offiziellem Mercedes-Duktus war dies die erste S-Klasse. Mit diesem Typ begannen die ersten Firmen mit dem Tuning. Dis dato gab es keine Spoiler oder Breitbauten. Es ging langsam los. Auch hier wieder Umbauten, als Kombi, Bestatter, verlängert. Kapitel Sieben, der W126. Es war zur damaligen Zeit das Auto schlechthin. Für die Zeit sehr modern. Der W126 ließ, wenn man die richtigen Kreuze auf der Bestellung machte, kaum einen Wunsch offen. Was fast undenkbar war: Stoßstangen aus Kunststoff, die Reaktion auf die „neue Zeit“ nach der Energiekrise, das das Automobil „neu gedacht“ wurde. Diesen fast schon systemischen Umschwung beschreibt der Autor, das aufkommende Sicherheitsbedürfnis, die Vernunft anstelle des Fahrspaßes, die ideologische Kritik am Automobil schlechthin, die in der Gründung der Partei „Die Grünen“ 1980 gipfelte – eben den Zeitgeist der 70er Jahre. Mit dem W126 ging es mit Tuning und Umbauten richtig los. Dabei wurden geschmackliche Grenzen oft überschritten. Gold statt Chrom, das Coupé wurde oft enthauptet, bekam Flügeltüren und breite Backen. Auch das war Zeitgeist, dem Zeitgeist zum Trotz. Selbst Peter Monteverdi versuchte sich am W126. Danach kam der W140, zu groß, zu schwer, zu breit, zu sehr Superlativ. Technisch auf sehr hohem Stand, jedoch – er war unbeliebt. Ganz selten erspäht man einen im heutigen Straßenbild. Zwischen den vielen SUV fällt er mittlerweile wohltuend auf. Weiter geht es mit dem W220, der „Linie der Vernunft“ (das sagt Storz und entfremdet damit eine Bezeichnung, die eigentlich dem Ford Taunus 17m P3 zusteht). Ein würdiger Nachfolger, eben das, was man sich gemeinhin als S-Klasse vorstellt. Auch das Coupe besticht durch Formschönheit. Mit dem letzten Kapitel begibt sich der Autor in das neue Jahrtausend. Thema sind W22, W222 und W223. Da gibt es nun Vierzylinder, Diesel, Hybride, auch Langversionen und ein Coupé – selbst einen Bestattungswagen exhumierte Storz aus seinem Fotoarchiv. Nicht zu vergessen die Reihe der Mercedes-Maybach (auf den „echten“ Maybach, die Typen 57 und 62, verzichtet das Buch, denn sie stehen nicht in der Genealogie der S-Klasse). Es endet beim vollelektrischen EQS, dessen relativen Erfolg der Autor analysiert und noch mehr relativiert.
Das Buch ist sehr zu empfehlen. Schon der vielen schönen Bilder wegen. Kein reines Typenbuch, viele Geschichten aus dem Umfeld. Das Layout typisch Motorbuch-Verlag: Keine Abbildungen über die Mitte gedruckt. Lektorat und Autor arbeiteten sprachlich sorgsam: Uns fiel kein Schreibfehler auf, und Storz’ Schreibstil ist angesichts der Menge seiner Bücher hinreichend bekannt. Das Foto auf dem Titel zeigt die wohl schönste S-Klasse: das W126 Coupé. Aber es zeigt eine ziemlich dröge Aufnahme.
carba