Das triggert das Auge
Da kommt ’was auf’s Auge: ein Veilchen, in Reinkultur. Gepaart mit einem Audi RS4 Avant. NZG importiert den RS4 von Keng-Fai mit einem aggressiven Bodykit von Darwin Pro, lackiert in provokativem, fast schon affrontierendem Lilametallic.
Darwin, Charles, britischer Evolutionstheoretiker, aus dem Biounterricht bekannt. Vor allem sein Satz, wonach derjenige die Zeitläufte überlebt, der sich am besten anpassen kann („Survival of the Fittest“). Der Satz stammt zwar nicht von ihm, aber wurde durch ihn berühmt. Dann gibt es noch den Sozialdarwinismus, für den der alte Charles nichts kann, und der besagt, dass es bessere und schlechtere Menschen gebe, und die von Darwin postulierte biologische Selektion sei auch auf Menschen anwendbar, es also wertvolle und weniger wertvolle Menschen gebe. Das brachte Charles Darwins Namen (und Leistung!) in Misskredit, sorgte aber dafür, dass dieser nach wie vor omnipräsent ist.
Mit Autos hat Charles Darwin nichts zu tun – wenngleich vorstellbar ist, dass so mancher Gangsterrapper (und nicht nur der) davon angetan sein könnte, den Sozialdarwinismus auch auf die automobile Hierarchie anzuwenden. Nun ist Darwin kein ungewöhnlicher Name und nicht nur der alte Charles hieß so. Es gibt auch einen Tuner namens Darwin, genauer Darwin Pro Aerodynamics mit Sitz im nordamerikanischen North Bergen, New Jersey, der europäische Markt wird von Adaptive Automotive im niederländischen Sittard betreut und es gibt Niederlassungen in (fast) allen Ländern. Darwin Pro macht Bodykits, dicke Kotflügel, Heckdiffusoren, Motorhauben, Frontlips, Spoiler, Geflügel – keine Felgen und kein Motortuning, das sind andere Baustellen. Die Darwin-Pro-Bodykits sind entweder aus Fiberglas, aus Fiberglas mit Carbonimitat-Oberfläche oder aus Vollcarbon – eine Preisfrage. Von Keng Fai gibt es zwei Audi in Darwin-Pro-Verkleidung, einen superwilden RS6 Avant und einen etwas gemäßigteren RS4 Avant, den NZG nun offiziell importiert. Der RS4 der jüngsten Generation B9 (2018 bis 2024) trägt Teile von Darwin Pro, so die Frontschürze, den Dachspoiler, den Spoiler auf der Heckklappe unter der Scheibe und einen modifizierten Heckdiffusor. Das ist alles recht geschmackvoll (sofern man Tuning generell als geschmackvoll bezeichnen kann) und halbwegs dezent (wobei sich die Begriffe der Dezenz und des Tunings eigentlich wechselseitig ausschließen) – zumindest im Vergleich zum RS6 von Keng-Fai, der arg „overstyled“ und prollig daherkommt und sogar ein Guckloch in der Carbon-Motorhaube aufweist. NZG hat sich von den beiden Keng-Fai-Audis also den weniger Aufdringlichen und eher Gefälligen ausgesucht. Wobei die drei angebotenen Farben allerdings einen aufsteigenden Grad der Eskalationsstufe darstellen. Dunkelgrünmetallic mit goldenen Felgen ist ja noch solide, helles Türkismetallic mit silbernem Schuhwerk ist bereits ein Statement, aber Violametallic mit schwarzen Alus ist exzessiv. Natürlich haben wir uns das Veilchen ausgesucht, denn von der Weihnachtsbaumfarbe haben wir genug, und das eisige Hellblau markiert das Winterwetter. Das Veilchen hingegen ist eine Frühlingsblume, ist sanft, duftet gut, macht Lust auf Ostern. Passen diese Attribute zu einem Audi mit Darwin-Pro-Anbauteilen? Wohl kaum! Das Veilchen steht auch für etwas anderes, für das blaue Auge nach einem derben Schlag auf dasselbe, also für Aggression, für Kampf mit Sieger und Verlierer. Das passt zur Charakteristik dieses Fahrzeugs weit besser! Das ist aber nur eine theoretische Aussage. Dem Verfasser ist noch nie einen Darwin-Pro-Umbau live auf der Straße begegnet. Woran das wohl liegen mag?
Pflicht und Kür
Die komplette Schürze vorne wird von einer Sichtcarbon-Spoilerlippe nach unten begrenzt, in Sichtcarbon auch die vier Side Flaps und die Lufteinlässe. Die Kotflügel sind bereits werksseitig breit genug, da tat Darwin Pro nichts. Hinten sind die Änderungen auffällig: neuer Diffusor-Einsatz für die Serienschürze mit sechs Finnen, in der Mitte eine LED-Bremsleuchte, dazu eine Ducktail-Spoilerlippe unter der Heckscheibe und ein vergrößerter Aufsatz für den werksseitigen Dachspoiler. Und das alles in rennsportmäßigem Sichtcarbon. Darwin Pro bietet also eine Styling-Alternative zu Abt Sportsline oder Caractere Exclusive. Keng-Fai hat all das wunderbar umgesetzt, wobei die Oberfläche des Carbons nicht hochglänzend, sondern in eher natürlichem Seidenmatt gehalten ist. Die roten Bremssättel waren ein Audi-Extra für 400 Euro Aufpreis und sehen hinter den rabenschwarzen Felgen natürlich viel knalliger aus als serienmäßige schwarze Sättel. Keng-Fai beschriftet sie vorbildgerecht mit „Audi Performance“. Und selbst an der Unterkante der Heckklappeninnenverkleidung finden sich die Piktogramme zum automatischen Schließen des Deckels.
So beeindruckend das Vorbild ist, so sehr beeindruckt auch die Machart des Keng-Fai-Modells. Ein typischer China-18er eben: Er kann mehr, als europäische Modelle des gehobenen Anspruchs können. Alles auf und federn und lenken ist bei den Chinesen die Pflicht. Interessant ist der Blick auf die Kür. Beweglich sind die Außenspiegel, das Panorama-Schiebedach lässt sich nach hinten schieben. Im völlig serienmäßigen, schwarzem Innenraum entdecken wir verschiebbare Vordersitze mit roten Nähten und eine Oberflächenstruktur der Sitzflächen, die haptisch tatsächlich an Stoff erinnert. Überdies sind die Armlehnen der Vordersitze und der Rücksitzbank beweglich. Unter der Vorderhaube begeistert uns, dass die Motorabdeckung abnehmbar ist und den Blick auf die Innereien frei gibt. Laut beiliegender Anleitung (erfreulich, dass es das gibt!) lässt sich auch der Kofferraumboden hochklappen und gibt den Blick auf das Reserverad frei. Das konnten wir nicht verifizieren, es wollte uns einfach nicht gelingen. Darüber hinaus ist der Audi State of the Art in Sachen Detaillierung, Haubenkinematik, Scharniere und Haubenlifter, Chromoberfläche an den Einstigen, Dreidimensionalität der Schriftzüge und Logos – schlichtweg ein sehr fein gemachtes Modellauto ohne Schwächen, aber mit vielen Stärken.
Schön, dass uns nun NZG einen getunten RS4 in ganz feiner Umsetzung ermöglicht und nicht den Darwin-Pro-RS6 importiert. Denn der RS-Sechsen sind wir angesichts der Modellschwemme ziemlich überdrüssig. Jeder macht ihn, in dessen Portfolio ein RS6 auch nur ansatzweise passt. Da ist der RS4 geradezu ein Mauerblümchen. Und wenn das Mauerblümchen auch noch ein Veilchen ist, so kommt dabei ein echt cooles Modell heraus.
afs




Modellfotos: bat






Foto: Darwin Pro
Steckbrief:
Keng-Fai 2301 Audi RS4 (Typ B9) Avant (Darwin) 2022 Lilametallic. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP des Importeurs NZG 155,00 Euro.