Andere Maßstäbe

News 1:32 Märklin Magirus Mercur 120 S Pritschenlastwagen

Schni-Schna-Schnappi

Ein ikonischer Lastwagen der 50er Jahre, der Magirus mit der Alligatorhaube, der Magirus mit den Planetennamen und dem kernigen Sound luftgekühlter Deutz-Dieselmotoren. Märklin macht im Spur-1-Maßstab 1:32 den Magirus Mercur 120 S als Sattelzugmaschine mit Ballastpritsche.

„Rundhauber“ ist der ideale Gegensatz zu „Eckhauber“. Der Dualismus bedarf keiner Erklärung. Aber Rundhauber gab es viele in der Lastwagengeschichte der 50er Jahre, der Spitzname charakterisiert nicht unbedingt einen konkreten Laster. „Alligatorhauber“ hingegen schon, das ist der Magirus-Deutz ab 1951, zwanzig Jahre lang gebaut, zuletzt ausschließlich als Paketpostwagen. Und das ist nicht mal ein Spitzname im klassischen Sinne, denn Magirus-Deutz selbst sprach in Verkaufsunterlagen von der „Alligatorhaube“. In Wahrheit hatten die Rundhauber natürlich seriöse Namen. Anfangs je nach Tonnage S3500, S4500 bis hin zum S7500. Ab 1955 mit dem Namenszusatz der Planeten Mercur, Saturn und Jupiter. 1958 fielen die Tonnagebezeichnungen weg, der Jupiter wurde ebenfalls eliminiert, und die Magirus-Rundhauber hießen Sirius, Mercur und Saturn mit dreistelliger Zahl im Anschluss, welche die Motorleistung in PS angab, danach noch ein Buchstabe: L für normale Lastwagen, S für Sattelzugmaschinen und K für Kipper. 1964 wurde es sehr prosaisch, dem Weltraum wurde entsagt, dafür banale Zahlen/Buchstabenkombinationen à la M90D7L oder M110D7L (Motorleistung und -bauart, zulässiges Gesamtgewicht in Tonnen, Antriebs- und Aufbauart). Ab 1962 ersetzte Magirus-Deutz die runden Hauben peu-à-peu durch eckige, 1967 endete die serienmäßige Produktion der Alligatorhaube; nur für die Post wurden noch bis 1971 Magirus-Rundhauber produziert (rund 1000 Stück des Modells 110D7L). Generell waren die Fahrerhäuser von Eck- und Rundhaubern identisch bis auf die Haube. Die runde Haube war schwieriger zu pressen und sie vermittelte weniger Stabilität. Aber sie verschaffte dem Fahrer einen besseren Blick auf die Straße und sie sah eleganter und modischer aus; möglich wurde sie nur deshalb, weil vor dem Motor eben kein kastenförmiger Wasserkühler platziert war, sondern „nur“ ein Lüftungsgebläse, das eben für den charakteristischen Deutz-Sound sorgte. Alle Alligatorhauber hatten zwischen 3,5 und 9 Tonnen Nutzlast, angetrieben wurden sie von luftgekühlten Deutz-Dieselmotoren mit 4, 6 oder 8 Zylindern in V-Form, zwischen 85 und 170 PS stark.

Märklin gibt seinem Modell den Namen Mercur 120 S, was ihn dem Bauzeitraum 1958 bis 1964 zuordnet, ihn 120 PS stark macht und preisgibt, dass es sich um eine Sattelzugmaschine mit entsprechend kurzem Radstand handelt. Darauf ist eine Pritsche montiert. Wiking-Sammler kennen das unter der Bezeichnung „Sattelzugmaschine mit Ballastpritsche“. Statt einer Sattelpfanne ist also eine Pritsche montiert. Das ist notwendig, um die angetriebene Hinterachse zu belasten, wenn das Ding einen schweren Anhänger zieht. Letztlich ist es also eine Zugmaschine.

In Tübingen geboren, von Märklin adoptiert

Also solche wurde das Märklin-Modell auch geboren. Die „Gebrüder Märklin“ sind nämlich nicht die „Eltern“ des Modells (wäre auch schlimm, weil das auf Inzest hindeuten würde!). Vielmehr ist es eine Entwicklung der Firma Hübner-Feinwerktechnik in Tübingen, die auch Spur-1-Modellbahnen und -Zubehör herstellte. Hübner verkaufte sein Sortiment an Märklin, für die er zuvor auch Spur-1-Modelle produziert hatte. Der Magirus erschien vor circa 20 Jahren als Hübner-Modell in diversen Varianten, auch als Bundesbahn-Zugmaschine. Zwischenzeitlich kam er, ebenso wie das Tempo Hanseat Dreirad mit gleichem Lebenslauf (siehe Caramini-online vom 6. April 2025) von Märklin in diversen Farben, nun in froschigem Landwirtschaftsgrün mit Kotflügeln, Felgen und Fahrgestell in Schwarz. Zuvor hatte es ihn bereits in hellem Bundesbahn-Grau gegeben, mit einem Dampflok-Radsatz auf der Pritsche, sowie unbeladen in Gelb.

Die Detaillierung ist herrlich, Hübner hatte ganze Arbeit geleistet und Märklin lässt das Modell ohne „Shortcuts“ ganz wie damals produzieren. Es rollt auf Gummireifen und ist lenkbar, Fahrgestell aus Zinkdruckguss, Fahrerhaus und Pritsche aus Kunststoff, die Außenspiegel sind klappbar, die Türgriffe separat eingesetzt. Sehr schön die Peilstangen auf den Vorderkotflügeln mit elfenbeinfarbenen „Knubbeln“, das Lenkrad in derselben Farbe, der Innenraum schwarz. Saubere Arbeit: Märklin lackierte das Fahrerhaus innen komplett schwarz, sodass keine froschgrünen Partien zu sehen sind, nicht mal am Dachhimmel. Über den Rädern, also an den Vorderkotflügeln und am Pritschenunterrand, ist die Achslast aufgedruckt (vorne 3,2, hinten 7,8 Tonnen), stilistisch etwas fragwürdige, aber durchaus vorbildgetreue Zusatzscheinwerfer werten das Modell auf. Hinten eine Klauenkupplung, unten ein separater Auspuff. Die Haube ist rechts und links mit dem Schriftzug „Magirus-Deutz“ bedruckt, im Grill das Markenlogo, das eine Kombination aus dem stilisierten Ulmer Münster und dem „M“ für „Magirus“ darstellt, daneben der Schriftzug „Mercur“. Die Scheibenwischer sind filigran gefertigte Fotoätzteile, zugelassen ist die Zugmaschine im württembergischen Aalen, dem Paris der Ostalb. Das ist ein wirklich sehr schön gemachter Lastwagen im Spur-1-Maßstab 1:32, die Auflage wird nicht kommuniziert, dürfte aber überschaubar sein. Das hat freilich seinen Preis, der ist nicht ohne. Aber die Erfahrung (und ein Blick auf das Ebay-Angebot) lehrt, dass dieser Magirus als Gebrauchtwagen kaum billiger wird, eher im Gegenteil.

afs

Eine runde Haube und ein donnernder Deutz-Diesel darunter – das macht den Charme des Magirus mit der Alligatorhaube aus und fasziniert die Besucher von Lastwagen-Klassikertreffen. Für den luftgekühlten Deutz-Diesel gilt das gleiche wie für den ebenfalls luftgekühlten VW Käfer: Luft kocht nicht, Luft gefriert nicht. Der Motor ist unempfindlich gegen Hitze und Kälte.
Modellfotos: bat
Klassischer Leiterrahmen, klassische Starrachsen vorne und hinten, an klassischen Blattfedern aufgehängt, hübsch ist die separat ausgeführte Auspuffanlage. An das Reserverad heranzukommen, muss für den Fuhrmann (so sagte man damals zu demjenigen, der heute „Trucker“ heißt) eine Qual gewesen sein.

Steckbrief:

Märklin 18224 Magirus Mercur 120 S Pritschenlastwagen grün. Fertigmodell Kunststoff/Zinkdruckguss, Maßstab 1:32. UVP 169 Euro.