Wie mittel ist dunkel?
Daimler-Benz hatte schon immer Mut zur Farbe – ganz unabhängig davon, dass der Konzern vorwiegend konservativ eingestellt war. Der Mut ist wohl auch am Verbreitungsgebiet festgemacht, das bei Mercedes tatsächlich weltweit ist. Weltweit herrschen eben andere (Farb-) Geschmäcker vor als in den Verbreitungsgebieten vorwiegend eurozentrisch eingestellter Autohersteller. Und wenn Mercedes schon Farben im Angebot hat, die vorwiegend beispielsweise auf Nordamerika zielen, so sprach nichts dagegen, diese auch anderswo anzubieten. So manchen Kunden konnte man über eine individuelle Farbe gewinnen. Wer in den Sechzigern dem Weißbeigegrau-Einerlei entkommen wollte, aber eigentlich keinen Mercedes in Erwägung zog, mag durch spezielle Farben eben doch auf den Mercedes gekommen sein.
Heute profitiert Daimler-Benz nach wie vor davon – und sei es nur, dass Norev genügend Möglichkeiten hat, seine Mercedes-Modelle zu variieren. Nun kommt der 190 SL in Mittelblau 350, zwischen 1963 und 1972 Bestandteil der Daimler-Benz-Farbpalette und somit für den 190 SL nur in dessen letztem Jahr lieferbar. Und selbst das war kein komplettes Modelljahr mehr. Am 8. Februar 1963 lief das letzte Exemplar vom Band, und anno 1963 wurden gerade mal 104 Fahrzeuge gebaut – von denen obendrein 54 in den Export gingen. Aber das war normal, nur rund ein Fünftel der Gesamtproduktion (25.881 Exemplare) wurde in Westdeutschland ausgeliefert (5245 Stück). Wie viele 1963er 190 SL in Mittelblau 350 lackiert wurden, ist nicht überliefert. Viele waren es nicht. Mittelblau 350 klingt nach mittlerem Blau, und Daimler-Benz hatte damals wenig originelle Farbbezeichnungen. So gab es auch Hellblau und Dunkelblau. Mittelblau also sollte mittelblau sein, aber es ist eher dunkles Blau, sogar ziemlich dunkel. Immerhin: Je dunkler das Blau, umso eher hebt sich der Chromzierrat ab, und das ungemein helle Interieur steht in krassem Kontrast zum Außenlack.
Chrom trägt der Norev 190 SL viel. An der Karosserie gibt es nicht ein silbernes Druckwerk, das ja prinzipiell nur einen Kompromiss für Chrom darstellt. Alles separat eingesetzt, was glänzen muss, auch winzigste Fitzelchen wie das Kofferraumschloss, der Radioantennenstummel oder der Tankverschluss, selbst im Innenraum viele separate Chromteile. Lenkrad und Schaltknauf sind elfenbeinfarben, sehr schön ist das Becker-Radio nachgebildet. Das Armaturenbrettmittelteil, im Original in Karosseriefarbe lackiertes Blech, ist bei Norev ein Druckwerk, der Farbton nuancengenau zum Außenlack getroffen. Frühe 190 SL trugen innen Gummimatten, erst später gab es Innenteppiche aus Haargam-Bouclé. Wir schreiben bewusst „Innenteppiche“, denn es handelte sich nicht um einen durchgängigen Teppichboden. Das Norev-Modell ist innen beflockt.
Generell ist der Norev 190 SL kein neues Modell und an manchen Details sieht man ihm sein Alter an. Aber er ist nach wie vor zeitgemäß. Alles ist zu öffnen, er lenkt, er federt nicht. Und er ist alternativlos. Die längst nicht mehr lieferbaren Einfachmodelle von Maisto und Ertl verblassen, was auch für die Welly-Interpretation gilt. Das Wasser reichen kann dem Norev allenfalls das Minichamps-Modell, das erheblich teurer ist und von Minichamps nur sporadisch wieder aufgelegt wird. Zum bislang letzten Mal erschien es im Herbst 2022, ist längst ausverkauft und wird gebraucht weiterhin um den Neupreis herum gehandelt. Und an den seligen AUTOart kommt man so gut wie nicht heran.
afs


Modellfotos: bat


Foto: Wikisympathisant
Steckbrief:
Norev 183403 Mercedes 190 SL W121 1957 mittelblau (geschlossenes Verdeck beiliegend). Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 89,95 Euro.