Magalhães, Henrique: Feito em Portugal. Escala 1/43 e H0. Lisabon (Chiado Editora) 2016. 362 Seiten. ISBN 978-989-51-7254-2. Preis 15 Euro.
Wenn nur die Sprache nicht wäre… Portugiesisch! Können wir nicht. Und nur Bildchen anschauen, lohnt sich nicht. Denn die Fotos sind qualitativ schlecht und inhaltlich herzlich nichtssagend. Außerdem ist das Buch bereits zehn Jahre alt, somit alles andere als aktuell (wir sind aber jetzt erst darauf aufmerksam geworden). Warum also ein Buchtipp in Caramini-online? Weil das Buch einen Inhalt hat, den nur dieses Buch abhandelt, es also im Merkel’schen Sinne alternativlos ist, weil es für 1:43-Sammler mit Blick aufs Historische eine gute Bereicherung ist, weil es ein auch uns bisher unerschlossenes Gebiet eröffnet: Miniaturautos aus Portugal im Maßstab zwischen 1:43 und circa H0 von Beginn bis zum Ende. Das Ende ist fließend, denn Portugal war einige Zeit lang die preiswerte Werkband europäischer Hersteller. So ließen Norev, Corgi Classics (heute: Corgi Vanguards), Gama, Rextoys oder Mattel („The Dinky Collection“) in Portugal sowie in der damaligen portugiesischen Kolonie Macau fertigen, bevor die Karawane weiter zog nach China – respektive, bis Macau wieder chinesisch wurde. Das Buch behandelt also, grob gesagt, die portugiesische Miniaturautoproduktion ab Anfang der 50er bis zum Anfang der 90er Jahre.
Henrique Magalhães bezeichnet sich selbst als 1:43- und 1:87-Sammler seit 1989, und seine Idee war, die nationale Miniaturautoproduktion zu katalogisieren. Und das ist das Stichwort: katalogisieren. Letztlich ist sein Buch ein Katalog, weswegen es auch einem nicht portugiesisch sprechenden Sammler genügend Nährboden bietet. Die kurzen, einleitenden Texte zu den jeweiligen Hersteller kann man sich mit etwas sprachlichem Geschick herleiten (und wer dereinst Latein lernte, tut sich noch leichter), und das eigentliche Studium des Buches besteht darin, zu sehen, wer alles in Portugal tätig war, womit er tätig war und was er hervorbrachte. Portugiesische Spielzeug- und Modellautos sind viel mehr als die allgemein bekannten Marken Metosul, Luso Toys, Ribeirinho, Jato/Pepe, Troféu und Vitesse. Da gab es unzählige kleine Kunststoffspritzereien, die mehr oder weniger nettes Billigspielzeug machten, andere strengten sich formenbauerisch richtig an. Die Vielzahl ist erstaunlich und unerwartet. Vor allem unerwartet ist, was alles aus Portugal kommt, das der Sammler bisher in ganz anderen Ländern verortet hat.
Den „Textteil“ kann sich sparen, wer über Grundwissen verfügt. Der Autor erklärt Maßstäbe und Materialien, den Unterschied zwischen Fachhandels- und Werbemodell sowie die kleinen Beigaben zu Haushaltsprodukten, derer viele eben billige Plastikautos waren (wie in Frankreich auch), zudem wird ein wenig auf thematisches Sammeln eingegangen – geschenkt! Der Hauptteil ist der Katalogteil der „Marcas Portuguesas“, alphabetisch sortiert über rund 300 Seiten, und unter die Autominiaturen schmuggeln sich auch Flugzeuge, Boote, Häuschen und Figuren. Die (viel zu) geringe und eben auch schlechte Bebilderung (unterbelichtete Knippsis am Küchentisch, ganz grausam) macht es fast unmöglich, Unbekanntes im eigenen Bestand zu identifizieren, denn es ist schon ein großer Zufall, wenn das eigene „unknown“-Modell abgebildet ist. Recht spannend sind die hauptsächlich auf dem Heimatmarkt vertriebenen 1:43-Kleinserienmodelle aus Resine in den 90er Jahren, die in Deutschland kaum jemand kennt, die aber für Markenspezialisten interessant sein mögen (Edicðes Victor Lopes machte unter dem Label EVL einen Audi 200 Quattro und einen Kadett E GSi – wer hat’s gewusst?). Naturgemäß einen Großteil des Kataloges nehmen die Auflistungen aller Vitesse- und Troféu-Varianten ein, wofür vor allem Rennsportsammler dankbar sein dürfen.
In den frühen 70er Jahren tauchte in Belgien ein größerer Posten unlackierter Gasquy-Sep-Toys-Modelle (eine kaum bekannte, belgische Diecast-Spielzeugautomarke aus den 50er Jahren) auf, welche der Auffinder bei Metosul in Portugal lackieren ließ. Das begründet die relativ große Zahl an Gasquy Sep Toys im Neuzustand, die am Markt sind. Und wie wir nun erfahren, kopierte nicht nur José Teixeiras Firma Ribeirinho den gläsernen Wiking-Brezelkäfer in 1:40, sondern auch die Firma Hércules des Alfonso Henriques. Auf, Wiking-1:40-Spezialisten: Die Hércules-Interpretation fehlt Euch noch! Was wir bemängeln: Der Autor bemüht sich um Vollständigkeit und listet die Typen akribisch auf. Aber er erwähnt nie, dass viele Miniaturen, vor allem Plastikspielzeug, Kopien von Produkten anderer Hersteller sind. Dass Luso Toys einen Ford Fordor von 1949 machte, ist schön und recht. Interessant wäre aber die Erwähnung, dass es sich um die Kopie des Siku-Selbstbau-Autos handelte. Und alle Metosul-43er sind von anderen Fabrikaten abgekupfert. Der Sammler antiquarischer 43er weiß zwar längst, von wem. Aber aus Magalhães’ Buch erfahren wir es nicht.
Das Buch ist ein Paperback, das Papier sieht nach ungebleichtem Umweltschutzpapier aus, die Fotos sind klein und unprofessionell (insofern ist der günstige Preis eine kleine Kompensation für die mangelnde Qualität). Trotzdem ist das Buch, wie schon erwähnt, alternativlos – für jenen, der sich für dieses Nischenthema interessiert. Und dieses Nischenthema ist eben Teil des großen Ganzen, des Miniaturautokosmos’.
Bezugsquelle: Via ISBN-Nummer theoretisch bei jedem Buchhändler. Am preiswertesten und am schnellsten ist wohl der Erwerb direkt beim Verlag in Portugal: https://www.atlanticbookshop.pt/nao-ficcao/feito-em-portugal-escala-143-e-h0. Neben dem gedruckten Werk für 15 Euro gibt es dort auch eine E-Book-Version für 5 Euro.
afs