Picha, Alexandr: 90 let Ceskoslovenskych a Ceskych Kovovych Modelu (grob übersetzt: 90 Jahre tschechische Modellautos). Prag (Model Depo, Miramis s.r.o.) 2024. 240 Seiten. ISBN 978-80-11-04500-5. Preis in Tschechien umgerechnet rund 25 Euro.
Bücher über Modellautos müssen sich thematisch spezialisieren, denn das Thema „Modellautos“ ist zu groß, zu breit, zu weit, um zwischen zwei Buchdeckel zu passen. Was alles abdecken will, kratzt nur an der Oberfläche. Nun gibt es ein Buch, das sich ausschließlich mit tschechischen und tschechoslowakischen Miniaturautos befasst und deren 90jährige Geschichte abdeckt. Ein hoch spannendes Thema, denn der Großteil dieser Geschichte spielte sich hinter dem Eisernen Vorhang ab und ist somit zumindest für Wessis absolute Terra Incognita. Der Haken daran: Das Buch ist in tschechischer Sprache geschrieben, und diese ist für die meisten Deutschsprachigen eben auch Terra Incognita.
Die Modellszene in der tschechischen Republik ist etwas anders als hierzulande üblich. Es gibt sehr wenige spezialisierte Händler, der größte ist Foxtoys in Prag. In den großen Spielzeuggeschäften ist die Modellautoauswahl dürftig – bis auf die allgegenwärtige „Nationalmarke“ Abrex. Genau sie kommt in Pichas Buch nicht vor, denn sie soll Thema eines eigenen Buches werden. Im Land gibt es im Prinzip an vier Orten regelmäßige Modellbörsen, in Brünn, Ostrau, Pilsen und Prag. Sie beginnen zumeist gegen acht Uhr und um elf ist alles vorbei. Kurz und schmerzlos. Tschechische Sammler geben ihr Geld im Internet aus. Und sie geben viel aus. Tschechische Sammler scheinen wohlhabend zu sein, und wie die Miniaturautoenthusiasten in den meisten Nationen, haben sie ein Faible für das, was in ihrem Land produziert wurde, vorzüglich also Tatra und Škoda, hergestellt von einheimischen Spielzeugauto- und Modellautoproduzenten.
Die zahlreichen tschechischen Kleinserienhersteller à la Hynek Knopp oder Moravia oder Liška, welche die ČSSR-Automobilgeschichte in Resine miniaturisierten, findet man im Buch nicht – sowenig wie die früher populäre Marke Igra. Alexandr Picha meint, er hätte noch Jahre Arbeit vor sich. Er ist übrigens auch der Verfasser des ultimativen Buches über die Matchbox-Yesteryears der ersten Serie.
Jetzt wissen wir, was das Buch nicht enthält. Interessant zu wissen ist aber vor allem, was es abhandelt. Da sind zunächst mal die ganz frühen Zinkdruckgussmodelle von Pogus und Aluzil in circa 1:40 aus dem Sudetenland, gefertigt in den späten 30er Jahren. (Sind das dann überhaupt tschechische Miniaturen oder eher reichsdeutsche? Das ist hier die historische Frage.) Dann die großen, schweren Tatra-Modelle aus grobem Aluminiumguss, die Tatra selbst fertigte und in der hauseigenen Lackiererei lackieren ließ, zu Werbezwecken, zur Dekoration der Messeauftritte und zur Freude hoher Angestellter (weshalb sie halb spöttisch, halb ernsthaft „Direktorenmodelle“ genannt werden), frühe Nachkriegswagen, vor allem aber den Tatra 603, Erstversion von 1956 und 2-603 von 1963, zusätzlich auch den frühen Tatra 613, mal auf Holzsockel, mal auf Plexiglasschwinge montiert – sehr repräsentativ, sehr eindrucksvoll. Picha illustriert die Kapitel schön mit Abbildungen damaliger Kataloge der Vorbilder.
Man glaubt nicht, wie groß der Umfang tschechischer Modelle ist. Dazu die Lizenzproduktionen von Norev. Nicht nur die beiden aus Norev-Formen entstandenen Jaguar E-Type und Porsche 906, es wurden weit mehr Norev-Modelle in der ČSSR gefertigt (was dem Autor dieser Zeilen bislang völlig unbekannt war). Tekno ließ seine 1:50-Lastwagen zwischen 2001 und 2019 komplett bei Kaden produzieren. Ein Thema ist auch das Matchbox-Modell des Škoda 130 LR. Interessant sind die handgearbeiteten Ferrari Modelle in 1:18 von Vaclav Horak aus Prag. Mittlerweile gibt es auch vom Prager Großhändler Foxtoys gute Modelle von Škoda und Tatra. Made in Bangladesh natürlich. Und made by Ixo natürlich. Schade nur, dass Foxtoys seine Eigengewächse preislich so hoch positioniert; ein 1:43er-Ixo kostet dort das Drei- oder Vierfache eines Ixo-Fachhandelsmodells.
Wer Ostblock sammelt, kann so manches unbekannte Modell zuordnen. Und er läuft Gefahr, sein Seelenheil zu verlieren. Denn nahezu jeder Ostblock-Sammler wird feststellen, was ihm fehlt – und seien seine Bestände noch zu umfangreich: „So sind am Härtsten wir gequält: Im Reichtum fühlend, was uns fehlt.“ (Das stammt nicht von einem tschechischen Lyriker, sondern von einem deutschen.) Im Tabellenteil am Ende des Buches listet Picha tschechische Erzeugnisse mit mindestens vier Rädern von 1935 (!) bis 2024 auf.
Der größte Nachteil: Das Buch ist auf Tschechisch! Keine Übersetzung. Es wendet sich an Einheimische. Auch die Beschaffung des Buches ist ein Abenteuer. In Deutschland ist das fast nicht möglich, es sei denn, man zahlt überhöhte Preise auf Ebay. Dort wird es für über 50 Euro angeboten. Der tatsächliche Preis in Tschechien beträgt umgerechnet rund 25 Euro. Am einfachsten kauft man es direkt beim Autor, Alexandr Picha besucht oft die Prager Börse. Also einfach mal nach Prag düsen, Börse besuchen, Buch kaufen, vom Autor signieren lassen. – Das Layout des Buches ist sehr gut, die Limitierung auf 1000 Exemplare (jedes Einzelne ist durchnummeriert) vermittelt erhöhte Wertigkeit. Fast durchweg farbige Abbildungen, hochwertiges Papier. Ein Lesezeichen zum Einlegen liegt bei, das ist eine nette und heute kaum mehr übliche Zugabe.
Die Beschaffungsschwierigkeit macht das Buch in Deutschland exklusiv. Ostblock-Sammler müssen es haben, denn Ostblock-Modellautos kommen nun mal nicht nur aus der DDR oder der Sowjetunion. Wir können kein Tschechisch. Wir bedauern das manchmal. Jetzt zum Beispiel. Trotzdem gieren wir jetzt schon auf Pichas kommendes Buch. Und auf die Herausforderung, es zu beschaffen.
carba/afs