Literatur

Lesenswertes: Denzel Sportwagen

Fritz, Alexander Diego: Denzel Sportwagen. Eine Legende aus Wien. Wien (Verlag Brüder Hollinek) 2026. 167 Seiten. ISBN 978-3-85119-399-2. Preis 49 Euro.

Die Krönung der Sammlung und somit womöglich auch der Schluss- und Endpunkt: Alexander Diego Fritz ist nun Eigentümer eines Denzel. Den hat er sich schon immer gewünscht, schreibt er in seinem Buch. Und deshalb wird dieses nach eigenen Angaben auch sein letztes über Volkswagen mit Sonderkarosserien im Verlag Brüder Hollinek sein, schreibt er uns auf Anfrage. Er wolle sich künftig eher auf Lyrik und Poesie verlegen. Das ist natürlich auch schön. Aber seine Lyrik wird in Caramini-online nicht rezensiert werden.

Wir haben schon etliche Bücher des Autors genossen, wir kennen sie, den Aufbau, den Schreibstil, die Art der Illustration. Das jüngste baut darauf auf, keine Revolution – bis auf eine: Wir kritisierten stets lustvoll die bildliche Selbstdarstellung des Autors in seinen Büchern, und das scheint sich Alexander Diego Fritz zu Herzen genommen zu haben. War er in seinem vergangenen Werk über die Wiederherstellung seines Volkswagen mit Karosserie aus der Meisterschule Kaiserslautern stattliche 15 Mal auf Fotos zu sehen, beschränkt Fritz seine Inszenierung nun auf sechs Aufnahmen (Reduzierung der Vanitas), was dem Lesevergnügen so gar nicht schadet. Es freut uns fast, etwas Gutes bewirkt zu haben.

Was ist überhaupt ein Denzel? Ein kleiner Zweisitzer aus den 50er Jahren mit einer sehr einfach, aber proportional harmonisch gezeichneten Roadsterkarosserie, technische Basis Volkswagen, der VW-Motor von Wolfgang Denzel in nahezu jedem Bauteil modifiziert, ein veritabler Rennmotor. Knapp 70 Fahrzeuge entstanden in der Wiener Gumpendorfer Straße Nummer 19, jede Karosserie in individueller Handarbeit, keine gleicht exakt der anderen. Die wenigen heute noch existenten Denzel gehören innerhalb der Volkswagen-Exoten-Szene zu den hochpreisigsten Exemplaren. Wer sich einen Denzel gönnt, könnte locker auch einen Porsche 356 kaufen. Das wusste Fritz schon immer, und darum tänzelte er auch Jahrzehnte um das Thema Denzel herum, ohne es angegangen zu sein. In dieser Zeit lernte er aber die Denzel-Szene kennen, in der offenbar jeder jeden kennt. Sie ist international, aber überschaubar.

Fritz recherchierte die Biographien verschiedener Denzel-Exemplare (was den Begriff der „Auto-Biographie“ in ein ganz neues Licht rückt). Das ist nicht nur hoch interessant zu lesen und unterhaltsam, es ist auch ein Lehrstück über österreichische Befindlichkeiten und Eigenheiten, gar über so manche Struktur, die uns zeigt, wie Österreich funktioniert. Fritz taucht tief ein in die familiären Bindungen und Verflechtungen. Das ist seine Eigenheit, sich einem Auto auto-biographisch zu näheren, und dabei urteilt er fast schon freundschaftlich über Verstorbene („ein fescher Kerl“, ein „gut aussehender“ junger Mann) – was seine Fortsetzung findet beim Grabbesuch des Vorbesitzers seines Denzel, wodurch er „spirituelle Verbindungen“ sucht und findet.

Klasse ist die Bebilderung dieser Kapitel, lauter Privataufnahmen mit Denzel-Sportwagen im Fokus, aber auch genügend Nebensächlichkeiten außerhalb desselben, die manchmal interessanter sind als das Auto selbst. Es dürfte wohl keine Quelle geben, in der konzentriert so viele Denzel-Lichtbilder an einem Ort zu finden sind, wie in diesem Buch. Natürlich recherchierte Fritz nicht nur bei Nachfahren von Denzel-Eigentümern und in deren Privatalben, sondern auch im Zentrum des Geschehens, bei Wolfgang Denzels Sohn, wodurch der geneigte Leser diesem noch mehr zugeneigt wird, weil er quasi an den Ort des Geschehens „gebeamt“ wird. Fritz schafft Atmosphäre, charakterisiert Wolfgang Denzel, seine Arbeit, seinen Umgang mit Mitarbeitern und Partnern. Und Fritz spricht über seine Co-Denzelisten, die anderen Denzel-Sammler. Er hat das große Glück, während der Restaurierung seines Exemplars näheren Kontakt zu gleich zwei Mitstreitern zu haben, die dasselbe Unterfangen ausüben: einen Denzel zu retten. Und genau das offenbart ihm auch die für Restauratoren unersprießliche Tatsache, dass jede Karosserie anders ist.

Der erste Teil des Buches ist also die Denzel-Geschichte im Allgemeinen, der zweite die Restaurierungsgeschichte von Fritz’ Denzel im Speziellen, meist recht unsachlich und mit Selbstironie geschrieben, deshalb lesenswert auch für jenen, der zufälligerweise gerade keinen Denzel wiederbelebt. Da erfahren wir von „austretender Gelenkflüssigkeit“, also Körperflüssigkeit nach einem Flex-Unfall, aber auch von viel „blood, sweat and tears“, die ein Restaurator erlebt – wohl jeder Restaurator, der nicht ein Wrack in die Fachwerkstatt bringt und den Auftrag der Vollrestaurierung ohne Rücksicht auf Kosten erteilt. Fritz macht selbst, was Fritz selbst machen kann, und mit der Erfahrung eines ganzen Lebens kann er so einiges machen. Was er nicht selbst kann, machen andere für ihn, und der Lokalpatriotismus beschränkt sich hierbei nicht auf Österreich als Ganzes, sondern reduziert und konzentriert sich auf die Hauptstadt, in der er wohnt und in der der Denzel gezeugt und geboren wurde. Und dann ist da noch „Julia mit ihrem unbestechlichen Blick“, die viel geholfen hat. Alle Helfer und Fachleute werden im Buch gezeigt. So gerne hätten wir auch Julia gesehen, alleine wegen des unbestechlichen Blickes. Aber Julia haben wir vergebens gesucht. Wollte sie nicht abgebildet werden? Oder sollte Fritz seine Julia gar vergessen haben? Wir werden es nicht erfahren – zumindest nicht, bevor diese Rezension veröffentlicht ist.

Erneut freuen wir uns über die Austriazismen im Buch, die uns jedes Mal aufs Neue zeigen, dass das Deutsch der Österreicher eben nicht immer deckungsgleich mit dem Deutsch der Deutschen ist. Wenn ein Deutscher jemanden beleidigt, so beschimpft er ihn. Der Österreicher verwendet das Wort für das, wofür der Deutsche sagt, es tue ihm leid. Autositze werden in Österreich „tapeziert“, und der Sattler ist ein „Tapezierer“. In Deutschland klebt der Tapezierer Papiertapeten an die Zimmerwand – sofern dies nicht der Maler tut. Ein Berater ist jenseits der Alpen ein Konsulent, und Unterlagen in einem Archiv „liegen auf“.

Ein rundum schönes Buch hat Alexander Diego Fritz über den Denzel und über seinen Denzel geschrieben, die zusammengetragenen historischen Fotos sind weltklasse (und so manches wünschen wir uns etwas größer gedruckt, aber die Seitenzahl eines jeden Buches ist nun einmal endlich). Das Buch endet mit etwas schwermütiger Küchenphilosophie, resultierend aus Hochwasser des Wienflusses (nein, nicht der Donau) und der nahe gelegenen, unterirdischen Garage des frisch restaurierten Denzel. Da denkt der Restaurator über die Vergänglichkeit des Irdischen und über die allmächtige Schöpfung nach – und wir sind wieder bei der Vanitas, nun nicht im Sinne der Prahlerei, sondern im zweiten Sinne der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit. Die unterirdische Denzel-Garage wurde von der Sündflut verschont. Der Leser, auf der letzten Seite angekommen, fühlt sich an Fausts Ende erinnert: „Die Uhr steht still. Der Zeiger fällt. Es ist vollbracht. Es ist vorbei.“ Eigentlich schade, wenn es vorbei wäre. Wir haben nichts gegen Fritzens Ansinnen, künftig Lyriker zu werden Aber wir hätten auch nichts dagegen, wenn er nochmals einen Volkswagen mit Sonderkarosserie fände und dessen Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln erzählte. Wie gesagt, Caramini-online rezensiert keine Lyrikbände. In schwierigen Zeiten jedoch, so sagt man, sollte sich jedes Unternehmen breiter aufstellen. Gilt das auch für Caramini-online? Also, sollen wir künftig einen „autofreien Sonntag“ einführen und Lyrik rezensieren? Il faut y réfléchir…

afs