Niemann, Harry: Mercedes-Benz Kompressor mit Stromlinie. Stuttgart (Motorbuch-Verlag) 2025. 208 Seiten. ISBN 978-3-613-04585-9- Preis 49,90 €.
Kaum ein anderes deutsches Automobil umgibt solch einen Nimbus wie der Vorkriegs-Mercedes mit Kompressor. Und über kaum eines wurde mehr geschrieben – vor allem früher, als die Leser noch näher am konkreten Vorbild waren. Heute erinnert sich niemand mehr live an einen Kompressor-Mercedes, als er zeitgenössisch zu sehen war. Man kennt ihn als hochpreisigen Klassiker. Man begegnet ihm nicht beim Schnupfelinger Oldtimer- und Traktoren-Treff, aber man kann ihn in Pebble Beach sehen. Jetzt erscheint noch eine Publikation, verfasst vom ehemaligen Leiter des historischen Archivs von Daimler-Benz. So hatte er vollumfänglich Zugriff darauf. Niemann holt weit aus. Es beginnt mit dem Mercedes-Benz Kompressorwagen der 20er und 30er Jahre. Weiter geht es über die Tropfenwagen zu den ersten Rennwagen mit strömungsgünstigen Aufbauten. Die Rekordfahrt von Rudolf Caraccciola beschließt dieses Kapitel. Darauf folgen die Typen 500K und 540K. Thema auch die gepanzerten 540K für Potentaten des Dritten Reiches. Sehr schön die Abbildungen der damaligen Zeichnungen im Katalog und ein Beitrag über den Macher der Zeichnungen.
1934 brachte Mercedes-Benz einige Wagen zur 2000-km-Fahrt durch Deutschland an den Start. Immerhin 73 Stück laut Startlisten. Natürlich nicht alle mit Kompressor. Aufgepumpt waren lediglich sechs Exemplare. Unter den Fahrern solch bekannte Namen wie Ernst Henne, Rudolf Uhlenhaut und Carl Kappler. Bei dieser Übermacht war es kein Wunder, dass Mercedes-Benz in den Klassen über 4 Litern Hubraum und in derjenigen von 3 bis 4 Litern jeweils die vorderen Plätze belegen konnte. Ein Bericht über den Fotografen Zoltan Glass beschließt diesen Teil des Buches.
Unter der Überschrift „Eine Ikone wird rekonstruiert“ folgt die Geschichte eines dieser Fahrzeuge der Deutschlandfahrt. Man spürte einen Mercedes 500 K auf, welcher daran teilgenommen hatte, mittlerweile mit einer anderen Karosserie versehen. Über die folgenden Schritte kann man geteilter Meinung sein. Zunächst wurde der Aufbau entfernt. Eine neue „alte“ Stromlinienkarosserie wurde mit erheblichem Aufwand nachgebaut. Das ist so, als ob jemand aus einem hundertjährigen Haus alle Installationen und moderne Haustechnik entfernt und es so wie damals präsentiert. Die dazwischen liegende Geschichte wird getilgt. Sei’s drum! Das Ergebnis schmeichelt dem Auge. Es ist ein wunderschönes Automobil geworden. Wobei der aufrecht im Wind stehende Kühlergrill den Begriff „Stromlinie“ Lügen straft. Interessant ist ein Blick hinter die Kulissen der beteiligten Firmen.
Im Anhang die Biografien von Paul Daimler, Herrmann Ahrens, Friedrich Geiger, Wilhelm Kissel, Ferdinand Porsche, Wilhelm Haspel, Hans Nibel, Max Sailer sowie Freiherr von Koenig Fachsenfeld. Ein umfangreiches Personen- und Literaturregister (plus Danksagung) beendet das Buch.
Das Layout ist für ein eher hochwertig positioniertes Buch des Verlages angemessen. Nur wenige Bilder sind über die Mitte gedruckt. Aber warum ein Foto gleich drei Mal im Buch erscheint, bleibt wohl ein Geheimnis des Verfassers.
carba