Tomforde, Johann und René Staud: Mythos SL R 129 – Der lange Weg zum perfekten Design. Stuttgart (Motorbuch-Verlag) 2025. ISBN978-3-613-04582-8. Handsignierte Auflage. Preis 69,90 €.
Auto-Design ist die Königsdisziplin der Automobilentwicklung und interessiert deshalb viele Autofans. Bunte Bilder, Modelle und Geschichten um Designer, Entwickler und Entscheider gewähren mehr oder weniger authentische Einblicke in die Welt der Entstehung dieses allseits beliebten Produktes.
Während im Automekka Italien hauptsächlich Designfirmen mit berühmten Namen wie Bertone, Pininfarina oder Ital Design oder geniale Einzelkämpfer wie Giovanni Michelotti und Pietro Frua die entsprechenden Geschichtsbücher füllen, wird die Designerriege der großen Automobilfirmen erst seit einigen Jahren in der entsprechenden Presse propagiert. Namen wie Bruno Sacco und Paul Bracq von Mercedes und BMW, Flaminio Bertoni von Citroën, Hartmut Warkus vom Volkswagen-Konzern oder Walter de Silva, der bei Alfa Romeo und dem gesamten Volkswagen-Kosmos wirkte, seien hier stellvertretend genannt. Die aktuellen Protagonisten sparen wir uns an dieser Stelle. In ihrem Fahrwasser arbeiteten immer auch zuverlässige und fähige Designer, die ihren Anteil am zum Teil ikonischen Design vieler Automobiltypen haben, ohne deshalb gleich ebenso prominent geworden zu sein wie ihre Vorgesetzten. So weit, so normal. Das schmälert nicht ihren Anteil am Erfolg. Im Gegenteil, ohne sie wäre vieles nicht so geworden, wie es heute ist.
Im vorliegenden Buch hat nun einer von ihnen weit ausgeholt und die Geschichte der Designentwicklung der Mercedes-Baureihe R129 in einem recht umfangreichen Werk zusammengefasst. Es ist Johann Tomforde, inzwischen achtzigjährig, aber wie viele Berufskollegen immer noch im Designumfeld unterwegs. Er war lange bei Mercedes und auch beim Konzernableger Smart. Später baute er unter anderem eine Designabteilung für den Hymer-Konzern auf, einen der größten deutschen Caravan-Hersteller.
Bei Mercedes war er unter anderem federführend an der Entwicklung der SL-Baureihe 129 beteiligt und ist daher auch berufen, über deren Entwicklung aus intimer Kenntnis zu berichten. Das vorliegende Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Fotografen René Staud, der im Stuttgarter Raum seit langem ein großes Fotostudio betreibt, sehr viel für die Automobilindustrie gearbeitet hat und über einen ausgezeichneten Ruf verfügt. Sein Bildarchiv dürfte riesig sein und daraus hat sich Johann Tomforde bedienen können.
Nun zum Buch: Es bietet viel interessantes Bildmaterial, vor allem Designzeichnungen aus den 70er Jahren, in denen bereits mit der Suche nach einem Nachfolger für den 107er SL begonnen wurde. Viele, zum Teil erstaunlich skurrile Skizzen zeugen von der unverkrampften Suche nach neuen Lösungen für einen zukünftigen Mercedes und laden den Betrachter zum Schmökern ein. Leider gibt es von der Konkretisierungsphase, die einige Jahre später stattfand, keine solch umfangreiche Skizzendokumentation, sodass sich bis zu den späteren Designphasen leider eine spürbare Lücke bildet. Dies erklärt der Autor damit, dass die späten Renderings gerne die Bürowände der Manager schmückten und damit für Dokumentationszwecke verloren gingen. Das spricht nicht gerade für ein sorgfältiges Dokumentationsverhalten seitens des Herstellers, ist aber leider nicht unüblich. Dafür gibt es einige Bilder aus der Modellbauphase. Schließlich hat René Staud sein Archiv geöffnet und eine große Menge an aufwendigen Aufnahmen des fertigen 129ers zur Verfügung gestellt. Das begeistert sicher die Fans dieser Modellreihe; der eher an Informationen über den Entwicklungsprozess interessierte Leser hätte sie aber nicht alle gebraucht.
Die Texte lassen den Leser durchaus detailliert an den Design- und Entwicklungsprozessen bei Mercedes teilhaben und beschreiben aufgrund der langen Entwicklungszeit speziell dieses Fahrzeugtyps auch Veränderungen in den spezifischen Abläufen, was das Buch gerade auch für daran interessierte Laien lesenswert macht. Der lange Anhang mit Portraits glücklicher SL-Besitzer lässt hingegen ahnen, wer vielleicht die eigentlichen Adressaten dieses Buches sind.
mh