Literatur

Lesenswertes: Opel-Jahrbuch 2026

Bartels, Eckhart (Hrsg.): Opel-Jahrbuch 2026. Podszun-Verlag (Brilon) 2025. 144 Seiten. ISBN . Preis 18,90 Euro.

Das Opel-Jahrbuch 2026 wird seiner immanenten Aufgabe gerecht, zurück und voraus zu blicken. Opel fährt momentan in unsicherem Terrain mit einer zweifelhaften Strategie innerhalb des Stellantis-Konzerns. Grund zu verhaltenem Optimismus macht die Abberufung des langjährigen Konzernlenkers und Opel-Restrukturierers Carlos Tavares, eines ideologischen Elektroautoverfechters, zugunsten von Antonio Filosa; auch der Entscheid, sich innerhalb des Konzerns wieder dem Euro-7-Dieselmotor zu widmen, scheint den Meinungsbildnern des Opel-Jahrbuchs eine weise Entscheidung. Aber welche Entscheidungen können europäische Automobilkonzerne schon im Hinblick auf ihr erfolgreiches Fortbestehen treffen, wenn die europäische Industrie von einer politischen Superinstitution in Brüssel dirigiert wird, die das Elektroauto per Gesetz gegen den Willen der Industrie und der Kunden vorschreiben will? Sehr treffsicher formulierte Fritz Indra dazu einen Gastkommentar. Der mag auf den ersten Blick larmoyant wirken, ist es aber nicht. Er beschreibt die Realität, und die ist ja wirklich zum Heulen.

Bevor Opel – vor allem von Tavares – zum Produzenten von Stellantis-Einheitstypen degradiert wurde, war die Marke sehr innovationsfreudig und technologieoffen, natürlich unter der General-Motors-Ägide ab 1929, aber vor allem zuvor, als Familienbetrieb. Stellvertretend dafür ein Bericht über den verheerenden Werksbrand 1911 und die daraus resultierende Entwicklung modernster Feuerwehrfahrzeuge. Herausgeber Eckhart Bartels beschaffte dazu sogar unveröffentlichte Fotos aus dem Stadtarchiv Antwerpen, wo sie (auch) im Einsatz waren.

Überhaupt sind nostalgische Themen der schönste Lesestoff, ein wenig Eskapismus aus dem verdrießlichen Opel-Heute. So erfahren wir die Episode aus Bundeswehr-Frühzeiten, als sich der Prototyp des Allrad-Blitz’ als Bundeswehr-Laster dem preiswerter kalkulierten Konkurrenten von Borgward geschlagen geben musste. Besonders schön zu lesen und ebenso bebildert ist der Beitrag über das Opel sehr verbundene Karosseriewerk Autenrieth in Darmstadt, aktiv zwischen 1925 und 1964, mit speziellem Fokus auf das ’51er Kapitän Cabriolet, darin nie gesehene Fotos dieses Fahrzeugs im Einsatz bei der Britischen Militärpolizei, im Anschluss ein Auffind- und Restaurierungsbericht über das einzige zivile Exemplar mit in die Türen verlängertem Kotflügelschwung. Der Ascona-C-Typologie folgt ein Beitrag in ähnliche Richtung, nämlich die Cabrioletvariante des Ascona C, der stolperige Weg zur Kleinserie, in den viele bekannte Unternehmensnamen involviert waren, und letztlich gab es weit mehr als nur einen Karosseriebauer, der sich dieses Themas annahm. Und weil’s g’rad so schee war mit dem Schreiben über oben-ohne-Opels, informiert Bartels auch noch über alle offenen Karosseriebauer-Calibras, was, so ganz nebenbei, eine schöne Biographie der Firma Bieber-Cabriolet beinhaltet. Das Alles ist für Kapitän-’51-, Ascona-C- und Calibra-Fans interessant, aber eben auch für jene, die sich für die jüngere Karosseriebauergeschichte jenseits des Opel-Kosmos’ interessieren, weil viel Hintergründiges und Firmendaten gut recherchiert wurden. Wir haben das mit großem Genuss verschlungen – wie wir überhaupt an dieser Ausgabe des Opel-Jahrbuchs unsere Freude hatten. Aber das hängt natürlich immer von persönlichen Vorlieben ab.

Zu den üblichen Jahrbuch-Rubriken gehört der jeweils aktuelle Opel-Jahrgang, also 2026, mit kommentierender Erläuterung aller Baureihen – und viele sind das ja nicht mehr (Rocks A, Corsa F, Astra L, Frontera C, Mokka B, der neue Grandland B, Combo E, Zafira D, Vivaro C, Movano C). Es folgt ein Gastbeitrag von Altmeister Halwart Schrader, der im Februar seinen 91sten Geburtstag feiert und somit automobilhistorisch viel selbst erlebt hat. Schrader schreibt über die Jahre, als Opel Bestandteil von General Motors war (und für Opel „alles viel besser“ war). Doch Schrader erzählt nicht, was Opel davon hatte, im Schoße von GM zu sein. Sondern er erzählt die GM-Geschichte – nett zwar, aber Neues erfährt man nicht. Es folgt „100 Jahre Chrysler“ vom Herausgeber selbst. Auch nett und „ein Blick über den Tellerrand“. Aber was die Chrysler-Legende im Opel-Jahrbuch zu suchen hat, erschließt sich dem Leser nicht. Chrysler feiert seinen 100sten, gut, und Chrysler ist ebenso wie Opel Bestandteil von Stellantis, auch gut. Aber wir wollen im Opel-Jahrbuch Opel lesen und nicht die Monographien der Stellantis-Marken (sorry, Herr Bartels!). Alfa, Citroën, Peugeot, Fiat, Maserati, Ferrari, Jeep, Iveco und viele mehr – alles interessant, ohne Frage, aber es hat im Opel-Jahrbuch nichts verloren. Durchaus darin etwas verloren hat der historische Bericht über die Opel-Kundenzeitschriften aus dem Vogel-Verlag zwischen 1931 und 2012, und wer es bis jetzt noch nicht wusste, erfährt darin auch, dass die beiden Vorgängerzeitschriften der heutigen Auto Motor Sport, nämlich Auto sowie Motor und Sport, ebenfalls ihre Ursprünge im Vogel-Verlag haben.

Die Opel-Modellautosammler werden mit sieben Seiten bedient, einem Resümee der beiden vergangenen Kioskeditionen, also der Opel Collection in 1:43 (2011 bis 2016) und der Opel-Sammlung (2021 bis 2023) in 1:24. Diesen Text zu loben oder zu kritisieren, gehört sich für den Verfasser dieser Rezension nicht. Denn dies ist sein Beitrag zum Opel-Jahrbuch 2026.

afs