Die künstliche Verknappung
Vieles kann künstlich sein, nicht nur die künstliche Intelligenz, die in aller Munde, aber in keines Kopfes ist. Ein Schnitzel kann künstlich sein, eine Verknappung auch. Mercedes verknappt künstlich die Sondermodelle auf Basis des AMG G63, und Almost Real miniaturisiert sie in gewohnter Manier in 1:18. Fast unverknappt. Zu knapp könnte allenfalls das finanzielle Polster sein, um einen zu erwerben.
Mit Sondermodellen wird der Absatz abgekurbelt, vor allem in der letzten Lebensphase einer Autogeneration. Das ist in den Niederungen automobilen Gewürms üblich. Den Sondermodellen haftet zumeist eine Aura des Billigen an, zumindest des Sonderangebots. In höheren Sphären haben Sondermodelle einen anderen Stand und eine andere Aufgabe. Das Besondere an ihnen ist die Auffälligkeit, die Begehrlichkeiten weckt, und die künstliche Verknappung, die zu noch mehr Attraktivität führt. Hier ist das Sondermodell nicht billiger, sondern teurer als das Produkt von der Stange – also Maßschneiderei statt Prêt-à-porter. Das gilt für Super- und Hyper- und Hypersupercars, das gilt auch für die Mercedes G-Klasse. Zumal sie nicht vom Aussterben bedroht ist, sondern nach Bekunden von Daimler-Benz bis mindestens 2034 gebaut werden soll – man kann heute noch nicht mal mit Gewissheit sagen, ob sie, als Verbrenner, dann überhaupt noch zulassungsfähig im alten Europa ist.
Almost Real hat eine wundervolle G-Klasse als Topmodell G63 AMG im Programm, ein 2015er Modell, also noch mit vorderer Starrachse, vor der großen 2018er Überarbeitung, als das Fahrwerk völlig geändert wurde (vordere Einzelradaufhängung) und der Wagen eine leicht größere Karosserie bekam. Jetzt kommt von Almost Real der Nachfolger, mithin die aktuelle G-Klasse, und den Opener dieser neuen Modellserie bilden zwei Sondermodelle, die „Cigarette Edition“ von 2020 und die „Grand Edition“ von 2023. Das sind, ganz grob gesprochen, die gleichen Modelle mit dem Unterschied, dass der „Cigarette Edition“ in glänzendem Obsidianschwarz lackiert ist und seine schwarzen Felgen mit knallgelben Felgenhörnern aufgewertet wurde, während der „Grand Edition“ mattschwarz lackiert ist (Designo Black Magno) mit silbernen Felgen. Beide tragen eine gelbe Flankendekoration, die Graphiken beim Mattschwarzen nach rechts, beim Glänzenden nach links gerichtet, und dieser hat auch noch einen Zusatzstreifen in Grau. Beide sind beim Almost-Real-Importeur Minichamps werksseitig vergriffen, aber sie sind bei den Händlern präsent. Wir haben uns das mattschwarze Modell ausgesucht, also die „Grand Edition“. Das wird nicht das letzte Sondermodelle auf Basis des aktuellen G 63 AMG sein, dessen sich Almost Real annimmt. Es wird auch die „Edition 55“ in Opalitweiß erscheinen. Angekündigt sind zudem weitere Farbvarianten, beginnend mit Irdium Silber.
Die Grand Edition
Der „Grand Edition“ war ein Sondermodell 2023/24, sehr exklusiv, auf 1000 Exemplare limitiert und in Manufaktur Nachtschwarz Magno lackiert, spannend kontrastiert mit goldfarbenen Graphiken. Mercedes-Stern und AMG-Logo sind in Kalaharigold Magno, also matt, gehalten, ebenso das Affalterbach-Wappen auf der Motorhaube. Die Felgen wiederum (22-Zöller-Schmiederäder) sind in Techgold lackiert, Zentralverschlussmutter schwarz. Innen ist alles vorhanden, was gut, teuer und schön ist, Nappaleder mit goldenen Kontrastnähten, goldene AMG-Logos, selbst die Fußmatten haben goldene Nähte. Dazu viel Carbon, Zierteile und Plaketten. Die 1000 Glücklichen, die einen „Grand Edition“ erwarben, durften dafür 228.896 Euro und 50 Cent bezahlen. Dafür erhielten sie auch ein AMG-Indoor-Car-Cover (vulgo: eine Abdeckplane), damit der Wagen in der Garage nicht verstaubt. Dieses Sondermodell war quasi die Abschiedsvorstellung des W463, bevor der optisch kaum veränderte W465 erschien, den es zusätzlich auch als Elektro-G gibt und den als Elektro-G niemand haben möchte. Es gab gleichzeitig noch ein zweites Sondermodell, das allerdings einen tatsächlichen Abschied bedeutete: die „Final Edition“ des G500 (1500 Exemplare), die letzten G500 mit V8-Motor, der seither, als W465, nur mehr mit einem Reihensechszylinder angeboten wird.
(Fast) wie in echt
Almost Real macht seinem Namen wieder Ehre, wie in echt kommt das Modell daher. Zumindest von außen wie in echt, innen müssen Abstriche gemacht werden. Außen: mattschwarze Karosserie, in mattem Kalaharigold Magno gehalten sind der Stern, die Logos und das AMG-Wappen auf der Haube, auch die Einleger in den Stoßfängern, der vordere Unterfahrschutz und der Reserveradring. Techgold hingegen sind die Felgen sowie die Folierung an den Flanken, die Almost Real (natürlich!) als Drucke realisiert. Innen: Alles ist schwarz. Da entdecken wir überhaupt nichts Goldiges, dabei lebt der Innenraum dieser Version ja von dem Schwarz-Gold-Kontrast. Der Innenraum ist zwar wunderbar gemacht, aber völlig ohne güld’ne Kontrastnähte – weder an den Sitzen noch am Fußboden. Das ist schon schade und wir fragen uns nach dem Warum. Technisch machbar wäre das, zumindest auf den Sitzen, und Almost Real kann das. Über die golden eingefassten Fußmatten ließe sich ja noch debattieren. Gleichsam täte es dem Hersteller nicht weh, schlichtweg Fußmatten auf den Fußboden zu legen – wir sprechen hier ja nicht von einem Modell, das Spitz auf Knopf kalkuliert ist. Davon abgesehen, ist der Almost Real G63 AMG ein herrliches Modellauto, das alles kann, was es können sollte und muss, und das auf höchstem Niveau. Nur den Gimmick der beim Räderrollen mitdrehenden Kardanwelle hat diese G-Klasse-Generation nicht mehr. Das konnte hingegen das 2015er-Modell von Almost Real, und der G 4×4² mit Portalachsen konnte es auch. Es nützt niemandem. Aber es hilft dem Käufer, den Preis vor sich selbst zu rechtfertigen.
Allzu knapp dürfte die „Grand Edition“ nicht sein. Almost Real produziert 1008 Exemplare. Das teilt uns ein Kärtchen mit, das in einem Tütchen steckt. Und noch etwas steckt darin: Der silberfarbene Rammschutz zum Einstecken.
„Parasoziale Nähe“
Die G-Klasse gehört zu den meist rezensierten Fahrzeugen in Caramini-online. Unangefochtener Spitzenreiter ist der Porsche 911, dann die G-Klasse, jüngst gefolgt von aktuellen BMWs. Die G-Klasse ist ein ziemlich einzigartiges Fahrzeug und sie polarisiert ungemein. Antipathie oder Sympathie, nichts dazwischen. Auf der Straße, vor allem entfernt von den Metropolen, ist sie weniger präsent als in den Modellautovitrinen. Viele Fans schwärmen von dem Wagen („kollektiver Crush“), und die Menge an unterschiedlichen G-Klassen in 1:18 schaffen, wie der Psychologe sagen würde, eine „parasoziale Nähe“ zum Vorbild und sorgt somit für euphorische Gefühle (Ich am Steuer dieses Wagens – unmöglich – deshalb die Modelle). Ist das gut? Tut das dem Sammler gut? Ja! Es ist eine Form der Zuneigung, produziert auf einen Fahrzeugtyp, und speist sich durch eigene Phantasien. Also ein herrlicher Eskapismus in irritierenden Zeiten: „Ich am Steuer dieses Wagens!“ afs





Modellfotos: bat



Steckbrief:
Almost Real ALM820805 Mercedes-AMG G63 W463 “Grand Edition” 2023 mattschwarz. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. Auflage 1008 Exemplare. UVP 339,95 Euro.