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News 1:18 KK-Scale Ferrari Testarossa 1984

Das Hirngespinst

Der hing überm Bett. Als Poster. Der fuhr durch das Gehirn der Teenager. Der wurde ins Schulheft gekritzelt. Der raste über die Kinoleinwand. Allgegenwärtig war der Ferrari Testarossa Mitte der 80er Jahre, auch wenn die Wenigsten ihn jemals live sahen. Ein Hirngespinst, das KK-Scale nun zwölf Mal herabgezirkelt hat. Und wieder träumen wir von ihm.

Testarossa, der Rotkopf, war ein starkes Zeichen für das, was die frühen Ferrari-Rennwagen vor allem auszeichnete, ihre motorische Überlegenheit. Das führte dazu, dass hier langsam, aber sicher ein Mythos entstand, der bis heute Bestand hat, auch wenn im Laufe der Renngeschichte die Dominanz nicht immer kontinuierlich Bestand hatte. 1956 wurden erstmals die Zylinderköpfe der roten Renner aus Maranello stolz in diesem Farbton lackiert.

1984 stand auf dem Pariser Salon der Nachfolger von Ferraris Topmodell Berlinetta Boxer, präsentiert als bereits zweiter extremer Mittelmotorsportwagen in jenem Jahr. Beide sind Geburtshelfer der Kategorie der Supersportwagen, die heute so groß en vogue ist und leistungs- und preismäßig schon lange durch die Decke geht.

Der erste war der GTO, und wir haben ihn vor kurzem bereits als Modell von KK-Scale beschrieben. Während dessen Karosserie eine geschickte Kleinserienabwandlung des Großserienmodells 308 GTB aus dem Hause Pininfarina darstellte, bedeutete der Testarossa einen kompletten Generationswechsel. Im Gegensatz zu vielen heutigen Vertretern dieser Fahrzeugkategorie verzichtete Pininfarina bei diesem Design konsequent auf spektakuläre Spoiler und entwickelte speziell für das Heck eine breite, an Flugzeugprofile erinnernde Formensprache. Das Auto maß dann auch knapp zwei Meter in der Breite, was die Unterbringung der Kühler seitlich hinter den Türen erlaubte. Die dafür notwendigen tiefen seitlichen Schächte deckten die Designer durch mit der Karosserie bündige Kämme ab, die schon auf den Türen starteten und ein weiteres markantes Erkennungsmerkmal dieser Baureihe wurden. Die Front geriet dagegen weniger spektakulär, und insgesamt kann gesagt werden, dass das Vorgängermodell das hübschere Auto war. Eine weitere Besonderheit stellte bei den ersten Modellen der einzelne, in ungewöhnlicher Position an der A Säule montierte Außenspiegel dar, dessen merkwürdige Optik dem unübersichtlich breiten wie hohen Heck geschuldet war. Da er kein Pendant auf der Beifahrerseite hatte, bekamen die so ausgerüsteten Fahrzeuge den Beinamen Monospecchio, was nichts anderes heißt als Einzelspiegel. Da sich die Begeisterung in Grenzen hielt, wurde er bald durch zwei konventionellere Exemplare ersetzt.

KK-Scale führt seine 1:12er Serie konsequent fort und so ist nach dem ’62er Ur GTO und dem ’84er GTO nun erwartungsgemäß der Testarossa an der Reihe. Machart und Fertigungsqualität entsprechen den bisherigen Modellen, doch haben sich bei der formalen Umsetzung ein paar Ungenauigkeiten eingeschlichen, die den Kenner stören können. Der Frontgrill des Originals ist senkrecht und nicht leicht nach hinten geneigt, und bei genauerer Betrachtung müssten die Seitenscheiben weiter nach oben in das Dach hinein reichen. Das Interieur entspricht dagegen weitgehend dem Original. Das gilt auch für dessen im Vergleich zu aktuellen Ferraris recht nüchtern wirkende, geradlinige – um nicht zu sagen einfachere – Formgestaltung. Speziell die Interieurs der Luxussportwagen jener Zeit weisen oft eine deutlich handwerkliche Machart auf, denn gerade die Anfertigung der vielen Bauteile einer Innenausstattung war schon immer sehr aufwendig und teuer. Heutige Fertigungstechniken erlauben das Realisieren komplexerer und optisch höherwertiger Komponenten.

Ein Glücksfall ist der mit dem bereits beschriebenen roten Zylinderkopf ausgestattete Motorraum, der sich dem Betrachter nach dem Öffnen der großen Motorhaube darbietet. Auch hier wird das Bemühen um gute Lösungen innerhalb des selbst gesteckten Kostenrahmens erkennbar. Wer mit Geschick und Detailfotos aus einem der vielen recht gut bebilderten Ferrari-Bücher zu Werke geht, kann mit Pinsel und Farbe leicht die eine oder andere Optimierung vornehmen und dem Motorraum einen Zugewinn an Realismus verschaffen. Die plastischen Voraussetzungen sind jedenfalls gegeben und der ein oder andere Bburago-Pionier weiß sicher noch, wovon wir reden.

Bemerkenswert ist die für die Rückleuchten und den sie überdeckenden Lamellengrill gewählte Lösung. Hier verschmelzen die Außenverglasung, das Gitter zwischen den Leuchten und der außen aufliegende Grill zu einem durchsichtigen Bauteil in der Tradition der geriffelten Mercedes-Heckleuchten, dessen waagerechte Stege anschließend schwarz bedruckt werden. Da sage noch einer, moderner Modellautobau lasse keinen Raum für cleveres Konstruieren. Der Kunde dankt es an der Ladenkasse.

mh

Der Autor war 1984 auf dem Pariser Salon und konnte den Neuling aus nächster Nähe betrachten. Das Auto lebte eindeutig von seinem Heck, während die Front eher nüchtern und clean wirkte. Klappscheinwerfer waren damals in dieser Fahrzeugkategorie state of the art und ihr zweifelhafter Einfluss auf die ausgetüftelte Restaerodynamik wurde in Kauf genommen. KK-Scale realisiert sie mit einem gefederten Druckknopf auf der Unterseite. Beim Original ging das von innen.
Modellfotos: bat
Anders als die klaustrophobischen Innenräume heutiger Supercars erlaubt das Platzgebot im Testarossa entspanntes Reisen. Das in schlichtem schwarz gehaltene Armaturenbrett und die Schalter auf der Mittelkonsole sind mit wenig Farbe effektvoll bedruckt und die seidenmatten Sitze kämpfen erfolgreich gegen den unschönen Plastiklook.
Der Naivling erwartet mehr Rot. Der Naivling meint, der Zylinderkopf eines Motors müsse, wie jener des Menschen, oben sitzen. Der Naivling hat unrecht. Was zu beweisen ist. Was KK-Scale beweist.
Man muss Glück haben. Dann kann einem das widerfahren: Ein Testarossa einfach so auf der Straße, geparkt auf Kopfsteinpflaster, gesehen im April 2019.
Foto: Joachim Kohler, Bremen

Steckbrief:

KK-Scale 120204 Ferrari Testarossa Monospecchio 1984 rot. Auch in gelb, schwarz und weiß erhältlich. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:12. UVP 199,95 €.