Unsympathisch, aber heiß begehrt
Tiefschwarz und heiß begehrt: Norev bringt den 2018er Mercedes Sprinter erneut. Das dürfte den kaum verständlichen Preishöhenflügen der bisherigen Varianten ein Ende bereiten. Warum wollen eigentlich so viele Leute einen Mercedes Sprinter als Miniatur? Wenn man sich umhört, finden die meisten das Fahrzeug unsympathisch. Manche fürchten sich im Verkehr sogar davor.
Kann ein Auto unsympathisch sein? Klar, kann es! Zwar nicht für alle Menschen, aber für einige. Und gleichsam kann es auch heiß begehrt sein. Beides trifft auf den Mercedes Sprinter zu. Wobei man schon zwischen Original und Norev-Modell differenzieren muss. Dem Modell sprechen wir ab, unsympathisch zu sein. Im Gegenteil, eine tolle Miniatur. Und sie ist es auch, welche Begehrlichkeiten weckt. Es ist ein Kuriosum, fast schon ein Faszinosum: Als Norev den aktuellen Sprinter machte, als Industriemodell für Daimler-Benz und als Fachhandelsmodell, sah das zunächst nach einem Durchschnittsseller aus. Ein Sprinter halt, findet zwar seine Freunde, reißt aber niemanden vom Hocker. Weit gefehlt! Das Ding war binnen Kurzem ausverkauft, und kaum war es nicht mehr im Laden erhältlich, stiegen die Preise. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern enorm! Irgendetwas muss dran sein am Norev-Sprinter, das „die Menschen abholt“, wie man heute so schön (und so blöde) sagt.
Ein Sprinter im Rückspiegel ist eine Heimsuchung. Wer sitzt am Steuer? Ein übermüdeter und gleichsam adrenalingeschwängerter Junghandwerker? Ein Student im Umzugsstress, der noch nie etwas Größeres als einen Polo steuerte? Ein reiselustiger Rentner im Wohnmobil, der gerade abgelenkt ist, weil er mit seiner Frau streitet, die auf die erotische Frauenstimme im Navi eifersüchtig ist? Gefühlt ist ein Sprinter auf der Autobahn stets auf der linken Spur und bedrängt alle vorbildlich mit 120 Sachen dahinbummelnden Porsche und S-Klassen. Wer einen Sprinter von hinten heransprinten sieht, tut gut daran, die linke Spur zu ver- und ihn vorbeizulassen. Er soll sein Unheil lieber vor als hinter mir anrichten. Denn ist er vor mir, habe ich ihn im Blick und kann reagieren. So weit das Klischee. Oder doch nicht, es geht weiter mit dem Klischee: Wer sein Leben lang einen Handwerker-Sprinter fuhr, kann auch im Rentenalter nicht davon lassen, und wenn es für die Eigentumswohnung nicht reicht, so reicht es wenigstens für einen Wohnmobil-Sprinter. Noch mehr Sprinter-Klischees? Nein, jetzt reicht’s!
Der Name ist nicht nur Programm, sondern sehr weise gewählt. Was Mercedes da als Typbezeichnung ersonnen hat, hat sich im Laufe der Zeit (den Sprinter gibt es seit immerhin 30 Jahren!) zum Genrebegriff entwickelt, wie Tesafilm, Kärcher, Tempo-Taschentuch und Tschiep. Ein Sprinter ist längst nicht mehr nur ein Lieferwagen aus dem Hause Daimler-Benz. Ein Sprinter ist ein schneller Lieferwagen – egal ob er in Wahrheit Ducato, Transit oder Movano heißt – alles Sprinter, lauter Sprinter!
Arbeitet ein Profi professionell, kommt Professionelles heraus
Norev machte also einen Sprinter, einen aktuellen der Baureihe 907, lang und hoch, typisch eben. Es gab weiße Sprinter, silberne Sprinter, es gab sogar eine spezielle „Dealer-Edition“ im Brutalismus-Look, nämlich unlackiert (2000 Stück für Daimler-Benz). Stöbert man auf Ebay, so finden sich Exemplare für 300 oder mehr Euro, und es gibt tiefergelegte, getunte Bastel-Sprinter, denen Lambo-, Bentley-, Maybach- oder AMG-Felgen transplantiert wurden und die der Ersteller voll Stolz und in guter Hoffnung auf ebensolchen Reibach anbietet. Der Sprinter ging an der Sammlergemeinde wahrlich nicht vorüber, sondern traf sie – oder zumindest Teile von ihr – voll ins Herz! Das ging natürlich auch an Norev nicht spurlos vorbei – wie überhaupt keine Entwicklung auf dem Gebrauchtmodellmarkt an den Herstellern vorbei geht. Daran sehen sie, was aus ihrem Programm Konjunktur hat und somit bei Wiederauflage gute Verkäufe verspricht. Den Hype eines eigenen Modells kann kein Hersteller ignorieren – und tut es auch nicht. Also macht Norev jetzt wieder einen Sprinter. Schwarz wie ein Bestattungswagen oder ein Teufelszeug ist er, rabenschwarz eben. Bei Daimler-Benz heißt das Tiefschwarz 9040 und kostet keinen Cent Aufpreis. Der Vorteil ist, dass an einem schwarzen Sprinter die dunkelgrauen Riesenkunststoffformteile vorne und hinten, vulgo die Schürzen, nicht als solche auffallen. Der Sprinter sieht somit aus wie aus einem Guss. Es gibt ihn in drei Ausstattungslinien, Base, Pro und Select. Ohne Lust darauf zu haben, am Computer nun einen Sprinter zu konfigurieren, attestieren wir Norev, das Basismodell zu miniaturieren: Stahlfelgen ohne Radkappen, unlackierte Stoßfänger. Norev macht den Kastenwagen mit hohem Dach in mittlerer Länge, als Hecktriebler mit hinterer Einzelbereifung, ein Sechs-Meter-Transporter (L2) mit dem H2-Dach, also Hochdach mit Stehhöhe im Laderaum, und in Sprinterkreisen spricht mal also vom L2H2. Das ist eigentlich der vielseitigste Allrounder und bietet die meist georderte Balance zwischen Fahrtauglichkeit (= Wendigkeit im Stadtverkehr) und Platzangebot.
So ganz all open ist der Norev-Sprinter nicht, die Motorhaube bleibt geschlossen. Zu öffnen sind die vorderen Türen, die rechte Schiebetüre sowie der doppelflügelige Zugang von hinten, dazu ist das Modell lenkbar und gefedert. So wünschte es Mercedes-Benz, denn geboren wurde der Sprinter als Industriemodell, und er erschien ziemlich genau gleichzeitig mit dem Original 2018. Wie bei einem Industriemodell üblich, eine Miniatur ohne Fehl und Tadel. Dass der Product Manger hierbei keine emotionalen Ausbrüche erlebte, versteht sich von selbst, aber wenn ein Profi professionell arbeitet, kommt ein professionelles Ergebnis heraus. Genau das gilt für diesen Transporter. Manches, was bei einem 18er-Prsonenwagen selbstverständlich wirkt, erscheint bei einem Transporter als Luxus, so beispielsweise die Federung und die Piktogrammisierung des Fahrerabteils. Der Betrachter erwartet grobes Material, weil er seine Erwartungshaltung auf die Robust- und Kargheit des hemdsärmligen Vorbilds konzentriert, und erhält statt dessen den üblichen Norev-Standard, der dem Mercedes-Industriemodell-Standard entspricht. „Blechern“ klingt beim Norev-Sprinter nur Eines: Der Öffnungsvorgang der rechtsseitigen Schiebetüre, wenn sie an ihrer Endposition anlangt. Umgekehrt nicht: Wirft man sie ins Schloss, so klingt sie wieder nach Norev, satt und klack. Natürlich ist es schade, dass die Motorhaube geschlossen bleibt, aber das war eben der Wunsch des Auftraggebers unter der Berücksichtigung, den Norev-Sprinter verkäuflich zu kalkulieren.
afs



Modellfotos: bat

Steckbrief:
Norev 183041 Mercedes Sprinter Kastenwagen L2H2 (BR 907) 2018 schwarz. Fertigmodell Zinkdruckguss, maß0stab 1:18. UVP 115,95 Euro.