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News 1:18 Norev Mercedes 220 Sb 1959

Größe ist relativ

Das automobile Symbol der saturierten 60er Jahre in der Bundesrepublik: Norev bringt seinen Mercedes 220 Sb wieder, die sechszylindrige „Heckflosse“, in einem edlen, mittleren Blau. Im Fachhandel wird er nicht verkauft, nur beim Mercedes-Händler via Accessoire-Shop.

Größe ist relativ. Autos sind gewachsen und wachsen immer weiter. Die S-Klasse W140 wurde 1990 als überdimensionierter Riese gescholten und dafür verspottet, nicht auf den Autoreisezug nach Sylt zu passen. Heute fällt sie nicht mehr auf und wird von jedem SUV überragt. Ende der 50er Jahre hatten das Genre Automobil schon mal solch einen Wachstumsschub. Das wurde damals aber nicht kritisiert, sondern vielmehr als modern gelobt. Immer größere Menschen mit immer mehr Gepäck benötigten auf ihren immer längeren Reisen schlichtweg immer größere Autos. Der Mercedes W111, landläufig die „Heckflossen -S-Klasse“ genannt, litt ein wenig an Akromegalie, also einem Überschuss an Wachstumshormonen, vor allem rektal. Kein anderes Auto hatte einen dermaßen großen Kofferraum. Aber auch das wurde gelobt. Diese immer schwereren Autos mit ihren immer schwereren Passagieren und ihrem immer schwereren Gepäck bedurften natürlich immer stärkerer Motoren, damit die Fuhre ordentlich vom Fleck kam. Also wuchsen auch die Motorleistungen, parallel zum deutschen Wirtschaftswunder. Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre war also Größe angesagt. Diese Größe korrelierte der Westeuropäer ebenso wie der Amerikaner mit Freiheit, sie war quasi die Repräsentanz seiner Saturiertheit, seines Erfolges, seines Selbstwertgefühls und nicht zuletzt ein Ausdruck von Egomanie.

Kein anderer Mercedes widerspiegelte das Lebensgefühl seiner Zeit so sehr wie die Heckflossen-Generation: ein typischer Vertreter der 60er Jahre. 1968 war eine Zäsur. Bei Daimler-Benz, weil die letzten Vertreter der Heckflosse einer neuen Generation Platz machten. Und in Deutschland. Neben 1945 und 1989 war 1968 wohl das einschneidendste Jahr in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Die „68er“ waren geboren, resultierend aus der kritischen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, mit der vorherrschenden Wohlstandsgesellschaft, dem Bildungsnotstand und dem Krieg der USA in Vietnam. Danach war in Deutschland alles anders.

Ein Auto, das Optimismus ausstrahlt

Doch bis dahin waren die 60er Jahre eine goldene Zeit, begleitet von ihrem veritablen Vertreter, dem Heckflossen-Mercedes. Das Wirtschaftswunder befand sich auf dem Höhepunkt. 1962 war Vollbeschäftigung erreicht, es mussten erste Gastarbeiter aus dem Ausland angeworben werden. Der Tourismus entwickelte sich prächtig, die Menschen hatten mehr Urlaub und mussten immer weniger arbeiten. Supermärkte deckten die Bedürfnisse der damals so genannten Edelfresswelle, Tante-Emma-Läden konnten die Esslust nicht mehr stillen, und 1967 wurde das Fernsehen in Deutschland farbig. Die Musik der Beatles und ihrer Epigonen, Frisuren und Kleidung sorgten für den einzigen Zündstoff zwischen Eltern und ihren Kindern. Die Soziale Marktwirtschaft unter Kanzler Ludwig Erhard ab 1963 feierte sich selbst.

1966 kamen dunkle Wolken auf in Form der ersten Rezession nach dem Wirtschaftswunder, darauf folgte sogar eine kleine Arbeitslosigkeitswelle. Die Zeiten voller Lebensfreude, Optimismus und Utopien neigten sich dem Ende zu – trotz Mondlandung, Begeisterung für die persische Kaiserin Farah und Woodstock-Festival machten sich Ängste, Pessimismus und eine triste Realität breit. Doch zu dieser Zeit war die Mercedes-Heckflosse bereits ein Gebrauchtwagen. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre war sie weitgehend aus dem Straßenbild verschwunden, doch schon zuvor waren sie völlig out of date. Das ist mit modischen Kreationen so: Neu sind sie voll im Trend, aber sie altern furchtbar schnell.

Die Heckflossen-Generation war ein Einheitstyp, die S-Klasse (die damals noch nicht so hieß) erschien 1959 zwei Jahre vor dem Vierzylinder. Das sechszylindrige Volumenmodell war der 220 Sb mit zwei Fallstromvergasern und 110 PS, das Norev-Modell. Es erschien erstmals vor genau drei Jahren, Ende 2022, im typischen Norev-Klassikmercedes-Stil, all open, all gefedert, gelenkt. Das Modell war kein Industrieauftrag im üblichen Sinne, wie keiner der Mercedes-Klassiker von Norev, aber es war Bestandteil einer vor Jahren getroffenen Abmachung, wonach Norev auf eigene Rechnung die alten Benze entwickelt und Daimler-Benz verpflichtet sich, sie in unterschiedlichen Farben je nach Bedarf immer wieder neu zu ordern und über die eigene Accessoireschiene zu vermarkten – zusätzlich gibt es Fachhandelsmodelle, die Norev auf eigene Rechnung verkauft. Diese Gewissheit machte es Norev sorglos möglich, in die Formen-Werkzeuge zu investieren.

Es gab den 220 Sb schon in mehreren Farben und Zweifarbkombinationen für Mercedes und für den Fachhandel, und im Laufe des Januar wird eine weitere erscheinen. Die Farbe heißt nur „Blau“, was sehr genremäßig klingt. Aber Daimler-Benz hatte ein Blau auf der Farbpalette, das eben nur „Blau“ hieß und den Code 335 trug, also Blau 335. So ist der 220 S lackiert, dazu innen in hellem Grau, aufgewertet durch ein elfenbeinfarbenes Lenkrad. das sieht ziemlich großartig aus, und der satte Chrom hebt sich ausgezeichnet ab. Ein paar Chromteile sind „nur“ gesilbert (Regenrinne, Schwellerzierleiste, Zierleiste entlang der Heckflossen), aber das tut der edlen Anmutung keinen Abbruch. Norev gab dem W111 ein Stahlschiebedach und Lenkradschaltung mit (es gab auch Knüppelschaltung und Lenkradautomatik), nach wie vor schön sind die durchbrochenen Felgen mit Chromradkappen, deren innerer Kreis in Wagenfarbe lackiert ist und den verchromten Mercedes-Stern ausspart, schön auch die verchromte Auspuffblende. Der Fahrzeugboden ist beflockt, der Kofferraum nicht, aber auch im Original lag hier nur eine Gummimatte. Dem Motor sieht man noch sehr an, dass er eine Reliefplatte ist (das macht Norev heute besser), und unseren Ewigkeitskritikpunkt des fotogeätzten Sterns auf dem Kühler wiederholen wir gerne: Ein Mercedes-Stern ist nicht zweidimensional, und ein fein gegossener, verchromter Plastikstern wäre viel schöner. Dafür wollen wir den Dachhimmel loben. Der ist nicht nur schön lackiert in mattem Weiß, sondern verfügt auch über Sonnenblenden und vier schwarze Haltegriffe. Darüber hinaus hat Norev das Schiebedach auch innen geprägt und das Bedienteil dafür, die versenkbare Kurbel, nicht vergessen.

afs

Das Wirtschaftswunder auf vier Rädern. Kaum ein Automobil symbolisiert diese Zeit so sehr wie die Heckflosse, von Norev bravourös dargestellt. Dieses Modell gehört auch zu jenen Miniaturen, von denen man sich genüsslich mehrere Farbvarianten nebeneinander stellen kann.
Modellfotos: bat

Steckbrief:

Norev B6 604 0723 (Mercedes-Bestellnummer) Mercedes 220 Sb 1959 Blau. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 120 Euro.