Zum An- oder Reinbeißen
Verführerisch wie ein italienisches Dessert wird der Roadster mit dem Stern, wenn er Cayenneorange trägt. Das trifft tatsächlich den Geschmack nur Weniger, aber den Wenigen muss guter Geschmack zugebilligt werden. Der Mercedes 450 SL R107 von Norev in einer sehr außergewöhnlichen Farbe. Und in einer neuen, nie dagewesenen Version.
Cayenne ist ein Porsche, ein SUV seit 2002. Cayenne heißt auch die Hauptstadt des französischen Übersee-Départements Französisch-Guayana, und ein dortiger Fluss nennt sich ebenso. Sodann natürlich der Cayennepfeffer, hyperscharf aus Chilischoten, also gar kein Pfeffer im eigentlichen Sinne, sondern eine Paprika-Gewürzmischung. Und schließlich gibt es die Mercedes-Farbe Cayenneorange 406, zwischen 1975 und 1979 für den SL bestellbar. Das ist 70er Jahre in Reinkultur, farbliches Vitamin C in einer Zeit, als nicht jedes Auto über 2 Litern zwanghaft in Metallic lackiert sein musste. Und schon gar kein Roadster. Und schon gar kein Mercedes. Natürlich war Cayenneorange nicht allgegenwärtig auf einem Mercedes. Es gehörte Mut zur Farbe dazu, ihn so zu ordern, ein Statement, ein Zugeständnis an den Zeitgeist sowie das Bewusstsein, für diesen Wagen ein paar Scheine weniger beim Wiederverkauf zu erzielen. Aber der Farbton bewies die schiere Lust an Farbe und der Breitbeinigkeit, zu tun, was einem gefällt. Dabei ist die Farbe nicht etwa knallig, eher im Gegenteil pastellig. Norev kombiniert sie mit einem braunen Interieur in derselben Farbhelligkeit. Das Auto wirkt wie ein Milchshake mit Aprikosegeschmack oder Panna Cotta al Caramello – einfach zum An- oder Reinbeißen!
Norev macht den R107 nun in Cayenneorange. Nicht die Faceliftversion, die es ewig lang ausschließlich gab. Sondern die Urversion bis 1985, die hier in Cayenneorange in Europaversion ihr Debüt feiert. Den 165 PS starken 450 SL mit serienmäßiger Dreistufenautomatik gab es ohnehin nur bis 1980, dann kam der 500 SL mit Vierstufenautomatik. Letztlich ist es nur die Kombination bereits bestehender Teile, also ein Griff ins Regal. Einen neuen Motor und die passenden Fuchs-Barock-Alus kreierte Norev bereits für die US-Version des R107 (die beiden TV-Autos aus Dallas und Hart to Hart), welche natürlich die vorbildgerechten US-Stoßstangen und die Sealed-Beam-Scheinwerfer tragen. Diese US-Spezifika ließ Norev nun weg, verwendete aber den Achtzylinder und die Füchse, und fertig ist der R107 in Ur-Version. Ein äußerst überschaubarer Aufwand also, und für Norev eröffnet sich dadurch die Möglichkeit, viele verrückte, spannende, ausgefallene Farben verwenden zu können. Beim Norev-R107 dürfen wir also auf „crazy Colors“ gespannt sein.
Das Modell ist also, trotz neuer Zusammensetzung der Komponenten, bekannt und es gibt daran nichts zu kritisieren. All open, gelenkt, ungefedert, geschlossenes Softtop in Schwarz liegt bei, Teppichboden im Fußraum, keiner im Kofferraum (warum nicht? In keinem R107 war der Kofferraum mit Gummimatten belegt). Das Modell ist also keine Norev-Neukonstruktion und trägt somit auch keine neuen konstruktiven Errungenschaften, aber es ist in gewohnt guter Machart gefertigt und es ist nach wie vor ein „wichtiges“ Auto. Unter den sportlichen Klassikern machen sich die beiden Platzhirsche Mercedes R107 und Porsche 911 G-Modell wechselseitig den Spitzenplatz in der H-Kennzeichen-Hierarchie streitig. Für welchen der beiden man sich entscheidet, ist keine Frage des Geldes, sondern der Einstellung zur Gattung Sportwagen – wobei es genügend Menschen gibt, die dem Mercedes SL R107 das Attribut des Sportwagens generell absprechen. Und so ganz unrecht haben sie gar nicht.
afs







Modellfotos: bat
Steckbrief:
Norev 183350 Mercedes 450 SL R107 1975 cayenneorange. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 95,95 Euro.