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News 1:18 Norev Mercedes S 600 W140 1997

Frankfurter Filz?

Groß, größer, W140 – so steigerte man vor 35 Jahren, als Daimler-Benz die S-Klasse W140 ins Rennen um das beste Auto der Welt schickte. Heute relativiert sich das und der W140 ist nicht nur historisch, sondern auch selten geworden auf der Straße. Nicht in der Vitrine, denn Norev hat ihn seit zehn Jahren im Programm und bringt ihn nun in der wohl passendsten Farbe, dem immer und ewigen Obsidianschwarz.

„Konsonantische Verkürzung“ oder „Akronym“ nennt man es, wenn Konsonanten weggelassen werden, um einer Zensur oder einer Anklage wegen Beleidigung zu entgehen oder um Botschaften prägnant zu vermitteln. Auf T-Shirts, auf Stickern oder im Netzjargon ist „FCK NZS“ zu lesen, was für „Fuck Nazis“ steht. Aber das ist alles nicht neu. Ernst Jandl schrieb 1957 das Gedicht „schtzgrmm“ und löste damals einen Eklat aus. Jandl ließ im Wort „Schützengraben“ alle Vokale weg und verschliff das Ganze so, dass es, ausgesprochen, wie Maschinengewehrsalven oder Granateinschläge klang, lautmalerisch also an eines Soldaten Tod erinnerte. Gehen wir zu weit, wenn wir das Kennzeichen des schwarzen Big-Benz, der S-Klasse W140, von Norev ähnlich deuten: Schwarz ist er, in Frankfurt am Main, der deutschen Bankenmetropole, zugelassen, F – LZ lauten seine Buchstaben, was uns eindeutig an „Filz“ erinnert. Hat jemand bei Norev, so ganz klammheimlich, ein subversives Osterei versteckt und seine Kapitalismuskritik in kontraktiver Schreibung klandestin ins Kennzeichen geschmuggelt? Kann sein, muss aber nicht. Jedenfalls eine nette Vorstellung…

Groß ist er und tiefschwarz, Obsidianschwarz eben. Kennt man, laut Daimler-Benz das schwärzest denkbare Schwarz, also schwärzer als Schwarz, schwärzer als Rabenschwarz. Das ist die geeignete Farbe für dieses Kaliber, staatstragend, aber auch tiefkapitalistisch (siehe oben). Ein S 600 der Baureihe W140, das (vermeintliche) automobile Schlachtschiff schlechthin, das seinerzeit wohl beste Auto der Welt mit einem damaligen Negativimage. Unvergessen sind die höhnischen Kommentare, er passe nicht auf den Autoreisezug nach Sylt (ausgerechnet Sylt!), ein weiteres Stichwort im Zusammenhang mit dem W140 ist der Tod von Lady Di. Nein, er wurde nicht freundlich aufgenommen, doch in all dem Hohn und in der Ablehnung lag sehr viel Bewunderung für seine technische und konstruktive Überlegenheit – und natürlich eine gehörige Portion Neid. Was ihm angekreidet wurde, war seine demonstrative Größe, der schiere Ausdruck der Gigantomanie des damaligen Daimler-Benz-Chefs Edzard Reuter. Und heute? Fällt er gar nicht mehr auf, wirkt zwar nicht zierlich, wird aber dimensional von so manchem SUV locker übertrumpft. Auch das zeigt wieder: Alles ist relativ, auch die automobile Größe. Heute erscheint der W140 in einem ganz anderen Licht. Er ist historisch geworden, alleine schon deshalb, weil er – für eine S-Klasse – ungewöhnlich schnell ausgestorben ist.

Mercedes reagierte auf die Kritik und „mopfte“ den W140 rasch, nur drei Jahre nach der Präsentation. Ab dem Genfer Salon 1994 wurden die flächigen Paneele an der Seite aufgelockert, Grill, Scheinwerfer und Stoßfänger verändert, selbst der Kofferraumdeckel erhielt eine neue Form (untere Ecken abgerundet), der V12 erfreute den Kunden durch einen eigenständigen Grill, noch mehr Wurzelholz und Ledersitze im Coupé-Design. Die S-600-Kunden hatten schlichtweg eine größere Abgrenzung des Topmodells von den übrigen S-Klassen verlangt. Neue Namen gab es ebenso: Das „S“ wurde vorangestellt, aus dem 300 SE 2.8 wurde der S 280, am oberen Ende rangierte der S 600 statt des 600 SEL. Das „E“ für Einspritzung bedurfte keiner Erwähnung mehr, weil es selbstverständlich war, und das „L“ für lang wurde ebenfalls aufgegeben. Ein weiteres, nunmehr kleines Facelift gab es im Sommer 1996 (Daimler-Benz selbst sprach nicht von einer Modellpflege). Etliche Kunststoffanbauteile waren nun in Wagenfarbe lackiert, noch mehr Elektronik, Xenon-Scheinwerfer und die hinteren Blinker erhielten ein weißes Glas.

Dieser Endversion in Toppversion (S 600 V12) entspricht das Norev-Modell, optisch kenntlich an den transparenten hinteren Blinkergläsern. Das Modell ist erstmals im Sommer 2016 erschienen, feiert als Modellauto somit seinen zehnten Geburtstag und erscheint nun in Obsidianschwarz mit ebenfalls schwarzer Innenausstattung und viel Holz im Inneren – sogar der Lenkradkranz ist partiell geholzt. Das Modell kann, was es soll (all open, lenkbar, gefedert, Innen- und Kofferraum mit Teppichboden versehen), der Stern ist erfreulicherweise ein verchromtes Kunststoffformteil und kein zweidimensionales Fotoätzteil, die Haubenscharniere sind, dem Alter des Modells geschuldet, ein wenig rustikal, ansonsten absolut feine Konstruktion, Lackierung und Montage. Den Motor würde Norev heute besser detaillieren und dreidimensionaler gestalten, ansonsten ist der Wagen nach wie vor auf der Höhe der Zeit mit ein paar ganz klasse Details wie der dritten Bremsleuchte auf der Hutablage mit separatem Glas oder die Darstellung der Doppelverglasung der Fensterscheiben. Schön ist auch, dass die Abgasanlage nicht nur silbern gehalten ist, sondern einen leichten, matten Goldstich aufweist. Allzu viel Chrom trägt ein W140 nicht, und alles, was glänzen soll, ist am Modell verchromt. Norev konnte komplett auf bedruckte Silberungen verzichten.

Durch seinen Gigantismus besticht ein W140 schon lange nicht mehr, auch nicht in der Vitrine (sofern die Sammlung auch Vorbilder aus dem jetzigen Jahrtausend umfasst). Aber der Norev W140 zeigt nach wie vor eine gehörige Portion Präsenz hinter Glas und demonstriert, vor allem neben seinem direkten Vorgänger von Norev, dem 560 SEL W126, was wahre Größe ist.

afs

Vom W140-Design sagt man, es stamme, wie das aller Mercedes dieser Epoche, von Bruno Sacco. Das stimmt auch, Sacco als Designchef verantwortete es und segnete es ab. Aber tatsächlich entworfen wurde der W140 von einem Team, und innerhalb dessen hat Harald Leschke die ausschlaggebenden Designideen skizziert (man spricht dann vom „Key Design“).
Modellfotos: bat

Steckbrief:

Norev 183045 Mercedes S 600 W140 1997 schwarz. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 109,95 Euro.