Diskretion statt Krawall
Nie war der GTI diskreter als in der vierten Golf-Generation. Dem Norev-Modell sieht man seinen GTI-Status nur an den BBS-Alus an. Die unorthodoxe Farbe allerdings lässt es aus der Reihe der Norev-GTIs quer durch die Golf-Generationen hervorstechen.
Den Trend zum hochwertigen und teuren Auto und weg vom „Volks-Wagen” vollzog Volkswagen mit dem vierten Golf ab Oktober 1997. Die ganze Ausstrahlung war wertiger, unterstrichen von einzelnen Aspekten wie geringen Spaltmaßen, eine gefühlte Höherpositionierung der Innenraummaterialien, elektrolytisch verzinkte Bleche für Langlebigkeit, weniger Vibrationen. Der Golf hatte das nötig, denn sein Vorgänger litt unter nonchalanter Verarbeitung und schneller Alterung. Die Käufer würdigten das und mochten den Golf IV. Und der Golf IV dankte diese Zuneigung seinen Fahrern und hielt lange. Es sind noch heute genügend auf der Straße, und gefühlt sehen sie nicht alt und verschandelt aus. Aber das hatte eben seinen Preis. Mit der vierten Generation wurde der Golf teuer. Das Wort vom „Mercedes des kleinen Mannes“ ging um. Was war dann der GTI? Der SL des kleinen Mannes? Garantiert nicht!
Jedenfalls: Keine Golf-Generation ohne GTI, und so breit wie beim Vierer war die Motorenangebotspalette beim GTI nie zuvor. Immerhin wurde mit dem Vierer-GTI das erste Vierteljahrhundert GTI gefeiert („25 Jahre GTI“). Neun unterschiedliche Maschinen erlebte der GTI im Golf IV, die aber auch die Turbodiesel umfassten, die zuvor als GTD vermarktet worden waren. Einen GTD gab es nicht mehr, er hieß nun GTI TDI. Die GTI-Benziner gingen bei 150 und 179 PS aus 1,8 Litern los, der schwächste GTI war nicht der hubraumkleinste (die 116-PS-Version hatte 2 Liter), ganz oben rangierten die VR5-Aggregate mit 2,3 Litern und 150 oder 170 PS. Leistungsmäßig gab es also viele Überschneidungen, aber die Motoren hatten völlig unterschiedliche Charaktere. Generell war der GTI weniger eigenständig als die GTIs zuvor, es handelte sich eher um eine Ausstattungsvariante. Knalliges Äußeres, Spoilerwerk, gar rote GTI-Zierlinien und „go-faster-Streifen“ in Schwarz an den Flanken – das war dem Vierer-GTI fremd und das entsprach weder dem Trend der Zeit noch der Art, wie Volkswagen den GTI positioniert haben wollte. Das war kein jugendlicher Hot Hatch, sondern ein seriöses Fahrzeug für den arrivierten Mittelstand. BBS-Felgen waren, rein optisch, das einzige Zugeständnis an alte Glorien. Einzig das Sondermodell 25 Jahre GTI trug mit Stolz Spoiler, rote Bremssättel, einen Sportendschalldämpfer und knallrot lackierte GTI-Embleme. Er war, so gesehen, der einzig wahre GTI der vierten Generation.
Norev macht einen „normalen“ GTI, der sich, von den schönen BBS-Felgen abgesehen, kaum von einem anderen Golf unterscheidet, und seine Farbe ist auch alles andere als sportlich. Es ist ein frühlingshaftes, eher zartes Grünmetallic namens Cosmicgrün Metallic LA6P. In gewisser Weise ist das eine Einhorn-Farbe, man sah sie kaum auf dem Golf IV (lieferbar nur in den Jahren 1999 und 2000). Gleichermaßen gibt es einige absolute Fans dieses Farbtons, vor allem restaurierte GTI der Ur-Generation 1976 bis 1983 tauchen vermehrt in Cosmicgrün auf. Und der Cannabis-Anbauclub in Cloppenburg nennt sich Cosmic Green Collective… Jedenfalls steht es dem Norev-Golf gut und macht ihn in der Reihe der generationenübergreifenden Norev-Golf-GTI-Reihe zur Ausnahmeerscheinung.
Auch derjenige, für den der Blick in einen Motorraum ein spanisches Dorf darstellt, kann die Maschine identifizieren, die Norev ausgewählt hat: Darauf steht nämlich ganz groß „V5“, und ansonsten ist der Motor eine nur oben strukturierte Plastikplatte, wie Norev es früher gehandhabt hat und heute besser macht, immerhin ein paar rote Akzente und zwei weiße Flüssigkeitsbehälter mit blauen Deckeln. Aber Motoren waren eben bislang die Norev-Schwäche, und angesichts vieler anderer Stärken darf man sich auch eine Schwäche leisten. Als Modellauto ist man ja auch nur ein Mensch… Innen ist der Golf klasse gemacht, viele bedruckte Piktogramme, rote Zierlinien im schwarzen Interieur, hübsche Armaturen, Teppichboden (aber nicht im Kofferraum).
Das Vorbild ist ein Golf, eben ein Golf, ein Hartmut-Warkuß-/Peter-Schreyer-Golf, eine Design-Ikone in ihrer Schlichtheit. Da kann Norev nicht mehr herausholen als ein perfektes Modell, das in seiner Perfektion fast schon statisch und leblos wirkt.
afs




Modellfotos: bat
Steckbrief:
Norev 188571 Volkswagen Golf IV GTI 1998 grünmetallic. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 84,95 Euro.