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Sammeln 1:43: Geplantes Modellauto-Design-Set von Solido

Paul Bracq in Diensten von Solido

Es gab so manches in der Modellautogeschichte, das geplant war, aber nie realisiert wurde. Dazu gehört ein Modellauto-Design-Set, das Solido Anfang der 70er Jahre zusammen mit einem Star-Designer auf den Markt bringen wollte. Es kam nicht dazu. Caramini-online erinnert an eine Idee, deren Umsetzung noch heute schön wäre.

Autodesigner sind Modellautosammler. Alle. Oder fast alle. Garantiert. Denn Autodesigner verstehen ihre Tätigkeit nicht als Job, sondern als Berufung. Sie sind Ästheten und sie lieben schöne Autos. Nicht jeder von ihnen ist in der Position, schöne Autos gestalten zu dürfen. Manche müssen Alltagsware verpacken und weniger hoch Gestiegene dürfen „nur“ Verriegelungsknöpfe oder Scheibenwischerarme oder Heckspoiler gestalten. Aber auch die sind ästhetikaffin und lieben schöne Autos. Wer schöne Autos liebt, hat sie en miniature in der Vitrine stehen.

Es ist daher höchst erstaunlich, dass es keine Verbindung zwischen Autodesignern und Modellautoherstellern gibt. Womöglich ist die Tätigkeits-Schnittmenge zu klein. Wir sind, durch reinen Zufall, auf eine Verbindung in der Modellautogeschichte gestoßen, und die wollen wir kund tun.

Unbedeutende Ereignisse oder Tatsachen werden gerne als „Fußnote der Weltgeschichte“ oder, etwas derber ausgedrückt, als „Fliegenschiss“ derselben bezeichnet. Aber es gibt auch interessante Fußnoten oder Fliegenschisse. Wir wollen von einem berichten, nicht weltgeschichtlicher Natur, sondern modellauto- oder auch automobilgeschichtlicher Natur. Ein Designer von Weltruf, Paul Bracq, beteiligte sich vor 56 Jahren an der Gestaltung des Solido-Kataloges. Er zeichnete das Titelbild der 1970er-Ausgabe, und das war eine einmalige Angelegenheit. Zuvor und danach war es der französische Graphiker Jean Blanche, der für die Solido-Illustrationen jahrzehntelang zuständig war.

Nun mag es ja so sein, dass so mancher Künstler vor seinem großen Durchbruch vor kleinem Publikum spielte, worauf so mancher im Nachhinein gar nicht mehr stolz ist. Aber selbst seine größten Fans billigen ihm zu, auch mal klein angefangen haben zu dürfen. Auf Paul Bracqs Solido-Intermezzo trifft das nicht zu. Er war 1970 bereits ein sehr bedeutender Designer. Aber eben auch damals schon Modellautosammler und Geschäftsmann. Solido bezahlte ihn. Geplant war eine Serie futuristischer Modellautos im Solido-Programm. Geworden ist aus diesem Plan nichts. Geblieben ist der 1970er Katalog mit seinem Cover und die erste Umschlagseite, die auf die geplante Serie mit großen Worten hinweist. Solido wollte sich in Bracqs Licht sonnen, von seinem großen Namen profitieren. Warum das Vorhaben scheiterte, ist nicht überliefert. Wo man nichts weiß, ist das Spekulieren eine Tugend. Wichtig ist eben nur, dass Spekulationen auch als solche gekennzeichnet und nicht als angebliche Fakten „verkauft“ werden.

Keine Kapazitäten: Anderes war wichtiger

Ferdinand de Vazeilles hatte eine der größten Metallgießereien Frankreichs und produzierte ab Ende 1932 in Ivery-la-Bataille auch Spielzeugautos aus Zinkdruckguss, die er Solido nannte. Unter der Ägide seines Sohnes Jean stieg Solido mit der „Série 100“ in die 1:43-Produktion ein, vorzüglich Rennsportfahrzeuge, ab 1964 auch Oldtimer. Ende der 60er Jahre wurde Solido nach wie vor von Familienmitgliedern geleitet (Jean de Vazeilles und seine beiden Schwestern), expandierte, baute eine neue Fabrik in Oulins (Produktion dort ab Juni 1974). Dennoch verkauften die Geschwister die Firma im Jahre 1973 an den Konzern Le Jouet Français, zu dem auch Heller (Plastikkits) und Jouef (H0-Modellbahnen) gehörte. Der Fabrikneubau war belastend für das Familienunternehmen. Und Solido hatte in dieser Zeit nicht nur ihn zu stemmen, sondern auch einen Umbau des Produktionsprogramms. Grund dafür war das Produktionsende bei Dinky Toys France, dem Hauptkonkurrenten von Solido. Solido, auf Rennsport und Oldtimer spezialisiert, versuchte nun, das Dinky-Erbe anzutreten und machte zunehmend Straßenfahrzeuge, also ganz normale Autos, die neue „Série 10“. Hier ein konkurrenzfähiges Programm anbieten zu können, bedurfte vieler neuer Formwerkzeuge. Das war eine große finanzielle Herausforderung. In dieser Zeit des Umbruchs – und das mag als Erklärung dienen – waren keine Ressourcen und Kapazitäten vorhanden, um eine neue Produktlinie, also das Nischenprodukt „Designstudio“, zu starten.

Einer war über das Ende des „Designstudios“ erleichtert

Einer war sicherlich not amused, dass Paul Bracq seinen Fuß in die Solido-Türe stellte, denn er fürchtete um seine Daseinsberechtigung: Jean Blanche, langjähriger Solido-Graphiker. Er gestaltete die Katalog-Titel, er zeichnete die Bilder der noch nicht lieferbaren und somit nicht fotografierbaren Neuheiten, er kreierte die Schachtelillustrationen, er layoutete die Kataloge und war für sämtliche Solido-Werbegraphiken verantwortlich. Seit den 50er Jahren war Jean Blanche für die Solido-Gründerfamilie de Vazeilles tätig, und der letzte, von ihm gestaltete Katalog datiert von 1980/81. Danach wurden Neuheiten nicht mehr mit Blanche-Zeichnungen, sondern mit Vorbildfotos im Katalog gezeigt. Ohne den Grund für das Ende zu kennen, tendieren wir zur Annahme, dass Jean Blanche schlichtweg in Rente ging. Nur das 1970er-Cover durfte Blanche nicht zeichnen. Sicherlich fürchtete er, Paul Bracq könnte sich bei Solido etablieren, ein weltberühmter Designer, und ihm, der er „nur“ Solido-Graphiker war, seinen Platz streitig machen. Blanche dürfte erleichtert aufgeatmet haben, als aus dem Projekt Designstudio keine neue Solido-Produktlinie erwuchs und die angestrebte Zusammenarbeit Solido-Bracq bereits im Keim erstickte.

1970 hatte Paul Bracq bereits viel vorzuweisen: Zwischen 1957 und 1967 schuf er bei Daimler-Benz den Pagodendach-SL W113, den majestätischen 600er W100, die W111-Derivate Coupé und Cabriolet, die „S-Klasse“ W108 und den Strich-Achter W114/W115. Nach einem dreijährigen Intermezzo in seiner Heimat Frankreich beim Karosseriebauer Brissonneau & Lotz in Creil begann 1970 seine Karriere bei BMW (zunächst Turbo-Konzept, dann 5er E12, 3er E21, 6er E24 und 7er E23). Womöglich ist dies der Grund, warum es seinerseits bei und mit Solido nicht geklappt haben mag: Während seiner Brissonneau & Lotz-Phase weilte Bracq in Frankreich und hätte wohl auch (Frei-) Zeit für das Solido-Projekt gehabt. Die räumliche Distanz zwischen Brissonneau & Lotz in Creil und Solido in Oulins war mit 130 Kilometern äußerst überschaubar. Danach ging er nach München und hatte dort sicherlich eine Tätigkeit, die ihn voll ausfüllte.

„…wie Bertone, Ghia, Pininfarina und Zagato“

Paul Bracqs Solido-Engagement währte also nur kurz. Das einzige, greifbare Artefakt ist der 1970er-Katalogtitel. Den 1971er Katalog durfte wieder Jean Blanche gestalten. Caramini-online kontaktierte natürlich Pail Bracq, der heute 93jährig in Bordeaux lebt. Wir bekamen auch postwendend Antwort auf unsere schriftliche Anfrage, allerdings nicht von Paul Bracq selbst, sondern von seiner Tochter Isabelle. Sie sagte, sie habe den Vater befragt, aber er erinnere sich an keine Einzelheiten mehr, es sei ja auch fast 60 Jahre her, und verwies auf sein fortgeschrittenes Alter. Schade – aber wir haben getan, was wir konnten.

Aus dem 1970er Solido-Katalog geht über die geplante „Designstudio“-Linie einiges hervor, aber nicht viel – was belegt, dass das Projekt nicht weit gediehen, sondern nur – wie man neudeutsch sagt – angedacht war. Es lief unter dem Oberbegriff „Style 80“ und wurde für Herbst 1970 als Nouveauté Mondiale, also als Weltneuheit, angekündigt. Die Modelle sollten im Maßstab 1:25 realisiert werden und dem kleinen Kunden wurde versprochen, er könne agieren „comme Bertone, Ghia, Pininfarina et Zagato“. Solido plante, ein Normfahrgestell mit auswechselbaren Rädern zu konstruieren, bestimmt aus Zinkdruckguss, und dazu einen gipsartigen Werkstoff mitzuliefern, aus dem der Nachwuchsdesigner mit der gleichen Technik wie seine großen Designer-Vorbilder eine Karosserie schaffen könne. Das wäre natürlich ein ungemein kreatives Spiel gewesen, es hätte sicherlich vielen Jungs Freude bereitet. Alleine – es hat nicht sollen sein.

afs

Und weil wir gerade so schön im Thema drin sind, folgt morgen eine Abhandlung über die Opel-Modellbauer-Gilde.

Der erste und einzige Solido-Katalog, der kein konkretes Solido-Modell als Titel trägt, der nicht von Jean Blanche gestaltet wurde und dessen Titelauto nie von Solido verwirklicht wurde. Katalog 1970 mit Bracq-Designentwurf.
Quelle: Archiv afs
Ein Blick hinein, die erste Umschlagseite: Annonce für das Set namens „Style 80“, das den jugendlichen Besitzer zum Autodesigner en minature befähigen würde – so es denn je erschienen wäre.
Quelle: Archiv afs
Die Mercedes-Benz Designer Paul Bracq (rechts) und Giovanni Battistella im März 1965 an einem Designmodell des von Bruno Sacco konzipierten Mittelmotor-Supersportwagens.
Foto: Archiv Daimler-Benz

Paul Bracq, geboren am 13. Dezember 1933 in Bordeaux, Frankreich, von 1957 bis 1967 Designer in Sindelfingen, Leiter der stilistischen Vorentwicklung. Sein Name ist eng mit dem SL der Baureihe W 113 („Pagode“) verbunden sowie mit dem 600 (W 100) und den „Strich-Acht“-Fahrzeugen der Baureihe W 114/115. Das Foto zeigt ihn im März 1965 am Designmodell (1:5) eines Mittelmotor-Supersportwagens, dessen Konzeption Mitte 1964 begonnen hatte.
Foto: Archiv Daimler-Benz

Das Who-is-Who der damaligen Daimler-Benz-Styling-Abteilung: Bracq (rechts) mit Chefdesigner Friedrich Geiger im weißen Kittel, sitzend Fritz Nallinger (Technischer Direktor und gesamtverantwortlich für die Fahrzeug- und Motorenentwicklung) sowie Karl Wilfert (links, Leiter der Karosserieentwicklung).
Foto: Archiv Daimler-Benz
Genfer Autosalon, März 1963. Béla Barényi (rechts) und Paul Bracq am damals dort vorgestellten Mercedes-Benz 230 SL „Pagode“ (W 113).
Foto: Archiv Daimler-Benz

Das einzige zeitgenössische Solido-Modell, das eine Paul-Bracq-Schöpfung nachzeichnet, ist das Mercedes 220 SE Coupé W111 (Solido Nummer 126), Rotmetallic und Blaumetallic). Später gab es eine Wiederauflage unter dem Label Verem (Dunkelblau). Dafür wurden die Formwerkzeuge schwer modifiziert (ruiniert?): Waren zuvor die Blankteile Karosseriebestandteil und silbern lackiert, so baute Solido die Form dergestalt um, dass fortan verchromte Plastikteile separat eingesetzt wurden.
Modellfoto: bat
Auszug aus dem 1963er Solido-Katalog, der Mercedes als Neuheit angekündigt. Interessant ist, dass ihn Jean Blanche als geschlossenes Cabriolet zeichnete, während er in der Bildbeschreibung als Coupé bezeichnet wird. Offenbar hatte Solido zuvor geplant, den 220 SE als geschlossenes Cabriolet zu gestalten, ebenso wie das gleichzeitige Fiat 2300 S Cabriolet.