Die ominöse 137: Die reine Phantasie
Es gibt Dinge im (Miniaturautosammler-) Leben, die sind so klar, dass sie schlichtweg nicht hinterfragt werden. Vor allem, wenn sie sich bereits in kindlichen Tagen eingeprägt haben. Zu diesen gehört der Volkswagen 1500 Saloon, also der VW Käfer, von Matchbox als Teilnehmer der Rallye Monte Carlo mit der Startnummer 137. Das Modell erschien 1968, war also fester Bestandteil der Spielzeugkiste von Jungs, die ungefähr zwischen 1965 und 1970 geboren wurden, somit Generation X, die ersten nach der Boomer-Generation. Für sie war klar und ist es heute noch, dass ein weißer Käfer Teilnehmer der Rallye Monte Carlo 1968 war. War er aber nie!
Der Käfer erschien 1968 unter der Matchbox-Nummer 15 in Cremeweiß mit Regular Wheels, also verchromten Plastikfelgen mit aufgezogenen Nylon-Reifen. Auf der Vorderstoßstange ist ein Rallyeschild integriert, darauf ein Decal: Rallye Monte Carlo 1968, dazu die # 137. Diese findet sich auch als Decal auf den Türen. Nicht dazu passen will die Anhängekupplung, aber das darf man bei einem damaligen Matchbox-Autochen nicht zu ernst nehmen. Immerhin ist der Käfer formal hervorragend gelungen, wie nahezu alle Matchbox-Modelle aus der Ära der Regular Wheels. Im Folgejahr 1969 stellte Matchbox auf Superfast-Räder um, und bis 1971 gab es den ansonsten identischen Käfer in reinerem Weiß, die Startnummer 137 blieb auf den Türen, aber aus dem Decal wurde ein Papieraufkleber. In seinem letzten Produktionsjahr 1972 bekam der Superfast-VW eine neue Lackierung, aus Weiß wurde Rotmetallic. In der Sammlerszene trägt die Version mit Regular Wheels die Seriennummer 15d, die Superfast-Version 15e. Im Matchbox-Katalog wird der Käfer schlichtweg als Number Fifteen geführt.
Dieser Käfer ist der Urschrei eines Mythos’ unter Sammlern, bis heute. Das Modell verkaufte sich millionenfach, und das Phantasiedesign der Matchbox-Kreativlinge verankerte sich fest im kollektiven Gedächtnis. Natürlich gab es in manchen Jahren bei der Rallye Monte Carlo Starter mit der # 137 – so bei der Monte 1950 ein BMW, 1952 ein Sunbeam-Talbot 90, 1967 ein Ford Cortina GT und 1968, dem Erscheinungsjahr des Matchbox-Modells, ein Mini Cooper S. Aber niemals ein Volkswagen Käfer. Es gab auch Käfer, welche die Monte absolvierten, in ihrer Klasse sogar recht erfolgreich – aber niemals mit der Startnummer 137. 1954 bestritt der spätere Rallye-Star Paddy Hopkirk seinen ersten größeren internationalen Rallye-Auftritt in einem Käfer bei der Monte, 1956 waren gleich mehrere Privatfahrer auf Käfer dabei. Einen relativ großen Erfolg erzielte der Käfer bei der Monte 1964, Doppelsieg in ihrer Hubraumklasse (1300 bis 1600 cm³). Bei der Rallye Monte Carlo 1968, an welcher der fiktive Matchbox-Käfer also teilgenommen haben soll, waren nur zwei VW gemeldet, aber Typ 3 Stufenheck, der niederländische VW-Importeur Ben Pon (# 120) kam auf Rang 57 und der Norweger Knut Moberg (# 232) fiel aus.
Wie die meisten Sammler auch, hatte der Verfasser jahrzehntelang keinen Grund, die reale Existenz des Matchbox-Rallyekäfers anzuzweifeln. Aus purer Neugierde wollte er sehen, wer der Pilot war und sah in der Monte-Ergebnisliste 1968 nach. Dabei stieß er auf den „Fake“. Und wieder ist ein lieb gewonnener Mythos als solcher gekennzeichnet und somit zerstört. Wir können nichts dafür, tut uns leid, sorry, Entschuldigung…
afs


Modellfotos: bat



Quelle: Archiv afs