Jugendlicher Traumberuf Autodesigner
Lokomotivführer, Astronaut oder Autodesigner. Das waren früher die klassischen Berufswünsche für Jungs. Im Rahmen der Modellbauer-Gilde gab Opel dem Nachwuchs eine Chance. Von 1965 bis 1979 entstanden bemerkenswerte Entwürfe. Sie alle mündeten in einem Modell gewordenen Einzelstück, gefertigt in circa 1:12.
Es begann in Amerika und endete in Deutschland. 1930 rief General Motors die Fisher Body Craftman’s Guild ins Leben, einen Autostyling-Kontest für Teenager. Namensgeber war die GM-Division Fisher Body, ein von GM in den 20er Jahren übernommener Karosseriebaubetrieb. Fisher Body, 1908 von Frederic und Charles Fisher gegründet, war ein Karosseriebaubetrieb in Detroit. Anfang der 20er Jahre kaufte General Motors Fisher Body, kurz darauf den Konkurrenten Fleetwood Metal Body. Beide wurden zu GM-Filialen (von GM „Divisionen“ genannt). 1934 baute Fisher die ersten Ganzstahlkarosserien für GM. Hier wurden stets fortschrittliche Aspekte des Karosseriebaus realisiert, viele Features entstanden erstmals hier, so Kurbelfenster, nach hinten geneigte Windschutzscheiben, die Verwendung von entspiegeltem Glas und die ersten GM-Airbags. Fisher baute die Karosserien für die preiswerteren Cadillac, diejenigen der Luxusversionen stammten von Fleetwood. Dieser Name ist nach wie vor ein Begriff durch die Cadillac-Modellbezeichnung Fleetwood. Seit den frühen Nachkriegsjahren trugen sie die großen Cadillac als Zusatzname, der letzte Cadillac Fleetwood lief 1996 vom Band.
Die Leiter des Modellbauer-Wettbewerbs waren die namhaftesten amerikanischen Autodesigner, eben die jeweiligen GM-Designikonen wie Harley Earl, Bill Mitchell oder Charles M. Jordan. Die Jugendlichen wurden dazu motiviert, ihre eigenen Traumwagen zu entwerfen und einen Prototyp zu bauen. Diese Modelle wurden von der Jury bewertet und mit Preisen versehen.
Das machte riesigen Spaß und war eine Herausforderung für alle Teenager mit dem Berufswunsch Autodesigner. Begonnen wurde mit vier Rädern, meist aus Holz und an der Drehmaschine selbst gefertigt. Dann legten die Jugendlichen den Radstand fest und schufen eine Bodenplatte, auch aus Holz. Nun standen die Dimensionen fest. Anschließend setzten sie ihren Papierentwurf dreidimensional um, als Materialien dienten Gips, Plastilin oder Holz. So entstand nach viel handwerklicher Arbeit ein Modell im ungefähren Maßstab 1:12, manchmal auch etwas kleiner, aber nie kleiner als 1:18. Entweder wurde es aus einer Plastilinmasse oder aus Modelliergips geformt, andere wählten einen Holzblock als Grundlage und schnitzten das Modell. Nach endlosem Schleifen, Feilen, Spachteln und Schmirgeln bekam das Vollguss-Teil eine schöne Lackierung. Die Anbauteile wurden meist aus leicht zu bearbeitendem Aluminium gefertigt und anschließend poliert, bis sie wie Chrom glänzten. Die Jugendlichen arbeiteten oft wochen- oder monatelang an ihrem Prototyp. Viele beteiligten sich über Jahre am Kontest und wurden mit zunehmender Erfahrung immer besser.
GM hatte davon mehr als nur das Wissen, den Jugendlichen eine Freude zu machen. Immerhin haben es einige Bewerber beim Fisher Body Craftman’s Guild zu einer Stelle im GM-Stylingstudio gebracht, im Jahre 1985 waren immerhin noch 25 ehemalige Bewerber der GM-Talentsuche in einem der GM-Stylingstudios beschäftigt. Doch auch wer es nicht so weit gebracht hatte, profitierte davon. Denn den jugendlichen Talenten wurden Träume geboten und die GM-Designabteilung konnte an den repräsentativen Einsendungen sehen, wie sich der Nachwuchs das Autodesign der Zukunft vorstellte und sich daran orientieren.
Bis 1968 lief der Fisher Body Craftman’s Guild in Amerika und wurde dann aus Kostengründen eingestellt. Aber die Idee exportierte GM Mitte der 60er Jahre, und Modellbauer-Gilden nach demselben Vorbild etablierten sich bei Opel (1965 bis 1979), bei GM Schweiz, bei Vauxhall in England und bei Holden in Australien. Außer bei Opel handelte es sich um kurzlebige Experimente. Aber in Rüsselsheim hielt sich die Modellbauer-Gilde immerhin 14 Jahre lang. Sie war ein riesiger Erfolg. Im Jahresdurchschnitt reichten immerhin 1697 Bewerber ihre Stylingstudien ein, und darunter waren auch ein paar Mädchen.
Wenn man sich heute rückblickend die eingereichten Entwürfe ansieht, stellt man fest, dass es zwei prinzipielle Kategorien an Einsendungen gegeben hatte. Der größte Teil der Modelle nahm existente Styling-Studien zum Vorbild und versuchte, diese zu variieren. Das waren die Arbeiten der weniger phantasiebegabten Köpfe. Vor allem in der Anfangszeit Ende der 60er Jahre wurden besonders herausragende GM-Entwürfe modifiziert, so der Opel CD (aus dem später der Bitter Diplomat CD entstehen sollte), der Opel Experimental-GT oder die GT-Aero-Studie. Das machte auf die Juroren keinen allzu großen Eindruck, denn Designmerkmale wie das komplett aufklappbare Dach (beim Opel CD) oder in die Dachhaut hinein gezogene Türen (beim GT) waren ja nichts Neues. Mancher Bewerber kopierte auch komplette Entwürfe von Stardesignern aus Italien und versuchte, sie als Eigenkonzeption zu „verkaufen“ – in der Hoffnung, gerade dieser Bertone- oder Pininfarina-Entwurf sei den Rüsselsheimer Juroren unbekannt. Was natürlich nicht der Fall war.
Aber es beteiligten sich auch äußerst kreative Köpfe am Wettbewerb, die wirklich neue Ideen in ihren Modellen umsetzten – von realisierbar bis futuristisch. Voll verkleidete Räder, verwandelbare Karosseriekonzepte (Limousine, Cabrio und Pickup in einem), Fahrzeuge mit Schiebetüren, radikale Keilform – so manches heute realisierte Konzept wurde von einem Teenager im Rahmen der Opel-Modellbauer-Gilde vorweg genommen.
Natürlich waren die meisten Einsendungen faszinierende Dream Cars und keine vernünftigen Cityauto-Konzepte – ebenso wie die damaligen Stylingstudien und Concept Cars ja auch Traumwagen und keine Ratio-Mobile waren – nur wenige Auguren wagten sich schon damals über den Zeitgeist hinaus und kreierten smarte Stadthüpfer. Aber es war ja in erster Linie Sinn der Sache, dass die Jugendlichen Spaß haben sollten. Die größten Chancen hatten also visionäre Ideen, und darunter waren spätestens ab Ende der 60er Jahre auch kleinste oder kompakte Stadt-Hüpfer, teilweise sogar in modularer Bauweise. Denn ab diesem Zeitpunkt setzte eine allgemeine Diskussion über die nötige Verkehrsfläche eines Automobils ein – und ab der Ölkrise 1973/74 änderte sich die allgemeine Ansicht des Automobils sowieso – der Trend ging weg vom Auto, das Spaß machen sollte, und hin zum Auto, das vernünftig und sicher und sparsam ist. Das war aber nicht die Vorgabe seitens Opel im Rahmen der Modellbauer-Gilde. Nach wie vor sollten Automobile zum Träumen einladen, und nicht jedes Dream Car hatte seine Legitimierung dadurch, Anstöße für die Serienfertigung zu bieten. Manchmal war Träumen Selbstzweck – und zwar gesteuerter Selbstzweck: Das Dream Car lenkt die Aufmerksamkeit auf die Opel-Serienprodukte und das Dream Car lenkt den Gang des potentiellen Autokäufers in das Opel-Autohaus.
Der Anreiz zum Mitmachen war groß. Die ausgezeichneten Modellbauer durften zwei Wochen lang das Opel-Styling-Studio in Rüsselsheim besuchen und während dessen, quasi als Praktikanten, ihre Ideen einbringen. Das konnte immerhin der erste Schritt zur Berufswahl sein. Und die Teilnahme-Urkunde schmückte derweil die Wand des Jugendzimmers.
afs

Modellfoto: bat

Quelle: Archiv afs

Quelle: Archiv afs

Quelle: Archiv afs

Quelle: Archiv afs

Foto: Archiv afs

Foto: bat