Der 55ste Geburtstag: weder rund noch Jubiläum
Varianten nur, aber schöne Varianten. Almost Real variiert seinen Mercedes-AMG G63 W463, nun kommt das weiße Sondermodell Edition 55 mit rotem Interieur. Der Markt für die G-Klasse in 1:18 scheint unersättlich zu sein, vorzüglich im gehobenen Segment. Doch alles, was neu kommt, ist immer wieder schön.
Beamen wir uns für einen Moment ins ferne Jahr 1979 zurück. Das damals so genannte Mercedes G-Modell war eben erschienen und konnte über Daimler-Benz-Nutzfahrzeughändler bestellt werden. Stellen wir uns also vor: Ein Typ mit Goldkettchen, Cowboystiefeln, Jeans, Schnauzbart und Vokuhila-Frisur verirrt sich ins Gewerbegebiet in der Vorstadt und findet dort den Daimler-Benz-Nutzfahrzeughändler, schlängelt sich durch NG-Lastwagen und Düsseldorfer Transporter und findet den hemdsärmligen Mercedes-Lkw-Verkäufer. Bei ihm will er einen 280 GE Station Wagon mit langem Radstand in reinem Weiß mit knallroten MB-Tex-Sitzbezügen, dazu Alufelgen mit Breitreifen bestellen. Wie hätte der Verkäufer reagiert? Wahrscheinlich hätte er den Hausmeister gerufen (denn eine Security-Abteilung gab es damals noch nicht) und hätte ihn angewiesen, den Möchtegern-Cowboy diskret, höflich, aber sehr bestimmt des Hauses zu verweisen. Denn was er wollte, ein weißer, langer 280 GE mit roten Möbeln und breiten Schlappen auf Alus, war aus damaliger Sicht nichts als grober Unfug!
Was ist aus dem G-Modell in den vergangenen 47 Jahren geworden! Wie viele Bücher sind über das Auto und seine Metamorphose vom G-Modell über die G-Reihe hin zur G-Klasse geschrieben worden! (Der Verfasser dieser Zeilen bekennt sich ebenfalls als Täter, eines stammt aus seiner Hand.) Damals bewegte sich das G-Modell in PS-Zahlen zwischen 90 und 156 und in Hubraumklassen zwischen 2,3 und 2,8 Litern, Vier- und Sechszylinder-Benzinmotoren, teils noch mit Vergaserbestückung. Heute sind 470 PS beim G500 und über 500 PS beim G63 AMG normal, selbst der Diesel bringt es auf knapp 400 Pferde. Ein V8 im G63 ist zwar momentan das höchste der Gefühle, aber bis 2018 wurden die AMG-G-Klassen von Zwölfzylindern beflügelt, bis zu 630 PS stark. Das war noch die Baureihe W463, von der manche G-Kenner sagen, sie sei die beste gewesen, denn damals trug die G-Klasse noch ein richtiges Geländewagen-Fahrwerk mit vorderer Starrachse. Heute, mit der vorderen Einzelradaufhängung und gar mit dem (von kaum jemandem gekauften) Elektromotor, so sagen die G-Fundis, sei der Wagen ein reiner Sportwagen mit der Karosserie eines Offroaders, mithin also ein Sport-SUV – aber eben kein Geländewagen mehr.
Für manche. Aber nicht für jeden
Jubiläen werden gefeiert und vermarktet, und wenn es keine Jubiläen gibt, so eben Geburtstage. Auch Daimler-Benz macht dies, Sondereditionen, limitiert, optimistisch bepreist, teils nicht allgemein verfügbar, für einen speziellen Personenkreis, potentielle Sammlerstücke, Auto als Investment, Auto als Visitenkarte – das Spiel ist bekannt. 1979 kam das G-Modell heraus, aber das rechnet sich nicht. Doch 2022 wurde AMG 55 Jahre alt (1967 gegründet), also war das ein willkommener Anlass für eine G-Klasse-Sonderserie namens Edition 55. Genau die beschert uns nun Almost Real in 1:18 als Highender, als herausragendes und hervorragendes Modellauto in bekannter Umsetzung – kurz nach dem mattschwarzen Grand Edition-Sondermodell von 2023, vorgestellt in Caramini-online vom 23. Februar 2026. Und weil es sich um das gleiche Auto, lediglich in anderer Ausgestaltung und Aufmachung, handelt, verweisen wir auf diesen Beitrag bezüglich der generellen Parameter der Almost-Real-G-Klasse und wollen uns hier ausschließlich mit den Besonderheiten der Edition 55 beschäftigen.
AMG setzte nicht auf eine bestimmte Anzahl, limitierte aber durch eine zeitliche Beschränkung: Bestellt werden konnte die Edition 55 nur zwischen März und Oktober 2022, was die Verbreitung natürlich einschränkte. Aber es kann eben kein stolzer Eigentümer sagen: „Ich habe einen von x Exemplaren.“ 17.850 Euro kostete das Edition-55-Paket zusätzlich, und der Spezial-Geh war in den beiden Farben Obsidianschwarz Metallic (natürlich! Was sonst?) und G-Manufaktur Opalithweiß Bright (wofür sich Almost Real entschied) zu haben. Die Seitenstreifen sind keine Kleber (wie früher), aber auch keine aufwendigen Lackierungen, sondern foliert, darauf das AMG-Wappen und eine AMG-Raute. Beim weißen Fahrzeug ist das goldfarben. Almost Real legt die Streifen als Decal zum selbst Anbringen bei. Wir fragen uns, warum dies dem Kunden überlassen wird. Generell bereitet es ja Spaß, Decals selbst anzubringen. Aber im konkreten Fall ist es heikel. Das Decal ist ein einteiliger Streifen. Er muss aber zwei Mal beschnitten werden. Der vordere Teil bedeckt die Vordertüre, der hintere die Hintertüre. Dazwischen ist beim G die frei stehende B-Säule. Nun kann man das Decal einteilig anbringen, austrocknen lassen und danach die Kanten mit einem scharfen Bastelmesser durchtrennen. Das kann schief gehen. Man kann das Decal auch vor dem Anbringen, also in trockenem Zustand auf dem Trägerpapier, zuschneiden. Dann muss man sehr genau messen. Das kann auch schief gehen. Dass es schief gehen kann, billigt uns Almost Real nicht zu. Sonst läge dem Modell ein zweiter Satz Streifen bei. Wir haben uns, nach sorgfältigem Abwägen, dazu entschlossen, die Decals nicht vor dem Fotografieren anzubringen. Wir zeigen sie lieber in schönem, ungebrauchtem Zustand und legen sie neben das Auto. Ebenso wie den beiliegenden Rammschutzbügel. Denn wir sind eindeutig zu blöde, ihn zu montieren. Eine Anleitung hierzu? Fehlanzeige!
Wichtiger als das Auto selbst sind manchem Kunden dessen Räder, 22-Zoll-Schmiederäder im Kreuzspeichen-Design, das Felgenhorn glanzgedreht (davon sieht man am Modell nichts, nichts glänzt), die eigentlichen Felgen Tantalgrau Matt lackiert (am Modell ist das komplette Rad mattgrau). Dahinter die Bremssättel im obligatorischen Feuerrot. Dann hat der Edition 55 die beiden Night-Pakete I und II sowie einen speziellen Tankeinfüllstutzen mit AMG-Schriftzug. Darüber brauchte sich Almost Real keine Gedanken zu machen, denn die Tankklappe geht am Modell nicht auf (von wegen all open…!). Die spezielle Abdeckplane des Sondermodelle liegt auch nicht bei. Innen gibt es die üblichen zusätzlichen Logos, Schriftzüge, Plaketten und (beleuchtete) Leisten, natürlich auch massig Dekor-Carbon. Der Clou ist aber das classicrot-schwarze Nappaleder. Mit dem Interieur gibt sich Almost Real traditionell sehr viel Mühe und erschafft wahre Wunderwerke – nicht nur in Sachen Bedruckung, sondern auch Haptik. Aber gerade die „Edition 55“-Plakette am unteren Segment des Lenkrades hätte eigentlich schon Platz gehabt. Und nett wären natürlich auch die schwarzen Fußmatten mit roten Kontrastnähten gewesen. Freilich ist das Jammern auf hohem Niveau – aber bei einem 340-Euro-Modell darf der Kunde eben auch mehr erwarten als bei einem Budgetmodell.
Jedenfalls ist der farbliche Kontrast im Inneren sehr spannend und harmoniert bestens mit dem weißen Außenlack. Ein Almost-Real-Modell ist stets eine Entdeckungsreise in höhere Sphären, ein purer Lustgewinn fürs Auge (und sogar für die Finger, die das Auto befummeln), ein Gefühl absoluter Befriedigung, etwas Wertvolles erworben zu haben, an dem man Freude hat. Das gilt für den Edition-55-Geh ebenso wie für andere Almost-Real-Modelle.
Natürlich sind Modelle wie diese Edition-55- oder die jüngst vorgestellte Grand-Edition-Version nichts als Variantenhascherei und es lässt sich getrost einwenden, ob Almost Real so etwas nötig hat. Ja, Almost Real hat so etwas nötig! Wie alle anderen Hersteller auch. Mit Varianten der G-Klasse lässt sich Geld verdienen, denn genau das wollen die Sammler all over the world haben. Und mit dem Geld, das damit verdient wird, kann Almost Real (und können all die anderen) dann neue Modelle entwickeln, über die wir uns freuen. Dadurch überleben sie und es geht ihnen gut,. Und das ist in unser aller Interesse.
afs




Modellfotos: bat


Steckbrief:
Almost Real ALM820807 Mercedes-AMG G63 W463 Edition 55 2022 weiß. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. Auflage 1008 Exemplare. UVP 339,95 Euro beim Importeur Minichamps.