Die ultimative Legende
Jeder Jahrgang ist anders. Beim Wein ebenso wie beim Elfer. Deshalb hat jeder Jahrgang seine Daseinsberechtigung in 1:18. Minichamps hat sich dem Porsche 911 S des Modelljahrs 1972 gewidmet, „der mit der Ölklappe“. Ein rundum schön gemachtes sealed-Modell.
Der legendäre Porsche 911 S erschien 1967, mit 160 PS deren 30 stärker als die anderen Elfer dank höherer Verdichtung, geschmiedeter Leichtmetallkolben, anderen Nockenwellen, größerer Ventile, modifizierter Vergaser. Dazu Fahrwerksoptimierung: Koni-Stoßdämpfer und Stabilisatoren, rundum innen belüftete Scheibenbremsen – eine Sportskanone, die Tempo 225 rennt und innerhalb von 7,6 Sekunden auf 100 km/h spurtet. Porsche nannte den 911 S im Prospekt vom Juli 1966 „die Synthese aller Wünsche, die anspruchsvolle Automobilisten an das moderne Fahrzeug unserer Zeit stellen“, er sei „mehr als ein Reisewagen, mehr als ein Sportwagen“, und Porsche verweist auf die ersten Sporterfolge mit dem 911. Letztendlich ging der 911 S auf den für die Rallye Monte Carlo 1965 getunten Ur-Elfer zurück.
Optisches Erkennungsmerkmal des Porsche 911 S sind seine geschmiedeten Leichtmetallfelgen von Fuchs. Leichtmetallfelgen waren damals eine Sensation, allenfalls von Rennwagen bekannt. Porsche entschied sich sogar für die feinere Version der Alufelge, geschmiedet statt gegossen. Die Fuchs-Felge war anfangs einfarbig silbern, ab 1969 im Hintergrund schwarz hinterlegt, später komplett schwarz. Weitere optische Eigenheiten des 911 S sind die verchromte Türschweller-Zierblende, verstärkte Profilgummileisten an den Stoßstangen, golden eloxierte Schriftzüge sowie die serienmäßigen Halogen-Nebellampen.
Der 911 S machte die jährlichen Elfer-Modifikationen mit, so die mechanische Einspritzung ab 1968 (nunmehr 170 PS) 57-mm-Radstandverlängerung und ausgestellte Radläufe wegen der nunmehr Sechszoll-Füchse 1968, 1969 2,2 statt 2 Liter Hubraum (180 PS). 1972 erneute Hubraumvergrößerung auf 2,4 Liter, jetzt sogar (normalbenzintaugliche) 190 PS im 911 S. Auf der Beifahrerseite hinter der Türe unterhalb des Fensters befindet sich beim Porsche 911 dieses Jahrgangs eine Klappe. Dahinter verborgen ist der Öleinfüllstutzen, denn der Öltank sitzt zur besseren Gewichtsverteilung vor der Hinterachse. Das blieb nur ein Modelljahr so, denn die Öltankklappe hatte für Irritationen gesorgt. Es gab Tankwarte, vor allem im Ausland, wo der Neunelfer nicht so bekannt war, die hier Benzin einfüllten. Dazu kam 1972 ein kleiner Frontspoiler beim 911 S, keine vorderen Stoßstangenhörner mehr, was den Wagen deutlich breiter erschienen ließ, Lüftungsgitter auf der Motorhaube in Schwarz mit „2.4“-Schriftzug.
Diesen 1972er Porsche 911 S macht Minichamps. Er entspricht dem vorletzten Jahrgang dessen, was im Nachhinein „Ur-Elfer“ genannt wird. Im letzten Modelljahr, das im Zeichen des 911 Carrera 2.7 RS stand, gab es noch kleine Veränderungen am 911 S und den anderen Elfern: Schwarzer Kunststoff ersetzte verchromten Zinkspritzguss bei den vorderen Hupengittern und den Umrandungen der Blinker respektive der Heckleuchteneinheit, die runden Außenspiegel hatten ausgedient, eckige Gehäuse waren Mode. Die Öleinfüllklappe hinter der Beifahrertüre verschwand, der Öltank saß wieder hinter der Hinterachse und wurde vom Motorraum aus befüllt.
Keine Doppelentwicklung
Minichamps gibt das Baujahr mit 1972 an und das Modell erfüllt sämtliche Charakteristika dieses Baujahrs, mithin der E-Serie. Es trägt somit keine vorderen Stoßstangenhörner. Das ist korrekt, aber mutet seltsam an. Man hat den Ur-Elfer mit Hörnchen in Erinnerung, und nur seine letzten beiden Modelljahre waren ungehörnt (übrigens wie beim absoluten Ur-Elfer, dem Porsche 901 auf der IAA 1963). Das Modell kann nur lenken und rollen, sonst nichts, as sealed as sealed can be. Damit ist es keine Alternative zu den 1:18-Ur-Elfern von Kyosho oder CMC, die all open sind, sondern eine Ergänzung – zumal diese beiden auch sehr frühe Elfer sind. Aber das Minichamps-Modell tritt in Konkurrenz zum ebenfalls schön gemachten Norev-Ur-Elfer, der allerdings ein 1969er-Modell darstellt – somit keine Doppelentwicklung, sondern ein eigenständiges Modell. Formal ist der Minichamps-Porsche bestens getroffen, Dimensionen und Proportionen stimmen, das Auto macht Freude. Aus der Sicht von Minichamps ist es ein Budget-Modell. Die Fensterumrandungen sind silberne Druckwerke, nicht chrombedampft, so wenig wie die verchromte Schwellzierleiste – wobei es bemerkenswert ist, dass Porsche damals das sportlichste Modell mit zusätzlichem Chrom am Schweller aufwertete, während kurze Zeit später Chrom als Luxusaccessoire wahrgenommen wurde und eben nicht als sportliches. Ganz klasse gemacht sind die Füchse, vollverchromt mit mattschwarzen Hinterlegungen, allerdings ventillos und ohne Reifenflankenbeschriftung. So etwas mag man bedauern. Aber wir bejammern eher falsche Felgen- oder Reifengrößen, und bei diesem Modell haben wir nichts zu kritisieren. Was nützen Ventile und beschriftete Reifen, wenn auf den ersten Blick klar ist, dass die Radgröße daneben liegt? Da haben wir lieber einfaches, aber größenmäßig passendes Räderwerk!
Nett sind die chromgeprägten Schriftzüge, unnett die lediglich als schwarze Platten dargestellten Kennzeichen (ein andauerndes Minichamps-Ärgernis), schön sind die filigranen Scheibenwischerarme (die sollte sich Kyosho ganz genau anschauen und dann fürs eigene Modell kopieren). Innen ist alles schwarz, eine richtige schwarze Höhle, die Sitzflächen sind gräulich, der Kunststoff ein wenig glänzig – der Minichamps-Elfer besticht durch äußere, nicht durch innere Werte. Das gilt auch für das Chassis: Alles da, was da sein soll, die heckseitige Technik gesilbert, immerhin ein verchromtes Auspuffendrohr. Dieses Auto schaut man am besten von oben an, da ist es rundum schön. Das einzige, was wir uns wünschen würden, wären separate Katzenaugen hinten und keine roten Drucke auf Chrom. Und vielleicht ein erhabenes Porsche-Zeichen auf der Vorderhaube. Was soll’s! Man kann nicht alles haben. Generell gilt und hier gilt auch: Lieber ein formal perfektes Modellauto mit defizitären Details als ein defizitäres Miniaturauto mit phantastischen Details.
afs




Modellfotos: bat
Steckbrief:
Minichamps 155063000 Porsche 911 S 1972 Bahiarot, 155063001 dito Viperngrün, 155063002 dito Gulforange. Fertigmodelle Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP je 119,95 Euro.