Die Frua-Sprache
Pietro Frua gehört nicht zu den Bekanntesten der ganz Großen. Aber er zeichnete geniale Formen, teils all-time-Klassiker wie die Renault Floride/Caravelle, und einen Volvo P1800 hätte es ohne ihn auch nicht gegeben. KK-Scale macht Fruas wohl schönste Limousine, den ersten Maserati Quattroporte. Endlich, endlich können wir dieses Automobil in die Vitrine stellen!
In den Autoquartetten der 60er Jahre waren sie alle vertreten, die automobilen Stars mit ihren eindrucksvollen Fahrleistungen. Die Spitzenwerte waren Garanten für den Gewinn des Spiels. Wir sammelten nicht nerdig die Mitglieder der Vierergruppen ein, das war uns zu bürokratisch und hatte nichts mit dem zu tun, was uns wirklich interessierte. Wir schauten nur auf die Fahrleistungen, um uns damit geschickt zum Gewinn zu taktieren. Der E-Type war der schnellste, der Ferrari 250GT war einer der 12 Zylinder und der Facel-Véga hatte die höchste PS-Zahl. Die Topstars waren aber verwundbar wie weiland Siegfrieds Ferse. Den Jaguar killten seine sechs Zylinder, den Ferrari die Höchstgeschwindigkeit und der Facel kapitulierte vor den 12 Zylindern. Maserati war mit seinem 3500 GT vertreten, der keine Killerdaten vorzuweisen hatte, aber solide am oberen Rande positioniert war. Leider gab es keine Limousinen, denn die galten einfach nicht als Sportwagen und wahrscheinlich wäre sich mangels Masse auch kein stimmiges Quartett ausgegangen. Dabei gab es eine Limousine, die auch dem E-Type mit seinen 240 Stundenkilometern gefährlich geworden wäre, den Maserati Quattroporte der ersten Serie.
Um ihn geht es, um die Neuheit von KK-Scale. Er ist einzigartig dank der Meisterschaft Pietro Fruas, neben Giovanni Michelotti einer der renommiertesten Einzelkämpfer in der Turiner Designszene der 50er bis späten 70er Jahre. Beide Designer zeichnete eine klar erkennbare, sehr individuelle Handschrift aus. Pietro Frua entwickelte Anfang der 60er Jahre einen sehr modern wirkenden Stil, der sich durch kantige Konturen, klare Flächen und ebenso schlanke wie großzügige Fensterbereiche auszeichnete. Dies machte die Entwürfe dieser Epoche unverwechselbar. Maserati war einer seiner wichtigen Kunden, aber auch die deutschen Firmen Borgward und Glas kamen in den Genuss seiner Formensprache. Nicht umsonst wurde das große Glas V8 Coupé augenzwinkernd Glaserati genannt, hätte es doch ohne weiteres der kleine Bruder des Quattroporte sein können. Das war nicht ehrenrührig, denn damals kaufte der Auftraggeber bewusst die typische Handschrift eines bestimmten Designers, was dazu führen konnte, dass sehr ähnliche Autos bei verschiedenen Herstellern auftauchten.
Der Quattroporte trug ebenfalls das Frua-Gewand und war als Limousine seinerzeit allein auf weiter Flur, denn Konkurrenz war nicht in Sicht. Der Jaguar Mark X, der 600er von Mercedes oder gar diverse Rolls-Royce- und Bentley-Modelle jedenfalls spielten in einer anderen Liga. Auch das Interieur war auf der Höhe der Zeit, Noblesse und Sportlichkeit ins Package geschrieben. Folgende Szene war also vorstellbar auf einer deutschen Autobahn des 60er Jahrs. Ein stolzer Besitzer eines Opel Rekord B mit dem erstmals erhältlichen Sechszylindermotor schnürt souverän auf der Überholspur an einem am Limit gefahrenen, sagen wir DKW Junior vorbei, als sich in seinem Rückspiegel ein graues Etwas mit erschreckend hoher Geschwindigkeit nähert. Kaum hat er sich auf die rechte Fahrbahn gerettet, schießt dieses Auto raketenartig an ihm vorbei. Dass es mehr als Tempo zweihundertdreißig drauf hat, kann er in seiner Schrecksekunde nicht realisieren. Aber dass es mitnichten ein Rennwagen ist, sondern eine große Limousine, dringt schlagartig in sein Bewusstsein. Dass er den Vorgang noch Monate später für eine Fata Morgana halten wird, dürfte auch an der absoluten Seltenheit gelegen haben, mit welcher der Maserati Quattroporte im Straßenverkehr auftauchte.
Es war also an der Zeit, dass sich endlich ein Modellhersteller dieses Klassikers annehmen würde, und wir wundern uns nicht, dass es mal wieder KK-Scale ist, die schon einige Italiener der spezielleren Sorte realisiert haben. Das Modell ist sauber miniaturisiert und zeigt alle typischen Frua-Spezialitäten in präziser Weise. Die komplexe Front mit ihren herausgearbeiteten Elementen wie Scheinwerfer und Grill sind ebenso stimmig wie die Frua-typisch eingebetteten Blinker. Die Doppelscheinwerfer zeugen vom einzigen Facelift, hier lösten die amerikanische Mode die Rechteckscheinwerfer des Urentwurfes ab. Die kunstvolle Beherrschung des Zusammenspieles von großen, sehr flächig wirkenden Flanken, klaren Körperkanten und den doch stark überwölbten Kotflügelflächen lassen sich schier genauso gut beobachten wie beim Original, das wir ja nur äußerst selten zu Gesicht bekommen. Es gibt Modelle, bei deren Übereinstimmung mit dem Original Skepsis angebracht ist – beim Quattroporte hingegen darf der Betrachter beruhigt sein. Die typische mitteldunkle Lackierung war seinerzeit beliebt bei wohlhabenden Italienern. Prollige Angeberei war in den Stadtstraßen der oberitalienischen Industriestädte nicht angesagt. Das gut einsehbare Innere zeigt ein klassisches Armaturenbrett-Layout. Es ist die zweite Variante. Holz und Chrom sind dimensionsgerecht im Einsatz, besonders die Schalterklaviatur in der Mitte beeindruckt. Das Fahrwerk zeigt KK-Scale-übliche Qualitäten und macht die fahrdynamischen Qualitäten des Originals nachvollziehbar.
mh




Modellfotos: bat

Steckbrief:
KK-Scale KKDC181511 Maserati Quattroporte 1 1965 graumetallic (weitere Farben Hellblaumetallic, Rotmetallic und Dunkelblau). Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 79,95 €.