Profit geschlagen aus dem Manthey-Pech
Der Schnellste war ein Manthey-Porsche. Weil der bestraft wurde, siegte ein BMW M4 GT3 Evo beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring 2025. Dieses Fahrzeug in den weiß-schwarz-gelben Farben von Rowe Racing miniaturisiert Minichamps in eben jener Qualität, welche die Fans von Minichamps-Rennern erwarten.
Farbkonstellationen werden, vor allem wenn sie politisch begründet sind, gerne mit den Nationalfarben einzelner Staaten in Verbindung gebracht. „Jamaika-Bündnis“ mag eingängiger und begrifflich einfacher sein als „schwarz-gelb-grüne Koalition“. Das gleiche gilt für Kenia-, Deutschland- oder Uganda-Koalition, und dann gibt es noch die nach Alltäglichem benannte Brombeer- und die Ampel-Koalition. Alles sehr vereinfachend. Den Sieger-BMW bei den 24 Stunden vom Nürburgring 2025 nennen wir daher den „Russischen Reichs-BMW“. Er trägt die Grundfarbe Weiß, der Unterteil der Aufbauflanke und wesentliche weitere Karosseriebestandteile sind Schwarz, dazu großflächige gelbe Bestandteile. Schwarz-Gelb-Weiß waren die Flaggenfarben des Russischen Zarenreiches zwischen 1858 und 1896. Danach wurde die Flagge von den traditionellen (und bis heute gültigen) Farben Weiß-Blau-Rot abgelöst. Da der BMW auf dem Nürburgring quasi im Kreis fuhr (was bei einem Rundstreckenrennen eine gewisse Logik hat, die durch den Streckennamenbestandteil „Ring“ bestätigt wird), könnten wir ihn auch „Russisches Roulette“ nennen.
24-Stunden-Rennen üben eine ganz spezielle Faszination auf den Zuschauer aus. Weil sie so lange dauern. Und weil der Zuschauer eben nicht 24 Stunden lang nur Zuschauer ist. Im Gegensatz zu einem Formel-1-Rennen, das man aufmerksam von Anfang bis Ende auf der Couch oder live verfolgt, kann man sich nicht 24 Stunden lang auf ein 24-Stunden-Rennen konzentrieren. Man macht zwischendurch anderes, unterbricht die Aufmerksamkeit, schläft, spielt mit seinen Modellautos oder mit Frau und Kind, manche arbeiten sogar zwischendurch. Dann schalten sie wieder ein, konkret den Fernseher oder unkonkret die Aufmerksamkeit, durchwandeln das Fahrerlager, blicken auf die Strecke: Das Rennen geht immer noch. Und immer noch. Das Rennen geht scheinbar unendlich. Es wird 24 Stunden lang Bestandteil des eigenen Lebens. Das Dasein kommt und geht, aber das Rennen dauert an. Und dann noch die legendären Rennstrecken. 24-Stunden-Rennen werden auf Traditionsstrecken absolviert, und wer daran beteiligt ist, gleich ob Fahrer oder Zuschauer, ist eingebettet in diese Tradition, ist Bestandteil derselben. Wer auch nur ansatzweise ein Faible für Motorsport hat, muss wenigstens ein Mal im Leben einem 24-Stunden-Rennen beiwohnen. Das hinterlässt so tiefen Eindruck, dass man noch seinen Enkeln davon erzählt.
Die 24 Stunden auf dem Nürburgring haben lange Tradition, seit 1970, anfangs als „breitensportliche“ Ergänzung zum 1000-Kilometer-Rennen für Sportwagen – quasi das deutsche Äquivalent zum 24-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps. Früher fuhren Amateure, im vergangenen Vierteljahrhundert wurde das Rennen immer professioneller, nur noch Werksteams mit ihren GT3-Boliden haben Chancen. 170 Fahrzeuge, rund 700 Fahrer abwechselnd, Camping rund um die Strecke, eine Viertelmillion Besucher (das ist drei Mal so viel wie beim Wacken-Festival!) in Tipis oder Tunnelzelten mit Gaskochern und Bierkisten. Und dazu dann die legendären Wetterkapriolen in der Eifel. Am 21. und 22. Juni 2025 wurde über knapp 3580 Kilometer Distanz gerannt und es gab zwei Stunden Unterbrechung wegen Stromausfalls. Der Sieger: der BMW M4 GT3 Evo des Rowe-Racing-Teams, pilotiert von Augusto Farfus, Jesse Krohn, Raffaele Marciello und Kelvin van der Linde. Eigentlich gewann ein anderer, eigentlich gewann Manthey Racing mit dem Porsche 911 GT3. Doch das Team wurde wegen eines Rennunfalls bestraft. Manthey-Pilot Kévin Estre wollte einen Aston Martin überrunden und sich dabei nicht vom hinter ihm lauernden Raffaele Marciello im Rowe-BMW überrumpeln lassen. Beim Überholen kam es zu einem Kontakt, der Aston flog ab und überschlug sich. Die Rennleitung beschied Manthey eine 100-Sekunden-Zeistrafe, also weniger als zwei Minuten. Das reichte, um vom Sieger zum Zweitplatzierten degradiert zu werden, das BMW-Team gewann.
Ein Modell mit „Facelift-Tooling“
Dieser Sieger-BMW ist die Minichamps-Neuheit. Es ist ein „Facelift-Tooling“, also eine teilweise Formneuheit. Minichamps hatte ab 2022/23 den M4 GT3 (Modelljahr ab 2021) im Programm. BMW machte einen Evo daraus, Minichamps passte seine Formwerkzeuge an: Die Rohkarosserie ist neu wegen der Scheinwerfer, der Evo-spezifischen Aerodynamik-Teile, der veränderten Radhäuser, auch der Heckflügel änderte sich. Aber konzeptionell ist der Minichamps M4 GT3 ein bekanntes Modell, zu öffnende Türen, vordere und hintere Haube abnehmbar, lenkbar, sogar gefedert. Minichamps macht diverse Varianten (auch in 1:43), einige sind noch in der Pipeline, andere soeben ausgeliefert. Vom Nürburgring-Sieger hat Minichamps nur noch kleine Bestände am Lager, die Modelle stehen bei den Händlern und dürften sich recht gut verkaufen. Wer diesen Wagen will, darf natürlich 24 Stunden darüber nachdenken. Aber zu lange zögern sollte er nicht.
Unsere ersten modernen „Personenwagen-Rennautos“ von Minichamps in 1:18 erhielten wir 2007/2008, das waren der Opel Ω A Evo 500 der DTM 1991 und der Audi V8 der DTM 1990, letzterer sowieso mit besonderer Historie. Denn sein 1:43-Äquivalent war 1990 das erste Minichamps-Modellauto überhaupt. Seit damals schätzen wir die Machart, die Minichamps den „Sports Cars“, also den seriennahen Rennwagen, zubilligt. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Wir schätzen sie nach wie vor und Minichamps gibt sich nach wie vor dabei viel Mühe. Das ist einfach deren Kernkompetenz.
Formwiedergabe und Bedruckung sind hervorragend, ebenso die Lackierung. Für die Details haben die Briten das schöne Wort „stunning“ bereit, dessen deutsche Übersetzung „atemberaubend“ ebenso pathetisch wie pathologisch klingt. Die beiden Hauben klappen nicht an Scharnieren auf. Sie sind abnehmbar. Das hat rein pragmatische Gründe. Bei möglichen Reparaturen spart das Zeit beim Austausch; wenn beim Boxenstopp am Motor gearbeitet wird, würde eine aufgeklappte Haube den optimalen Zugriffswinkel erschweren, zudem ist der Motor zu 360 Grad zugänglich, mehrere Mechaniker können gleichzeitig arbeiten. Obendrein haben Scharniere ein Gewicht, und bei einem GT3-Renner zählt jedes Gramm. Beim Modell sieht es nett aus, wenn in der Vitrine Motor- und Heckhaube neben dem Auto liegen. Unter der Heckhaube („Kofferraumdeckel“ ist ja wohl das falsche Wort dafür) sind seitlich die Schwanenhals-Heckflügelhalterung und raumfüllend die Kühlsysteme zu sehen. Unter der vorderen Haube der P58-Reihensechszylinder mit Twin-Power-Turbo-Technik und Trockensumpfsystem, der Block ist tiefer als beim Serien-M4 eingebaut, auch näher zur Fahrgastzelle. Innen ein Carbon-Cockpit mit robustem Käfig und Rennsitz-Solitär, wo der Beifahrersitz „fehlt“, sind Elektronikkomponenten zu sehen, Steuerelemente und die zentrale Löschanlage. Der Unterboden ist nahezu glatt, voll verkleidet, hinten etwas aufgefächert, in den Diffusor übergehend, um die Luft unterm Fahrzeug sauber austreten zu lassen.
Der Boden ist also unspektakulär. Das ist aber das Einzige, das an diesem Modellauto nicht fasziniert. Schade ist nur, dass einem stets im Bewusstsein haften bleibt: Eigentlich ist dieser BMW nicht der erste Sieger der 24 Stunden am Nürburgring gewesen. Eigentlich ist er „nur“ der zweite Sieger.
afs




Modellfotos: bat




Foto: Strubbl
Steckbrief:
Minichamps 110252098 BMW M4 GT3 Evo 24h Nürburgring 2025 (# 98, Sieger). Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 219,95 Euro.