Škoda oder LIAZ?
Modern für Ostblock-Verhältnisse, allenfalls Durchschnitt im internationalen Vergleich: Premium Classixxs bringt den ČSSR-Fernlastwagen der 70er und 80er Jahre schlechthin, den LIAZ Typ 100 mit Pritsche und als Tanklöschfahrzeug. Äußerst detailliert, sehr schön gemachte Modelle.
Auf der Schachtel steht Škoda, auf dem Kunststoffsockel der Modelle auch. Auf der Front des Fahrerhauses des Pritschenwagens hingegen steht LIAZ. Und auf jenem der beiden Feuerwehrversionen steht gar nichts. Model Car World, der Eigentümer der Herstellermarke Premium Classixxs, spricht vom Škoda. Start Scale Models hingegen, der russische Produzent der Modelle, vom LIAZ. Was ist nun richtig? Und ist das überhaupt wichtig?
LIAZ ist die Abkürzung für Liberecké Automobilové Závody, auf Deutsch Liberecer Automobilwerke, Sitz in Liberec, dem ehemaligen Reichenberg, Gründung 1951. Von Anfang an war LIAZ die Lastwagenmarke von Škoda. Doch die Fahrzeuge trugen bis 1974 nicht den Namen LIAZ, sondern Škoda. Just zu dieser Zeit kam ein neuer tschechischer „Einheits-Lastwagen“, der den klassischen Škoda 706 RT/MT ablöste: der Škoda alias LIAZ 100, die Konstruktion erfolgte in Kooperation mit dem polnischen LKW-Bauer Jelcz. In der ersten Zeit wurden die Fahrzeuge noch als Škoda vermarktet, sehr bald aber als LIAZ. Somit ist beides richtig als Markennamen, Škoda und LIAZ, aber LIAZ ist richtiger, weil viel länger gültig. Die Premium-Classixxs-Modelle stellen die frühe Version dar, Blinker am Fahrerhaus, und können somit auch unter Škoda vermarktet worden sein. Der Markenname LIAZ war übrigens ungeschickt gewählt, denn unter dem sowjetischen Markenzeichen ЛиАЗ (= LiAZ) vermarktete das Autobuswerk in Likino-Duljowo seit 1959 seine Omnibusse.
Anfangs wurden beide parallel produziert, Vorgänger 706 MT und Nachfolger 100, ab 1975 lief die Produktion des neuen LIAZ-Fernverkehrslastwagens im Werk Jablonec nad Nisou (Gablonz an der Neiße) richtig an und währte 20 Jahre. Die ersten Exemplare sind an den Blinkern seitlich am Fahrerhaus zu erkennen, ein Merkmal der Premium-Classixxs-Modelle. Der zweiachsige Pritschenlastwagen 100.05 mag als Grundtyp betrachtet werden, darüber hinaus gab es, wie beim alten 706 RT, zahlreiche Aufbauten für Sonderzwecke – darunter auch Wassertankwagen, dem 100.850 SA8. Die Ziffern nach dem Punkt in der Typbezeichnung spezifizieren den Aufbau. Der LIAZ Typ 100 wurde vielfach in die DDR importiert, sowohl als Pritschenlastwagen als auch als Sattelzugmaschine. Letztlich war der LIAZ Typ 100, als er 1974/75 auf den Markt kam, der modernste Ostblock-Lastwagen, aber international gesehen allenfalls Durchschnitt. Und es war eben typische Ostblock-Planwirtschaft. Beispiel: Die in Nordböhmen gepressten und geschweißten Fahrerhäuser wurden ohne jedwede Oberflächenbehandlung 330 Kilometer weit ins ostmährische Kopřivnice spediert, weil nur Tatra eine passende Lackierstraße hatte. Danach wanderten sie 330 Kilometer zurück zu LIAZ. Rostschutz? Was ist das?
Die Kabine selbst war, als sie herauskam, hochmodern und entsprach westlichen Standards; nach einer Modifikation 1984 war sie sogar kippbar (Typbezeichnung dann: LIAZ 110). Das Design entsprach ebenfalls internationalen Vorgaben, eben der damals übliche, kubische Stil. Fahrwerk und Rahmen wurden schwer modifiziert vom Vorgänger übernommen, die Motoren anfangs auch (210 PS), bald leistungsstärker (270 PS) und mit Turbo 304 PS (Diesel mit 12 Litern Hubraum, sechszylindrig, wassergekühlt). Die Getriebe waren von Anfang an von Praga mit zehn Vorwärts- und zwei Rückwärtsgängen, also ein Fünfganggetriebe mit einer Vorschaltgruppe. Nach der 1984er Überarbeitung zum Typ 110 hatte der LIAZ Luftfederung und die Blinker in der Stoßstange, nach 1990 erfolgte, um am internationalen Markt bestehen zu können, erneut eine Modernisierung (ZF-16-Gang-Getriebe, ABS, Zentralschmierung, höhere Kabine, Seitenscheiben und Spiegel elektrisch, ISRI-Sitze, Klimaanlage). Gebaut wurde der LIAZ Typ 100 auch in der Slovakei und in Bulgarien. Nachfolger ab 1991 war die LIAZ 200er-Serie, dann der dreiachsige 300er bis 2003 – beide basierten auf dem LIAZ Typ 100, und letztere erlangten internationale Berühmtheit als Renntrucks, was in den 90ern eine ziemliche Popularität hatte. 1995 gewann LIAZ damit die European Truck Racing Championship, 1997 immerhin dritter Platz. Und zuvor schon, auf der Rallye Dakar, wirbelten die LIAZ zwischen 1985 und 1988 viel Staub auf.
Gut bekannt im 1:87-Kosmos
Die 1:87-Sammler kennen diese LIAZ-Lastwagen recht gut, Igra machte in den 90er Jahren sämtliche mögliche Typen, inklusive der Renntrucks. Und in 1:43 gab es ihn auch, aber nicht allgemein erhältlich, sondern nur in der tschechischen Kioskserie Kultovní náklaďáky, von Ixo/Sonic hergestellt (sowohl den Pritschen- als auch den Wassertankwagen). Ixo hat seine Interpretation des Pritschenlastwagens als Fachhandelsmodell in weiß mit Dekorstreifen und hellbrauner Plane angekündigt, Auslieferungszeitpunkt ungewiss. Auch Start Scale Models, der russische Hersteller, hat den LIAZ im Eigenprogramm, der Pritschenwagen in anderen Farben (rotes Fahrerhaus, silberne Pritsche, gelbe Plane), den neutralen Tankwagen identisch zum Premium-Classixxs-Modell – beide werden erheblich teurer angeboten als die Premium-Classixxs-Varianten. Sie sind also momentan die einzigen am Markt, zwar ein wenig teurer als die Ixo-Modelle, aber eben auch ein wenig detaillierter.
Wassertank vom Omnibus-Bauer
Der Premium-Classixxs-LIAZ ist, wie ausgeführt, die Urversion 1974 bis 1984 mit nicht kippbarem Fahrerhaus und mit Blinkern neben dem Kühlergrill. Der Pritschenwagen ist der Grundtyp. Zu den Spezialaufbauten gehört das Feuerwehrmodell mit Wassertankaufbau vom Karosseriebauer Karosa Vysoké Mýto, 8000 Liter Kapazität, die Pumpe fördert 1600 Liter pro Minute. Karosa war der führende ČSSR-Omnibusaufbauhersteller, geht auf den Traditionsbetrieb Sodomka zurück und gehört seit 2007 zu Iveco. Alle Tatra- und Škoda-Omnibusse während der kommunistischen Ära trugen Karosa-Aufbauten, und nebenher fertigte das Unternehmen LKW-Aufbauten. In den 90ern übernahm Renault den Betrieb, integrierte ihn in Irisbus (Joint-Venture von Iveco und Renault). Unter der Marke Irisbus produziert Iveco heute noch einige von Karosa entwickelte Modelle.
Zwei Versionen des Wassertankwagens bietet Premium Classixxs an, einen neutralen rot lackierten Wagen mit weißem Dach und ebensolchen Streifen und einen spezifischen der Freiwilligen Feuerwehr Marnitz in Mecklenburg-Vorpommern, ganz in Rot. Dieses Tanklöschfahrzeug hat ein konkret existentes Vorbild, war ursprünglich ein Sprengwagen der Autobahnmeisterei und kam 1999 zur Marnitzer Feuerwehr. Es ist seit 2015 außer Betrieb. Der Pritschenwagen ist neutral gehalten, in typischem Ostblock-Bunt: Fahrerhaus-Unterteil orange, -Oberteil dunkelgrün, abgetrennt von einem weißen Streifen, Felgen ebenfalls weiß, Stahlpritsche orange, Chassis hellgrau, Plane planengrau.
Die Machart des Lastwagens ist hervorragend, wie wir das von SSM- respektive Premium-Classixxs-Modellen gewöhnt sind. Chassis aus Zinkdruckguss, Fahrerhaus auch, die Aufbauten sind aus Kunststoff.
Identisch an beiden Modellen ist, mit Ausnahme der Rundumleuchte, nur das Fahrerhaus. Das Chassis hat vorbildgerecht unterschiedlichen Radstand und ist somit beim Fernverkehrs-Lastwagen länger. Es ist sehr filigran gearbeitet, es anzusehen, bereitet Freude: Leiterrahmen, zwei Pendel-Starrachsen mit Parabelfedern. Am Fernlastwagen mit seinem hellgrauen Chassis ist das alles besser zu sehen als beim Feuerwehrfahrzeug mit schwarzem Fahrgestell. Das gilt auch für die Innenausstattung, welche beim roten Auto schwarz, beim bunten hingegen grau in verschiedenen Schattierungen ist, hier stechen das schöne Lenkrad und die mehrfarbigen Türinnenverkleidungen ins Auge. Außengravuren, Bedruckungen und Lackierung ist auf hohem (China-) Niveau, der Faltenwurf der Plane ist prima. Schön auch das Heck mit separat eingesetzten Leuchten in Rot, der Rückfahrscheinwerfer transparent, sauber gemachte Klauenkupplung. Sehr filigran ist der Aufbau des Wassertransporters mit Leiter zum Einfüllstutzen und drei Schlauchanschlüssen am Tank, und zwischen Fahrerhaus und Tank in einem Kasten befindet sich die (somit unsichtbare) Pumpe. Die tschechische Abkürzung für das, was wir TLF nennen (Tanklöschfahrzeug), lautet übrigens CAS, was für Cisternová Automobilová Stříkačka steht.
afs



Modellfotos: bat





Foto: Jacek-Kuba Dressler


Steckbrief:
Premium Classixxs PCL47182 Škoda 100.05 Pritschenlastwagen, PCL47183 Škoda 110.850 SA 8 Wassertankwagen rot/weiß, PCL47184 dito FFw Marnitz rot. Fertigmodelle Zinkdruckguss/Kunststoff, Maßstab 1:43. UVP je 74,95 Euro.