Ein Phänomen: der Wackeldackel
Das Spießersymbol schlechthin: der Wackeldackel. Seine Hochphase war in den späten 60ern und frühen 70ern. Er machte es sich auf der Hutablage zusammen mit einer gehäkelten Toilettenpapierabdeckung und einem Schmusekissen mit eingesticktem Autokennzeichen bequem.
Als wir über den agavengrünen Mercedes W123 von Norev schrieben (Caramini-online vom 6. November 2025), schmückten wir das Aufmacherfoto mit einem Wackeldackel als Symbol für die Spießigkeit des W123 in ebendieser Farbe. Der Wackeldackel hat normalerweise seinen Platz auf der Hutablage unseres 1976er Ford Granada. Dort wohnt er, den bewacht und behütet er und den schmückt er durch seine Existenz. Der Wackeldackel hat offenbar viele Sympathisanten. Er gefiel mehreren Lesern, sie bekundeten Zuneigung und wollten mehr über ihn wissen. Generell, aber auch konkret über unseren Wackeldackel. Der heißt Humbert Hund. Denn wer seinen Wackeldackel liebt, gibt ihm einen Namen.
Also, why not, ein kleiner Bericht über den Wackeldackel an und für sich und seine Historie. Er wohnte hauptsächlich auf der Hutablage zwei- oder viertüriger Limousinen. In Coupés war er selten zu Gast. Wenn aber ältere Ehepaare, nachdem die Kinder aus dem Hause waren, einen Opel Manta A oder Ford Capri I kauften, so konnte der Wackeldackel auch hierin Einzug halten.
Ein Wackeldackel ist eine Hundenachbildung aus Plastik, die Oberfläche dackelbraun beflockt, der Kopf im Halsband-Ring pendelnd aufgehängt, sodass er je nach Fahrbewegung des Autos nickt oder den Kopf schüttelt. Meist nickt er. Der Wackeldackel ist ein Ja-Sager. Erfunden wurde er 1965 von der Firma Rakso des Oskar Schneider (und, ja, richtig erkannt: „Rakso“ ist „Oskar“ auf rückwärts!) im oberfränkischen Coburg, zwischenzeitlich gibt es auch andere Hersteller, lackierte Wackeldackel, es gibt unterschiedliche Größen und auch Wackelfiguren anderer Hunderassen. Aber der echte und wahre Wackeldackel ist jener von Rakso, und er ist rund 25 bis 30 Zentimeter lang. Sein Platz ist die Hutablage und der Fahrer sieht den Ja-Sager beständig beim Blick in den Rückspiegel.
Mitte der 70er Jahre war der Wackeldackel völlig aus der Mode. Und daran war die automobile Mode schuld. Kompaktwagen kamen auf, mit der so genannten fünften Tür, also der Heckklappe. Bei ihnen gab es nur eine provisorische Hutablage, und sie schwenkte beim Öffnen der Heckklappe nach oben. Wer dies nicht in Betracht zog und dennoch seinen geliebten Kurzhaardackel dort platzierte, musste schlimmen Unfällen beiwohnen: Das gute Tierchen purzelte nach unten, rutschte teilweise unter die Vordersitze, musste unter schwierigen Verrenkungen seines Herrn hervorgefischt werden, und nicht selten nahm die fragile Aufhängung des Wackelkopfes Schaden. Es soll sogar Menschen gegeben haben, die aus lauter Verzweiflung ihren Wackeldackel an der schwenkbaren Hutablage festschraubten. Golf & Co. läuteten das Ende des Wackeldackels ein. Mercedes und Manta gewährten ihm ein wenig Schonfrist.
Um das Jahr 2000 erlebte der Wackeldackel ein Comeback, initiiert durch einen deutschlandweit gesendeten Aral-Werbespot (mit einem 70er-Jahre-Ford-Granada und wilden Heavy-Metal-Fans darin). Laut der Firma Rakso wurden damals binnen eines Dreivierteljahrs über 100.000 Exemplare verkauft. Mittlerweile ist die Mode längst passé. Für Liebhaber von Autoklassikern aus der Zeit zwischen 1965 und 1980 ist der Wackeldackel Kult. Man muss einen haben. Denn eigentlich ist er peinlich, und gerade das macht ihn originell. Ursprünglich eine Insignie des spießigen Bürgertums, ist er heute genau das Gegenteil: Man schmückt sein Auto mit diesem zeitgenössischen Symbol, um sich mittels des Dackels über den Dackel und somit den „dackelhaften Bürger“ lustig zu machen. Denn der Dackel steht stellvertretend für die Kategorie Mensch, die ihn seinerzeit ernst genommen hatte. Und die Heckscheibe samt deren Dahinter war das Schaufenster für ihre Ideologie.
Der Wackeldackel ist Kitsch und Plüsch, aber Kult. Google ehrte ihn im Herbst 2020 sogar mit einem Doodle – das muss man erst mal schaffen! Vor allem als Dackel! Die anderen 70er-Jahre-Hutablagen-Accessoires hingegen erlebten nie ein Revival, die behäkelte Toilettenpapierrolle, das biedermeierlich-bestickte Kissen oder die Fußballwimpel-Ketten, die von rechts nach links innen an der Heckscheibe gespannt waren. Nur der Dackel.
afs


Dackelfotos: bat

Quelle: Archiv afs

Foto: Archiv afs