Sammeln

Sammeln: Zinkpest

Vision 2056: Unser Langzeitprojekt

Auf 30 Jahre angelegt: Caramini-online goes Wissenschaft und initiiert eine auf 30 Jahre angelegte Langzeitstudie zum Thema Zinkpest. Zusammen mit Robert Müller von AutoMobilia schufen wir das Umfeld zur Erforschung der Frage, was stärker ist: der Drang von verseuchtem Zinkdruckguss, sein Volumen zu erweitern, oder die Kraft der Resinemoleküle, sich nicht voneinander trennen zu wollen.

„Der Verfall ist unaufhaltsam.“ So schrieben wir in Caramini-online am 19. März 2025 über das Phänomen der Zinkpest, von der hauptsächlich ziemlich alte Spielzeugautos, dummerweise aber auch manche halbwegs aktuelle Modellautos betroffen sind. Nur Miniaturen aus Zinkdruckguss leiden unter dem Befall, und die Ursache ist eine unsaubere Legierung. Denn Zinkdruckguss ist ein Gemisch aus mehreren Materialien, das exakt zusammengerührt werden muss und keine Verunreinigungen enthalten darf. Stimmt einer der notwendigen Parameter nicht, so startet ein zeitlicher Prozess in individueller Geschwindigkeit, der im Desaster mündet: Durch interkristalline Korrosion vergrößert sich das Volumen des Zinkdruckgusses, das Modellauto wölbt und streckt sich, bis es bricht und letztlich zerbröselt. Ein Heilmittel gibt es nicht, Zinkpest ist Schicksal und liegt außerhalb der Steuerbarkeit durch den Sammler. Stattdessen liegt ihre Ursache in ihrer DNS, also beim Zusammenmischen der Legierung.

Das Langzeitprojekt nimmt statische Fahrt auf

Nun gibt es, vor allem unter den Antiquitäten, Modelle, die aussterben könnten, wenn die komplette Charge von Zinkpest befallen ist. Oder es gibt Lieblingsminiaturen mit einer persönlichen Geschichte, die unbedingt erhalten werden sollen. Wie kann man ein von Zinkpest befallenes Miniaturauto dauerhaft konservieren? Darüber haben wir uns natürlich Gedanken gemacht, formuliert auch im Ursprungsbeitrag über Zinkpest vor knapp einem Jahr. Eine Möglichkeit wäre, das Miniaturauto sozusagen in Ketten zu legen, also in einen Plexiglasblock einzugießen, der so stabil (und natürlich luftdicht) ist, dass das Miniaturauto mit seinem Drang zur Volumenvergrößerung schlichtweg keine Chance hat, diese auszuleben.

Also haben wir uns ein Langzeitprojekt überlegt. Wir wollen ein von Zinkpest schwer geschädigtes, aber noch nicht komplett dahin gerafftes Spielzeugauto luftdicht einschließen. Das wollen wir. Aber können tun wir es nicht. Da trat Caramini-online-Leser Robert Müller auf den Plan. Er kann das. Er ist Inhaber der kleinen, aber feinen Manufaktur AutoMobilia, 1994 gegründet. Von ihm stammt auch die Idee der Umsetzung. Während wir an Plexiglas dachten, mit dem wir das leidende Modell gerne umgeben möchten, schlug Robert Müller transparentes Resine vor. Schnell wurden wir uns einig.

Der Autor verfügt über zwei ebenso seltene wie identische und eben schwerst betroffene Spielzeugautos aus frühester Nachkriegszeit, gefertigt unter der Marke KBK von Kurt Becker in Berlin-Neukölln, als Firma existent zwischen dem 1. Juli 1946 und dem 28. Juni 1950. KBK machte aus Zinkdruckguss einen Jeep und einen schicken Buick Super von 1946, der „schlechten Zeit“ geschuldet in ganz mieser Legierung. Fast alle dieser Miniaturen hat die Zinkpest dahingerafft, einige wenige überlebten, darunter unser schwer geschädigtes Duo. Es soll aber auch gesunde Exemplare geben. Jedenfalls bekam Müller das Probanten-Pärchen mit der Abmachung zugeschickt, beide in Resine einzugießen, auf dass sie luftdicht abgeschottet sind. Ein Exemplar sollte er behalten (und beobachten), das andere ging zurück. Die Spielwarenmesse Ende Januar 2026 war der Treffpunkt der „konspirativen“ Übergabe des eingegossenen Buick und gleichzeitig der Anlass, sich auch persönlich die Hände zu schütteln und in die Augen zu schauen – nach jahrelangem Mailkontakt.

Müller schafft beeindruckendes Motorsportzubehör in 1:87 aus fotogeätztem Metall oder Resine, so Sport- und Drahtspeichenfelgen, spezielle Zurüstsätze für Großserienmodelle, ebenso einen Mini Moke als Kit aus Resine oder einen Rennkart aus fotogeätztem Metall, für 43er einen Autotransportanhänger und Kennzeichen, für die 18er-Fraktion klassische Holzlenkräder mit Kranz aus Sperrholz, alles sehr präzise gefertigt (https://www.automobilia.de/). Den Resineblock für den Zinkpest-Buick sah Robert Müller als Herausforderung, schuf eine Form für den Block, experimentierte mit unterschiedlichen Resinearten. Den Aufwand des Tüftelns, so erzählte er uns, habe er anfangs unterschätzt, das ganze Unterfangen sei nicht, wie ursprünglich gedacht, nebenher gelaufen. Letztlich erwies sich für Müller Epoxy Resin als bestes Mittel, ein Zweikomponenten-Resine, das (hoffentlich!) nicht mit der Zeit ausgilbt.

Wenn schon, denn schon: Auf 30 Jahre angelegte Studie

Wir geben dem Ganzen einen wissenschaftlichen Touch und lassen es unter dem Oberbegriff „Langzeitstudie Zinkpest“ laufen. Wenn wir mit zeitlichem Abstand den Resineblock in die Hand nehmen und betrachten, so schauen wir ihn nicht tumb an, sondern wir evaluieren den Prozess – also eine zweckorientierte Bestandsaufnahme. Als zeitlichen Horizont setzen wir 30 Jahre an. Vermessen sei das? Aus rein biologischen Gründen? Ach was! Wir Menschen werden doch immer älter, Longevity heißt die Mainstream-Devise. Wir weigern uns ganz einfach, zu sterben. Und sollte es doch so weit sein, wissen es die Ärzte zu verhindern, indem sie die Biologie ad absurdum führen und uns, ihrem Hippokratischen Eid oder, moderner, dem Genfer Gelöbnis gehorchend, einfach nicht sterben lassen. Also haben wir gute Chancen für die „Langzeitstudie Zinkpest“. Wir sind jedenfalls zuversichtlich und freuen uns auf das Jahr 2056 (in alter Frische!).

Ein spannendes Thema also – im wahrsten Sinne des Wortes. Wer wird wohl gewinnen? Das sich verändernde Materialgemisch oder der pickelharte Kunststoff? Wird der Buick seine Ketten sprengen? Schauen Sie rein in Caramini-online, im Februar 2056. Dann präsentieren wir das Ergebnis.

afs

Der dem Tode geweihte Buick in seinem transparenten Gefängnis, von Robert Müller mit guter Absicht eingesperrt und von ihm und der Caramini-online-Redaktion regelmäßig evaluiert. Gut zu sehen beim Blick von unten: Direkt unter dem Dach hat sich eine Luftblase eingeschlichen.
Modellfotos: bat
Noch nicht alt: 2005 gefertigter VW Bulli in 1:43, bereits im Zinkpest-Endstadium. Er wäre es uns nicht wert, Studienteilnehmer werden zu dürfen. Der 80 Jahre alte KBK Buick hingegen schon.
Modellfoto: Bernard Chretien