Biene, Ulrich: Siku. Die Autowelt im Kinderzimmer. Bielefeld (Delius-Klasing-Verlag) 2026. 192 Seiten. ISBN 978-3-667-12523-1. Preis 34,90 Euro.
Wenn man einem Spielzeugautohersteller zubilligen darf, einen wahren Kosmos rund um seine kleinen Autos geschaffen zu haben, dann Siku. Dieses mannigfache, unvergleichbare und ungemein charmante Zubehör beförderte sicherlich die Gunst, welche die Sammler vor allem den Siku-Plastik-Autos angedeihen lassen. Denn die Autos selbst sind, objektiv betrachtet, formenbauerisch nicht immer das Gelbe vom Ei. Mit dem Original haben viele Siku-Plastik-Karossen nur stilisierte Gemeinsamkeiten.
Ulrich Biene hat ein neues Siku-Buch geschrieben, sein zweites nach 2012, dieses basiert auf jenem und jenes ist längst vergriffen. Ein typisches Biene-Buch im typischen Biene-Stil, den kennt, wer mindestens eines seiner vielen Wiking-Bücher inhaliert hat. Weiter von einem nüchternen Sammlerkatalog als dieser Biene kann kein Buch entfernt sein. Das ist ein reines Lesebuch, es liest sich wie ein Roman. Kein Nachschlagewerk, kein Anspruch auf vollständige Erwähnung oder Bebilderung aller Siku-Autos. Dafür ein herrliches Bildmaterial, so vielfältig wie das Thema selbst, aufgelockert, teilweise auch ohne Autos, mit Schmuckfotos, wunderbar zeitgenössisch. Das Durchblättern ist die wahre Freude! Das Lesen auch, sofern man Bienes Stil mag. Aber der Leser muss eines stets im Hinterkopf behalten: Ulrich Biene ist Werbefachmann und steht auf der Gehaltsliste der Sieper-Werke. Dies ist kein von einem externen Kenner geschriebenes Buch, sondern eines von einem abhängig beschäftigten Kenner. Darin steht die Siku-Geschichte im Narrativ der Sieper-Werke. Keine Entscheidung, die Siku je fällte, war falsch, keine Herausforderung konnte nicht bewältigt werden, die teleologische Linie der Marke kannte nur einen Weg, denjenigen nach oben. Dass die Siku-Welt das rein deutsche Geschehen abgebildet hat und noch heute abbildet und deswegen kaum exportgeeignet ist, kommentiert Biene süffisant: „Gute Mittelständler-Sitte eben: Schuster, bleib bei den Leisten.“ Wenn ein Unheil erwähnt wird, so nur eines, für das Siku selbst nichts konnte, so der Brand im Teilelager im April 1987. Der Fairness halber muss man aber anerkennen, dass die Sieper-Werke tatsächlich eine Erfolgsgeschichte darstellen. 1921 gegründet und nach über 100 Jahren immer noch da. Das muss ein Mittelständler erst mal schaffen! Darauf kann er auch stolz sein, und dieser gesamte Stolz ist in diesem einen Buch in praller Sonne und ohne jeglichen Schatten zusammengefasst.
Als Siku im März 1954 das erste Spielzeugautosortiment im Maßstab 1:60, sogleich mit viel Zubehör, präsentierte, war das ein Wagnis. Denn maßstäblich passte Siku zu nichts anderem und war vor allem nicht für die damals rasend wachsende Modellbahnfraktion brauchbar. Aber die schöne, neue Siku-Welt war eben eine Welt für sich, sie bildete das bundesrepublikanische Alltagsgeschehen im Wirtschaftswunder ab. Plastik als Werkstoff war modern, aber nicht revolutionär. Innerhalb der ersten vier Jahre verdoppelte sich das Sortiment von 160 auf 300 Teile, es waren gold’ne Zeiten, aber das Siku-Programm überforderte den Einzelhandel. Zunehmend gab es importierte Konkurrenz von Dinky Toys, Corgi Toys, Matchbox und Tekno, allesamt aus Zinkdruckguss, worauf Siku mit der Metallserie reagierte, die ab 1963 einige Jahre parallel zu den Siku-Plastik-Produkten produziert wurde – Kennzeichen: glitzernde Strassscheinwerfer (dass sie anfangs Zukaufteile von Swarovski waren, erfährt der Leser aus dem Siku-Buch nicht). Bis 1972 zeichnete der Siku-Hausgraphiker Waldemar Runge die charmanten Siku-Kataloge und die Bildnisse der Modelle auf den Schachteln. Mit den „Siku-Flitzern“, also den Modellen mit schnell laufenden Rädern als Reaktion auf Mattel Hot Wheels und Matchbox Superfast, verschwand die gezeichnete Graphik zugunsten des Fotorealismus der Werbeagentur Studio 70. Über den Illustrator Runge erfahren wir vieles aus Bienes Mund, auch später über das Studio 70. Wir erfahren aber nicht, wer für den Siku-Formenbau verantwortlich war, wer also der „Siku-Kedzierski“ war. Womöglich gibt es nicht den Einen, es war ein Team. Wenn dem so war, so sei es. Aber der Leser hätte es gerne erfahren.
Wir verwendeten in den vergangenen Zeilen mehrmals das Wort „Reaktion“, und das charakterisiert Siku: Siku hat, vom Initialschrei der Plastikserie abgesehen, selten agiert, aber häufig reagiert. Das sieht Ulrich Biene allerdings nicht so.
Schön zu lesen und herrlich bebildert sind seine thematischen Kapitel und Exkurse, Parkgaragen, Tanksattelzüge, Feuerwehr, ADAC, Kommunal- und Baumaschinen sowie des Autors Lieblingsthema Tankstellen. Auch der Landwirtschaft widmet er ein Kapitel (Farmer-Serie in 1:32 seit 1983), bis heute sehr wichtig für Siku und mit immensen Auswirkungen auf das Wiking-Programm. Die Fotografien sind nicht immer synchron zum Text. So schreibt Biene noch über Feuerwehrfahrzeuge, aber der Layouter ist bereits beim Thema ADAC oder Kranwagen angekommen. Das irritiert den Leser. Die eigentliche Firmenchronik konzentriert sich auf jene Zeit, aus der es die Boomer-Zeitzeugen gibt, bis in die 80er Jahre hinein, und die „erlebte Siku-Geschichte“ ist korreliert mit der Übernahme der Verantwortung durch Volker Sieper ab 1972. Dazu im Widerspruch steht das etwas unglücklich gewählte Buch-Titelfoto, eindeutig zu neu.
Als Lesebuch macht die „Siku-Autowelt im Kinderzimmer“ – so der Buchtitel – jenen Spaß, die den Biene-Stil mögen. Man muss mit seinen Marketing-Worthülsen leben können, mit der „Produktphilosophie“, der „kohärenten Markenführung“, den „branchenweit höchsten Qualitätsstandards“ und Zweifarbigkeit ist „bicolor“. Als Bilderbuch macht es jedem Spaß. Denn im Zusammenstellen von Bildmotiven und im Hinzufügen von schnuckeligen Fotoephemera ist Ulrich Biene Spitze – in diesem wie in jedem anderer seiner Bücher.
afs