Wuttke, Walther: Die kuriosesten Autos aller Zeiten. 75 Design-Flops, Pannenkönige und Montagsautos. Stuttgart (Motorbuch-Verlag) 2026, 224 Seiten. ISBN 978-3-613-04841-6. Preis 29,90 Euro.
Es ist schon arg wohlfeil, mit zeitlichem Abstand und intellektueller Abgehobenheit auf die Fehler der Vergangenheit einzudreschen. Denn hinterher weiß man alles besser. Auch im automobilhistorischen Bereich ist das so: Journalisten oder Ingenieure machen sich lustig über all jene Fehler oder fehlgeschlagenen gedanklichen Experimente der vergangenen 140 Jahre Automobilgeschichte, die letztlich nicht zum gewünschten Erfolg führten. Dabei sind sie (Stichwort: Trial and Error) ebenso Bestandteil des Großen Ganzen, also der Evolution des Automobils, wie jene genialen Einfälle, welche die Entwicklung deutlich und ohne Umweg vorantrieben. In Zeitschriften, aber auch in Buchform, waren derartige Ergüsse schon immer populistisch: Die schlechtesten Autos, die übelsten Designs, die blödesten Einfälle… – also schlichtweg das Bashing vergangener Entwicklungen, sich lustig machen über automobile Irrwege und deren Protagonisten, vor allem, wenn diese sich nicht mehr wehren können.
Der Motorbuch-Verlag wollte auch ein solches Buch. Der Verfasser dieser Zeilen wurde angefragt, ob Interesse vorhanden sei. Er lehnte ab, Walther Wuttke sagte zu. Seit 40 Jahren begleitet er die automobile Entwicklung als Zeitungs- und Zeitschriftenredakteur, hat im Motorbuch-Verlag bereits einige Werke geschrieben („Die 70 besten Autos der 70er“ und „Die 80 besten Autos der 80er“ und „Die 90 besten Autos der 90er“) und hatte nun wohl Lust auf eine Abrechnung mit dem Metier. Wie geht er in „Die kuriosesten Autos aller Zeiten“ damit um? Schon der Untertitel suggeriert es: „75 Design-Flops, Pannenkönige und Montagsautos“. Das hört sich unterhaltsam an, die Seele streichelndes Eindreschen, abwertend, unsachlich. Dabei ist der Anfang vielversprechend, denn Wuttke beginnt tatsächlich ganz weit vorne, mit Carl Benz’ Dreirad von 1886, und sagt selbst, diese Erfindung zu kritisieren, wäre „Gotteslästerung“. Und dann beginnt er mit dem Lästern: eine Steilvorlage für die Lästermäuler, die ohnehin alles besser wissen, ein gefundenes Fressen für den Oldtimerstammtisch älterer Herren, der jeden vierten Sonntagmorgen um 10 Uhr abgehalten wird und aus dem sie angedödelt zum Mittagessen zurückkehren.
Wir wissen heute, dass die aerodynamischen Vorstellungen der Flugzeugbauer in den 20er und 30er Jahren weder auf das Automobil wirksam anwendbar waren noch dem aktuellen Erkenntnisstand entsprechen. Also kann man sie kritisieren. Aber schließlich muss man anerkennen, dass eben dadurch die Aerodynamik überhaupt erst Eingang fand in die Autokarosseriegestaltung. Und wir wissen, dass der elektrische Radnabenantrieb System Lohner-Porsche nicht der heutigen Weisheit letzter Schluss ist. Aber in der Frühzeit gab es nun einmal den Wettstreit der beiden Antriebsarten Batterieelektrik versus Verbrennermotor, den letzterer für sich gewann (aus bekannten Gründen) und der heute in Frage gestellt wird (aus ebenso bekannten Gründen). Die Idee, mit dem Auto nach dem Kompass zu fahren und jenseits asphaltierter Straßen Hindernisse überwinden zu können, führte zu so mancher konstruktiver Verirrung – vor allem, bevor der Allradantrieb das Problem zuverlässig löste. Das Genre des Geländewagens irrlichterte beispielsweise über das Reeves Octauto mit acht Rädern über Halbkettenfahrzeuge hin zu Amphibien – aber letztlich führte es zu (militärischen) Geländewagen, die ihren Job hervorragend machten. Von Propellern oder Turbinen getriebene Autos waren einen Versuch wert, und der Hanomag Kommißbrot („rollender Kohlenkasten“) von 1928 sah zwar völlig anders aus als alles andere, war aber letztlich das erste Serienauto mit Pontonkarosserie und nahm das karosserietechnische Layout voraus, das seit den 50er Jahren vorherrschend ist. Überdies war er nach dem Opel Laubfrosch das zweite deutsche Auto, das am Fließband gefertigt wurde. Das ist doch anerkennenswert! Der Scout Scarab von 1932 war die erste Großraumlimousine und nahm den Van voraus, der ab den 80ern 30 Jahre lang sehr en vogue war, bevor er vom SUV abgelöst wurde. Und ob ein „Swan Car“, also ein Oldtimer mit in die Front einmodelliertem Schwanenkopf am Schwanenhals ein „automobiler Albtraum“ ist oder einfach einem äußerst individuellen Geschmack einer exzentrischen Klientel entspricht, ist Ansichtssache. Zudem handelte es sich um ein Einzelstück nach den Wünschen seines Auftraggebers. Zumindest passt das „Swan Car“ zum Buchtitel der kuriosesten Autos.
Viele der Fahrzeuge, die Wuttke als „kurios“ einstuft, waren schlichtweg Pioniertaten und somit alles andere als kurios, denn dieses Wort bedeutet ja nichts anderes als seltsam, sonderbar, merkwürdig, lustig, kauzig. Es ist seitens der Nachgeborenen eine anmaßende Hybris, dies nicht ernst zu nehmen. Und sich über die Kleinstwagen und Rollermobile der Nachkriegszeit, aus der Not geboren und teilweise äußerst ingeniös konstruiert, zu amüsieren, ist schlichtweg ein Zeichen der Missachtung (oder Unkenntnis) der Zeitumstände. Frühe Kunststoffautos hatten auch teilweise äußerst unkonventionelle Gestaltungen – eben darum, um ihre Eigenheiten und ihre Eigenständigkeit zu demonstrieren – durchaus vergleichbar mit Elektroautos im Micky-Maus-Stil wie dem BMW-Kleinwagen i3 (der allerdings keinen Eingang in das Buch findet). Strandautos („Jollys“) mit ihren Korbgeflechtstühlen und Segeltuchverdecken sieht Wuttke auch als Kuriositäten an. All das ist diskutabel.
In Richtung Niederträchtigkeit geht das Kapitel der „Montagsautos und Silbernen Zitronen“, also derjenigen Fahrzeuge, die der Autor als schlechte Autos betrachtet. Er suhlt sich an der vom ADAC vergebenen, äußerst fragwürdigen Auszeichnung der „Silbernen Zitrone“ und labt sich an den üblichen Verdächtigen: Matra Bagheera, Polski-Fiat 125p, Ford Taunus TC1, British-Leyland-Fahrzeuge der 70er Jahre. Den Dacia 1300 hat er vergessen. Der wäre auch so ein erzwungener Kandidat der Minderwertigkeit. Sodann genießt er, sich über Neo-Classics à la Excalibur oder Clénet auszulassen. Den Suzuki Vitara X-90 wählt er ebenso als Opfer aus. Warum eigentlich? Das Autochen ist super im Gelände und hat eine tolle Technik. Aber wir merken schnell: Das Kapitel wird mit sechs Fotos des normalen Vitara illustriert, nicht ein X-90 ist zu sehen. Schon blöd’, wenn man über ein Auto herzieht, aber bei der Bildauswahl beweist, dass man gar nicht weiß, wie die Karre aussieht. Der X-90 ist ein zweitüriges SUV-Targa-Mobil, tatsächlich außergewöhnlich, und mit dem normalen Vitara teilt er nur die Technik, nicht aber die Optik. Es kommen dann noch ein paar ästhetische Abartigkeiten wie der Pontiac Aztek (nicht aber der SsangYong Rodius, den hat er wohl vergessen oder kennt ihn nicht). Dann noch das Tata-Experiment, mit dem Nano das billigste Auto der Welt anzubieten, dann abkanzeln und ein bisschen Hihi und Haha über den Microlino als moderne Isetta-Interpretation, um, ganz dem Zeitgeist entsprechend, den Tesla Cybertruck zur Schnecke zu machen. Die Texte sind journalistisch professionell aufbereitet und korrekt, die Fotos typische Agenturbilder, das Lektorat hat gut gearbeitet, das Buchformat ist klassisch und sympathisch (17 x 24 cm).
Wir haben den Eindruck, dass der Autor sich die Mühe machte, einen Streifzug durch die Automobilgeschichte zu machen und ganz subjektiv herauspickte, was aus der Masse hervorstach. Das ist legitim, ist nett geschrieben, ist mit Agenturfotos ordentlich bebildert, ist unterhaltsam – aber ohne jedweden historischen Erkenntnisgewinn. Man kann Bücher über alles schreiben, über die 80 besten Autos der 80er Jahre und über die 75 kuriosesten Autos aller Zeiten. Aber muss man das tun? Verlag und Autor entschieden sich dafür. Und der Leser entscheidet, was er kauft und liest.
afs