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News 1:18 BBR Ferrari Purosangue 2023

Das Vollblut

Muss von BBR kommen: der Purosangue. Wer, wenn nicht BBR, wird dem Ferrari Luxus-SUV gerecht? Wer, wenn nicht BBR, macht ihn als High-Ender? Wer, wenn nicht BBR, verwöhnt die Ferrari-Modellklientel? BBR macht den Purosangue. Und BBR macht ihn gar wunderbar.

„Vollblut“ ist ein Begriff, der gerne bei Pferden verwendet wird. Zuchtpferde, reinrassig, werden als vollblütig bezeichnet. Der Halbblüter ist in Pferdekreisen ein Gaul, bei denen ein Elternteil ein Vollblüter ist und der andere eben nicht. Das ist defizitär, nicht reinrassig, ein Mischling, biologisch gesehen (also ohne abwertende Bedeutung) ein Bastard. Das Vollblut hat in den Kultursprachen teilweise sehr schön klingende Bezeichnungen, der Franzose sagt „de race“, also „von Rasse“, im Englischen ist es ein Thoroughbred, im Schwedischen ein Fullblod und auf Italienisch heißt es Purosangue, wörtlich also „reines Blut“. Nun ist das Cavallino Rampante das Ferrari-Markenzeichen, also das sich aufbäumende Pferdchen, das auf den Hinterbeinen steht. Das ist ein zwar natürliches, aber kein positives Verhalten des Pferdes. Es ist ein Zeichen für Panik oder Schmerzen, aber auch für Widerstand und Aggression. Ein Reiter hat seine liebe Müh’ mit einem Cavallino Rampante! Warum wählte es Ferrari überhaupt zum Logo? Nach eigenen Angaben nicht, um Widerstand auszudrücken, sondern als Symbol für Energie, Kraft und Schnelligkeit (wobei ein Pferd, das sich aufbäumt, sich nicht fortbewegt und schon gar nicht schnell fortbewegt). Es gibt die Anekdote, wonach dieses Symbol vom Jagdflugzeug eines im Ersten Weltkrieg gefallenen italienischen Fliegerasses stamme, dessen Eltern Enzo Ferrari 1923 traf. Die Mutter bat Ferrari, das Pferd ihres Sohnes als Glücksbringer auf seine Rennwagen zu malen. Er tat es, und das Pferdchen brachte ihm Glück.

So ist also Purosangue ein herrlicher Begriff aus der Hippologie, und wenn andere ihren Autos Stiernamen geben, so ist Ferrari mit Begriffen aus der Lehre und Wissenschaft vom Pferd sehr gut bedient. Um den Namen musste Ferrari erst mal kämpfen, weil ein britischer non-profit-Förderverein, der junge Sportler vom Doping fernhält, die Rechte am Namen hält, und kraft seiner Kraft hat Ferrari den Verein erst mal so richtig schön verklagt. Es gab eine Einigung, Ferrari darf den Namen nutzen, setzte aber nicht wie beabsichtigt durch, dass ihn der Verein nicht mehr nutzen darf. Man nennt das euphemistisch eine „rechtliche Koexistenz“, aber ethisch wirft es ein direktes Schlaglicht darauf, wie Ferrari tickt.

Nun ist der Ferrari Purosangue also im Herbst 2022 präsentiert worden, ein SUV, das gegen den Lamborghini Urus und den Rolls-Royce Cullinan ankämpft, aber weit teurer als die beiden ist. Die Nachfrage ist riesig, drei Jahre Lieferzeit, zeitweise Stopp der Bestellmöglichkeit. Nicht mehr als 3000 Purosangue werden pro Jahr hergestellt, um die Exklusivität zu wahren. Als ob ein Grundpreis von 378.873 Euro nicht schon genügend Exklusivität bedeuten würde… In Deutschland wurden bis Ende 2025 immerhin 835 Stück zugelassen, auch in der Schweiz ist er der meist verkaufte Ferrari. Hauptmarkt sind die USA. Für das BBR-Modell dürften die USA ebenfalls ein guter Markt sein, aber natürlich auch Italien als Ferrari-Heimat, wo viele Ferrari-Modellsammler leben, und selbstverständlich auch China, Hongkong und überhaupt Asien, wo sich High-End-Supercars in 1:18 bestens verkaufen. BBR ist italienisch. 1984 von Alberto Balestrini, Enrico Barberis und Ferdinand Reali in Sarono gegründet, schon immer sehr Ferrari-affin, erst ohne Lizenz, dann mit. Die 1:18-Diecast-Modelle von BBR werden nicht in Italien gefertigt, sondern bei Sum’s Model, der Firma von Sun Liu, in China. Sum’s produziert nicht nur für BBR, sondern auch für Minichamps sowie Kyosho und unterhält die Eigenmarke Almost Real. Das zeigt, in welchem Qualitätssegment der BBR Purosangue unterwegs ist.

Ein Pferd für vier Reiter

Einen Purosangue gibt es von der wieder ins Leben gerufenen Marke Polistil in 1:18, kostet beim seriösen Händler um die 80 Euro und beim unseriösen entsprechend mehr (so mancher japanische Händler verlangt 250 Euro dafür). Hübsches Budgetmodell, massentauglich, Breitensport – wird aber der Anmutung eines Ferrari bei Weitem nicht gerecht. Die Qualität und die Aura des Vorbildes müssen auf das Modell übertragen werden – das ist die Aufgabe des Modellkonstrukteurs, und je höher der Verkaufspreis sein darf, desto mehr von seinem Können wirft er in die Waagschale. Logisch! BBR ist der richtige Hersteller für das „richtige“ Purosangue-Modell. Damit wollen wir nicht sagen, das Polistil-Modell sei „unrichtig“. Aber es bedient schlichtweg eine andere Klientel.

BBR-Modelle gehören zum Besten, was man im 1:18-Diecast-Bereich derzeit kaufen kann. Ihre Qualität und Anmutung ist mit Almost Real auf einer Ebene. Aber sie sind preislich nochmals höher angesiedelt. Der Preis lässt sich natürlich stets rational begründen (Konstruktions- und Fertigungsaufwand, Materialkosten, Lizenzgebühren et cetera). Aber das ist alles nur sekundär. Primär erklärt sich ein Verkaufspreis daraus, wie ein Hersteller sein Produkt positioniert. Eine Hermès Kelly Bag ist auch keine Tausende von Euro „wert“, obgleich sie dafür angeboten und verkauft wird. Und ein BBR-Ferrari kostet, was er kostet, weil die potenzielle Ferrari-Klientel mutmaßlich wohlhabender ist als die eingefleischten Hyundai-Sammler. So einfach ist das.

Die gefühlte Wertigkeit beginnt beim Auspacken. Die Box ist nicht nur Ferrari-Rot, sondern wird von einer Umverpackung geschützt, und wenn man sie öffnet, wird das Modell zunächst nicht sichtbar, weil es durch eine Stoffplane, bedruckt mit zwei Cavallinos, ummantelt ist. Die Plane sollte man nicht in Euphorie vom Auto reißen, weil man sonst die Außenspiegel abbrechen könnte. Dann kommt noch ein nettes Pinselchen zum Vorschein, zum Abstauben. Und eine auf laminiertem Hochglanzpapier gedruckte Bedienungsanleitung, denn wenn ein Modellauto mehr als das Übliche kann, so wäre es fatal, den Kunden darauf nicht hinzuweisen (so mancher Hersteller schweigt sich über die „Gimmicks“ aus, was wir noch nie verstanden haben und nie verstehen werden und nur mit allgemeiner Unfähigkeit zur Kommunikation erklären können).

All open, gelenkt und weich gefedert sind die grundsätzlichen Parameter, und alles andere wäre ohnehin undenkbar. Und dann die „Gimmicks“: Der Clou des Modells ist natürlich identisch zum Clou des Originals, die gegenläufig zueinander öffnenden Türen. Die hinteren haben einen 90-Grad-Öffnungswinkel, und sie sind etwas schwergängiger als die vorderen, die mit sattem Geräusch per Feder schließen. Die hinteren wollen mit sanftem Druck geschlossen und geöffnet werden. Die Tankklappe rechter Hand kann geöffnet werden, dahinter ist der Einfüllstutzen zu sehen (der nicht geöffnet werden kann). Die Vordersitze sind längs verschiebbar und beide mittlere Armlehnen (vorne auf der Konsole, hinten zwischen den Einzelsitzen) haben zu öffnende Klappen, darunter Staufächer. Die Lenkbewegung der Räder ist mit dem Drehen des Lenkrades gekoppelt, die Vorderräder bleiben aber nicht im vollen Einschlagswinkel stehen, sondern streben zur Geradeauslage zurück. Und dann hat das Modell natürlich Allradlenkung, ganz wie das Vorbild. Das Nette daran ist, dass man die Allradlenkung durch einen Schieber in Höhe des Transaxle-Getriebes einstellen kann: Die Hinterräder lenken entweder parallel oder gegenläufig zu den Vorderrädern – wie beim Original, wo sich das je nach Geschwindigkeit von selbst einstellt. Bei höheren Tempi unterstützen die Hinterräder die Vorderräder und arbeiten deshalb gegenläufig, beim Einparken oder Rangieren unterstützen sie auch, arbeiten aber parallel zu den vorderen. Diese Eigenheit verwirklichte Almost Real bereits an Eigenprodukten wie dem Mercedes-Maybach, nun auch am Vollblüter-Ferrari. Wer Spieltrieb in sich spürt, kann diesem also genüsslich frönen. Wer schon groß genug ist, um derartiges Empfinden nicht mehr in sich zu gewahren, freut sich, den Purosangue beispielsweise mit offener Tankklappe in die Vitrine zu stellen. Wie das alles funktioniert, steht in der Bedienungsanleitung.

Das waren die „Gimmicks“. Jetzt kommt die feine Machart, wobei so manches, ja eigentlich alles, schlichtweg selbstverständlich ist bei einem 450-Euro-Modell. Allüberall durchbrochene Gitter, allüberall wundervoll nachgebildetes Sichtcarbon, mattgraue, gelochte Bremsscheiben, mit „Ferrari“ beschriftete, gelbe Bremssättel, diamantpolierte, mattschwarze Schmiedefelgen mit Ventil und schönen Schrauben, leider unbeschriftete Reifenflanken (warum?). Der Innenraum ist der schiere Traum, mehrfarbig, luxusfarben, topdekoriert, Türen mit schwarzen Dichtungen, jedes Leistchen, jedes Piktogramm ist berücksichtigt, die Oberflächen wirken wie in echt. Das Herz, der Motor: natürlich Plastikabdeckungen, aber das ist eben so. Man sieht genügend vom Antrieb des Pferdes, viel Rot unter der Haube, die nötigen Wartungsaufkleber sind vorhanden, die Haubenaufsteller sind nicht nur schön gemacht, sondern tun auch, was sie sollen: Sie halten die Haube auf. Der Kofferraum ist langweilig, wenngleich mehrfarbig ausgekleidet und ebenfalls mit schönen Aufstellern versorgt. Und dann der Lack! Ein ungemein tiefes, hochglänzendes Rosso Corsa zum Darniederknien. Unser Purosangue hat ein schwarzes Panoramadach, es gibt ihn auch ohne dasselbe.

Dieses Miniaturauto ist Modellbauästhetik in Reinkultur, es erfreut das Auge ungemein, man kann stolz darauf sein. Für einen Ferraristi ist es ein Muss. Aber auch jener, der gar kein so großer Ferrari-Fan ist, wird wohlwollend anerkennen, dass BBR hier ein Ausnahmemodell geschaffen hat.

Eigentlich ganz vernünftig

Der erste Ferrari-Viertürer, das erste Ferrari-SUV – und dann als reiner Verbrenner auch noch ein Riesenerfolgt, während Lamborghini just vermeldete, die Entwicklung seines Elektro-SUV Lanzador eingestellt zu haben – mangels Nachfrage schon im Vorfeld. Die vier Türen beim Ferrari sind Portaltüren, wie beim Rolls-Royce (und beim Opel Meriva B und beim Mazda RX-8), allerdings mit B-Säulen. Ganz SUVig, hat der Purosangue umklappbare Rücksitze und einen 473-Liter-Kofferraum – also ein ganz vernünftiges Auto. Sein V12 aus dem soeben verblichenen Ferrari 812 gehört der neuesten Generation an, Direkteinspritzung und Trockensumpfschmierung, 6,5 Liter Hubraum und 725 Saug-PS, Transaxle-Bauweise (Getriebe an der Hinterachse), im Normalbetrieb schieben die Hinterräder, bei Bedarf ziehen die vorderen mit, dazu Allradlenkung und 18,5 cm Luft unterm Bauch, bei Bedarf 3 cm zusätzlich. Das SUV beschleunigt in 10,6 Sekunden auf Tempo 200 und rennt 312 km/h. Das war nun von uns ganz nüchtern dargestellt, ohne Vollblut im Herzen, ohne Ferrari-Bonus, ohne den Versuch, die Faszination Ferrari auf den Leser überspringen zu lassen. Warum? Sie ist bei uns nicht sonderlich ausgeprägt. Durchaus aber jene für das BBR-Modell, welches uns weniger als Ferrari, denn vielmehr als Modellauto ent- und verzückt.

Der BBR Ferrari Purosangue ist neben Rosso Corsa auch in anderen Farben angekündigt, Auslieferungsdatum unbekannt: Nero Purosangue, Rosso Magma und Verde Dora. BBR macht ihn auch in 1:43.

afs

Unser Muster-Purosangue trägt ein Panoramadach anstelle der in Glanzcarbon dargestellten Dachhaut. Ob man den Purosangue nun mag oder nicht, ob er einem gefällt oder nicht, ist eigentlich sekundär. Primär ist das ein hervorragend gemachtes Modellauto, besser geht kaum.
Modellfotos: bat
Die Hauptfarbe des Interieurs ist Sabbia (Sand), gepaart mit Nero, immens viel Carbon, hier und da ein kleines Pferd – diese Innenausstattung ist eine Augenweise!
Das sind 725 PS, ein V12 mit Kultcharakter – nicht nur der Konstruktion wegen, auch des Namens halber. So richtig viel sieht man nicht von ihm. Denn trotz der ewig langen Motorhaube ist der Motor aus Balancegründen so weit hinten verbaut, dass er sich zur Hälfte versteckt. Auch eine Form der Diskretion…
Sehr edel: maßgeschneidertes Jäckchen für den Purosangue, farblich passend, Pferdchen gleich doppelt aufgedruckt, vorne groß und hinten klein. So stellt ihn niemand in die Vitrine, zumindest nicht dauerhaft. Aber das Verhüterli schützt das Modell bereits beim Versand.
Le Bellay-en-Vexin ist ein winziges Dorf in nordwestlich von Paris, 224 Einwohner, eine Kirche, eine Kreuzung. Die Hauptstraße, mit der Kirche und der Kreuzung, heißt „Grande Rue“. Und genau dorthin verirrte sich am 18. Mai 2025 ein Ferrari Purosangue.
Foto: WikiGenesis

Steckbrief:

BBR 18053A Ferrari Purosangue (F175) 2023 rot. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP des Importeurs Minichamps 445 Euro.