So herrlich old-fashioned
Im Design der Spät-50er war der bis 1970 gebaute Volvo Amazon bis in die frühen 80er Jahre hinein Bestandteil des Straßenbildes, als seine stilistischen Brüder bereits Oldtimerstatus genossen. Norev bringt den Amazon in 1:18 in sealed-Bauweise, zunächst den Zweitürer, bald auch den Kombi. Dank smarter Konstruktion sind verschiedene Jahrgänge und Ausführungen möglich.
Bis 1970. Als Autos klar und vernünftig gezeichnet waren. Bis 1970 baute Volvo die Amazone. Voll im Stile der späten 50er, mit Panoramascheiben, kleinen Fensterflächen, torpedoähnlichen Ausbuchtungen, die in Schweinwerfern mündeten, rundlichen Formen. So herrlich old-fashioned, und doppelt gestrig, weil der Nachfolger 144 bereits seit vier Jahren am Markt war und die neue, klare, strenge Linie vorgab, die 27 lange Jahre lang Gültigkeit haben sollte. Ähnlich war das Verhältnis der Amazone zu ihrem Vorgänger, dem Buckel-Volvo. Als PV544 wurde er sogar zwölf Jahre lang parallel zur Amazone gebaut. Die Skandinavier gestalteten Übergänge nicht abrupt, sondern fließend, Saab betrieb die gleiche Modellpolitik.
Der Volvo Amazon, oder die Volvo Amazone – wie auch immer man es ausdrücken will – war ein prägendes Auto, nicht nur in seiner Heimat, auch in ganz Europa, sogar in den USA. Es bestimmte das Volvo-Programm der 60er Jahre, es wurde vielfach miniaturisiert. Tekno, Dinky, Spot-On – kaum eine Spielzeugkiste kam ohne Amazone aus. Als eines der letzten 1:18-Diecast-Modelle brachte Revell 2004 die Amazone, all open, verschiedene Jahrgänge und Versionen. Revell-Achtzehner sind seit 2009 Geschichte. Es ist Zeit für eine neue Amazone- Nicht nur die Zweitürer-Limousine, sondern auch den Kombi, beschloss Norev, und Product Manager Ben Schumacher entwickelte den Wagen. Auf der Spielwarenmesse Anfang des Jahres stand das Modell als Prototyp, nun ist die Limousine in zwei Versionen ausgeliefert, der Kombi steht in den Startlöchern. Die Limousine war ursprünglich ein Modelissmo-Projekt, Norev hat den Kombi auf eigene Faust hinzugefügt. Nun ist das Thema Amazone zur reinen Norev-Fachhandelsangelegenheit geworden.
Am Markt verfügbar ist nunmehr der Zweitürer als 1966er Modell in Dunkelblau und als 1968er Version in Rot, und diese beiden unterscheiden sich deutlich. Norev hat also wieder smart konstruiert, was ein kluger und marktwirtschaftlich sinnvoller Ansatz ist, weil dadurch nicht nur Farben, sondern eben auch Versionen im Laufe der Zeit möglich sind.
Norev hat für die Amazone den Grill von 1966 und jenen von 1968 konstruiert, was auch für die Lenkräder gilt (mit Hupring das eine, mit drei Federspeichen das andere). Es gibt die serienmäßigen Stahlfelgen ab 1965, silbern lackiert mit Belüftungslöchern für die Scheibenbremsen und vereinfachten Radkappen (statt in Wagenfarbe lackierter Scheibenfelgen) sowie die als Werkszubehör lieferbaren Minilite-Magnesiumfelgen, in den 60ern sehr populär, entworfen vom Nuklearingenieur Derek Power über seine Firma Tech Del, damals das Sinnbild der Rallye- und Tourenwagenrennen schlechthin. Weiterhin gibt es bei Norev einen zusätzlichen Drehzahlmesser auf dem Armaturenbrett und eine optionale Ablage unter demselben, überdies eine optionale Sonnenblende („Sonnenschute“) als zeitgenössisches Accessoire. Die Außenrückspiegel sitzen wechselweise auf den Vorderkotflügeln oder auf dem Türblech. Nicht all diese Teile sind bei den beiden Erstlingen verbaut, aber einiges variiert durchaus.
Der ältere Volvo Amazon von 1966 kommt in Midnattsblå 31 (Mitternachtsblau), innen rot, Stahlfelgen, Außenrückspiegel auf den Türblättern, altes Lenkrad mit Hupring. Der jüngere 123 GT ist in Röd 46 (Rot) lackiert, innen schwarz, mit Minilite-Felgen, Spiegel auf den Kotflügeln, innen mit zusätzlichem Drehzahlmesser und modernerem Lenkrad versehen. Beide verfügen über Zusatzscheinwerfer auf der vorderen Stoßstange und eine Nebelleuchte auf der hinteren. Ihnen gemein ist, dass die Scheibenumrahmungen chromgeprägt sind (sind super aus!), viele separate Chromteile wie Belüftungsgitter, Tankeinfüllstutzen. Kofferraumdeckelgriff, Auspuffendrohr, natürlich Türgriffe und die beiden jahrgangsspezifisch unterschiedlich gestalteten Grillhälften. Die seitlichen Zierleisten und jene unter den Fensterscheiben sind silberne Druckwerke. Formal ist der Norev-Volvo bestens getroffen, bedruckt und hervorragend lackiert, der „Volvo“-Schriftzug auf den Kennzeichen ist Geschmackssache. Sehr hübsch ist, dass Norev die Innenraumcharakteristik berücksichtigt: Die inneren Seitenverkleidungen bedecken nicht die komplette Höhe, oben ist ein Streifen in Karosseriefarbe zu sehen, auch der Dachhimmel ist lackiert. Warum beide Amazonen an den Vorderkotflügeln die Typbezeichnung „121“ tragen, erschließt sich uns nicht. Der Dunkelblaue ist ein Volvo 121, der Rote allerdings ein 123 GT (den es übrigens nur in USA, Deutschland, Österreich und der Schweiz gab, 96 oder 103 PS stark dank zweier Vergaser). Diesen kleinen Lapsus sollte Norev bei kommenden Auflagen korrigieren. Sicherheitsgurte trägt das Modell nicht, obgleich sich Volvo rühmen konnte, als erster ab 1958 serienmäßig Gurte geliefert zu haben.
Die Amazone bereichert das Modellautoangebot. Das Revell-Modell, durchaus schön gemacht, ist längst nicht mehr lieferbar und konstruktiv in einer anderen Zeit verhaftet. Mit der Amazone hat Norev ein schönes Modell geschaffen, eine ausgewogene, aber nicht herausragende Konstruktion, die alle Anforderungen der Sammler erfüllt – sofern sie sich mit der sealed-Bauweise zufrieden geben und lenkbare Räder als einzige Funktion akzeptieren.
afs





Modellfotos: bat


Modellfoto: afs

Fotos: afs
Steckbrief:
Norev 188740 Volvo 121 Amazon 1966 dunkelblau und 188741 Volvo 123 GT Amazon rot. Fertigmodelle Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP je 69,95 Euro.