Literatur

Lesen: Luxusschrott aus Hollywood

Appel, Holger und Thomas Geiger: Luxusschrott aus Hollywood. Gecrashte Traumautos der 50er- und 60er-Jahre. Bielefeld (Delius-Klasing-Verlag) 2026. 176 Seiten. ISBN 978-3-667-13206-2. Preis 39,90 Euro.

Wenn man ihn auf Deutsch ausspricht, reimt sich der Buchtitel sogar: „Luxusschrott aus Holliwott“. Das ist schon mal selten. Und wenn man die Autoren kennt, darf man, ganz dem Thema entsprechend, Hochkarätiges erwarten. Wer die Frankfurter Allgemeine liest, kennt Holger Appel, den dortigen Auto-Redakteur, und seinen nicht endenden, vehementen Einsatz für den Verbrennermotor; Thomas Geiger ist freier Motorjournalist. Appel und Geiger war in Los Angeles eine Audienz auf Rudi Kleins Luxusauto-Schrottplatz vergönnt. Auch das ist selten. Denn der verblichene Rudi Klein war ein komischer Kauz, der eigentlich niemanden hereinließ, und seine Nachfahren hielten es nicht viel anders. Es ist schon kurios, dass Schrottplatzeigentümer häufig unzugängliche, schräge Vögel sind, die ihre Schätze lieber behalten als verwerten, und nach deren Entschweben in den Autohimmel kommen die Pretiosen dann unter den Hammer. Das gleiche vor wenigen Jahren mit dem Messerli-Schrottplatz in der Schweiz, mit der Baillon-Sammlung in Échiré, der Oliver-Sammlung in Oklahoma und dem Mopar-Warehouse in Missouri. Das alles waren ebenfalls verwunschene Orte, von denen in der Szene nur Gerüchte kursierten, die aber letztlich zeitlebens Terra Incognita blieben. Und irgendwann wird wohl auch der berühmte Schrottplatz des 2015 verstorbenen Franz Augustin in Wels dieses Schicksal erleben. Noch ist er ein Freilichtmuseum.

Appel und Geiger bekamen von Rudi Kleins Nachfahren die Erlaubnis, den seit seinem Tod 2001 unberührten Platz mit der Kamera zu besuchen, als er noch im Originalzustand war, also vor der durch alle Gazetten geshredderten Sotheby’s-Auktion im Oktober 2024. Und sie machten ein Buch daraus. Zwei Profijournalisten versprechen natürlich ein anderes Leseerlebnis als das, was man sonst so gewöhnt ist von automobilen Erzählungen, wenn engagierte Schreibamateure zur Feder greifen oder, noch schlimmer, selbst zum Schreiben berufene Ingenieure Automobilprosa verfassen. Die schweinemäßig nervigste Sache der Stufe 10 freilich sind Automechaniker, die Schreiballüren in sich verspüren und diese ausleben. Appels und Geigers Stil ist locker, flockig, flüssig, professionell – allenfalls bei den Bildunterschriften manchmal ein wenig zu flapsig. Zum Lesen ist das Buch also wunderbar. Zum Schauen auch. Die Fotos fangen die Klein’schen Szenarien herrlich ein, die seit Jahrzehnten (Gründung des Platzes 1967) weggestellten, aufgehobenen Schrottautos amerikanischer Helden, die gerne deutsche Fahrzeuge fuhren, vorzüglich Mercedes und Porsche, dazwischen auch mal ein Maybach oder Horch aus Vorkriegszeiten, ab und an ein spezialkarossierter BMW 502, ein wenig Ausland (Facel-Véga, Rolls-Royce) und natürlich italienische Supersportwagen vom Schlage eines Lamborghini Miura und Iso Grifo. Alle leicht schrottig, sonst wären sie nicht auf Rudi Kleins Platz gelandet. Aber was heißt schon schrottig? Für manchen Hollywood-Millionär scheint ein Rolls Schrott gewesen zu sein, wenn drei Fliegen an der Windschutzscheibe klebten und der Aschenbecher voll war. Die meisten Fahrzeuge sehen aus, als seien sie Gebrauchtwagen gewesen, an denen der Eigentümer die Lust verloren hatte. Unfallwagen waren wenige darunter, und Rost ist in L.A. kein Thema. Appel und Geiger durften alles sehen, die Auto-Regale im Freien, unter der Sonne Kaliforniens, ebenso wie die heiligen Halle, in denen besondere Pretiosen geschützt standen. Rudi Klein wollte den ein oder anderen guten Wagen wohl für sich restaurieren. Die nötigen Teile dazu hätte er gehabt. Aber es blieb beim Wollen. Die Fotos machen den Leser zum Traumwandler, gehen ihm nicht aus dem Kopf, fressen sich ins Hirn. Man denkt daran in den abendlichen Minuten, wenn man im Bett nicht mehr wach, aber auch noch nicht eingeschlafen ist. Und dann ist man selbst mitten drin, mitten auf Rudi Kleins Platz. Und im Traum darf man alles.

Das letzte Kapitel ist die Quasi-Desillusionierung. Denn die Sotheby’s-Auktion ist natürlich auch Thema des Buches. Inklusive der Resultate. Dann platzt der Traum des Lesers. Die automobilen Glücksritter dieser Welt, sie alle kamen im Oktober 2024 auf den Schrottplatz an der Alameda Street im Süden von Los Angeles, einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld. Sie müssen sich in Ekstase gegenseitig hoch geboten haben. Womöglich ging es nicht nur um das haben Wollen, sondern um die Demonstration, es sich leisten zu können. Anders sind die erzielten Dollarpreise kaum erklärlich. Und doch… Warum nicht für einen kompletten Mercedes Flügeltürer oder Lambo Miura, die viel tender loving care benötigen, über eine Million Bucks zahlen? Das teuerste Los, ein Flügeltüren-SL mit Alukarosserie, brachte 9,3 Millionen Dollar. Ein bisschen geputzt, geschweißt und mit neuen Reifen und Polstern versehen, und schon ist er das Drei- oder Vierfache wert. Denn sie wissen schon, was sie tun. Ob auch ein Porsche 550 Spyder auf Kleins Platz jahrzehntelang ausharrte und nicht wusste, worauf er wartete? Und da sind sie wieder, diese Wachträume… Wer ein Faible hat für automobile „Sleeping Beauties“, für verwunschene und vergessene Kleinode (oder eher größere Ode) automobilen Schrottes, wer sich selbst als Schatzsucher wähnt und davon träumt, ein Schneewittchen mit vier Rädern wachzuküssen: Der braucht dieses Buch und liest es in einem Zuge durch

afs