Ein langer Buckel als Taxi
Aus ukrainischer Kleinstserie erreicht uns ein spannendes Zeugnis früher westdeutscher Nachkriegszeit in 1:87: ein Ford „Buckel-Taunus“ als verlängertes Taxi. Solche Exoten präsentieren wir gerne, und sie sind uns Anlass, ein wenig über die Situation im Taxi-Gewerbe in den späten 40er Jahren zu erzählen.
Es gibt keinen mit Namen zu benennenden Hersteller. Matthias Schmidt von Modell Mobil Dresden, der die Miniatur im Angebot hat, klärt auf: „Das sind ukrainische Kollektive, die zusammen arbeiten, quasi am Küchentisch. Die Formenbauer sind wahre Künstler ihres Faches.“ Damit hat er recht. Der verlängerte Buckel-Taunus ist mitnichten ein überarbeitetes Wiking-Modell ähnlichen Vorbildes, sondern eine schöpferische Eigenleistung in hoher Qualität. Die bucklige Form ist perfekt getroffen, das Resine fein gegossen, die Wandstärke gering, der Lackauftrag satt, ohne Gravuren zu überdecken. Selbst der Unterboden glänzt durch guten Detailreichtum, an dem sich so manches Resinemodell in weit größerem Maßstab ein Beispiel nehmen könnte. Die Lackierung ist hervorragend. Es ist keine chinesische Hochglanzlackierung, die eher ein (über-) restauriertes Fahrzeug wiedergibt, sondern eine Lackierung mit jenem Glanzgrad, den man einem Fahrzeug aus den frühen 50er Jahren im Neuzustand zubilligt. Es glänzt, aber es blinkt nicht. Selbstverständlich rollt es.
Das Modell ist nicht neu. Matthias Schmidt hat es seit rund 20 Jahren immer wieder im Angebot. Die Ukrainer fertigen eine Charge, verteilen sie, das Modell wird abverkauft und irgendwann entscheiden sich seine Ersteller, es neu aufzulegen. Schmidt: „Ich bin jedes Mal überrascht, was kommt, und freue mich, wenn es etwas ist, das meine Kunden goutieren.“ Was im jeweils aktuellen Paket aus der Ukraine enthalten ist, weiß er oft selbst nicht, bevor er es öffnet. Es könnte ein sowjetischer Lastwagen, eine Chaika-Repräsentationslimousine oder ein Traktor sein. Das Produktionsspektrum der ukrainischen 1:87-Fraktion ist groß. Und ihre Arbeitsbedingungen sind durch den Krieg zumindest eingeschränkt – das muss man sich stets vor Augen halten. Nun also der verlängerte Buckel-Taunus, und der hat als Vorbild eine interessante Entstehungsgeschichte. Wir hatten sie für unser Buch über die vielen Ford-Taunus-Baureihen zwischen 1939 und 1982 im Motorbuch-Verlag (erschienen im Frühjahr 2022) recherchiert und geben sie modifiziert und wesentlich ergänzt hier wieder.
Der Standard Vanguard als temporäres Standard-Taxi
Nach Kriegsende verfügten nur wenige Taxifahrer (damals: „Kraftdroschker“) über eigene Fahrzeuge, die zudem intakt waren. Auftraggeber waren alliierte Dienststellen oder Zivilbehörden, und nach Feierabend fuhren die Taxler schwarz und kassierten Dollars, Zigaretten oder Schokolade für ihre Fahrten. Zivile Kunden waren allenfalls Ärzte, Hebammen, Kriegsversehrte und Kranke. Das Taxischild auf dem Dach war noch nicht eingeführt. Wie in den 30ern trugen Taxis in der Windschutzscheibe ein klappbares „Frei“-Zeichen, links und rechts der Windschutzscheibe, außen an den A-Säulen, waren runde Lampen aus Milchglas befestigt, mit einem schwarzen Kreuz versehen, die bei Dunkelheit darauf aufmerksam machten, dass der Chauffeur frei war. Das gelbe Taxischild auf dem Dach kam erst in den 60er Jahren.
Anfang der 50er Jahre ging es zusehends aufwärts. Taxifahrer konnten sich langsam wieder neue Wagen kaufen. Aber das Angebot war klein. Es standen im erschwinglichen Preissegment nämlich nur fünfsitzige Fahrzeuge zur Verfügung. Das damalige Personenbeförderungsgesetz verlangte aber, dass ein Taxi viertürig und sechssitzig zu sein hatte, also je drei Plätze auf der vorderen und der hinteren Sitzbank aufzuweisen hatte. In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung spezialkarossierter und mit verlängertem Radstand versehener Viertürer auf Basis zweitüriger Wagen zu sehen, so der VW Käfer von Rometsch in Berlin oder der Ford Taunus von Witty & Brückl in München sowie von Wilhelm in Köln. Die lokalen Taxi-Genossenschaften schlossen mit den jeweiligen Haupthändlern Rahmenverträge, wonach die speziellen Taxis mit etwas Rabatt bezogen werden konnten. Dennoch waren der Rometsch-Käfer oder die verlängerten Taunus mit gut 10.000 D-Mark zu teuer für die meisten Taxiunternehmer (damals selbständige Einzelpersonen, keine Gesellschaften). Sie kauften sich lieber Exoten, die ohne Umbau für sechs Personen zugelassen waren. Sehr beliebt war der britische Standard Vanguard, ein Viertürer mit sechs Sitzplätzen, eine der ersten britischen Nachkriegs-Neukonstruktionen.
Dass dieser Wagen eine kurze, aber große Blüte auf dem deutschen Markt erlebte, liegt auch daran, dass das Wort „Standard“ und somit auch der Markenname „Standard“ im Deutschen (und nur im Deutschen!) spätestens Mitte der 50er Jahre einen Bedeutungswandel erlitt. War es in den 30er Jahren sehr positiv konnotiert (Standard = das Maß aller Dinge, woran sich alles zu orientieren hat), so wertete der allgegenwärtige Volkswagen das Wort im technischen und speziell im automobilen Bereich ab. Nachdem es den VW Käfer ab 1949 in einer zusätzlichen Luxusversion gab, das so genannte Export-Modell, wurde der normal ausgestattete Volkswagen zum „Standard“ um- oder abgewertet, und die Käufer strebten zum Volkswagen Export. Ford verwendete die Bezeichnung für seinen Basis-Taunus ab 1949 ebenfalls, wobei die Luxusversion in Köln nicht „Export“, sondern „Spezial“ hieß. Auch BMW differenzierte ab 1956 zwischen der Standard- und der Export-Isetta und fortan nannte der Volksmund jede Basisversion eines Wagens „Standard“, was bis heute unter Automobilhistorikern unreflektiert übernommen wird.
Spezielle Droschken: Zu teuer für die Taxler
Neben dem Rometsch-Käfer war es vor allem der Ford Taunus G93, also der „Buckel-Taunus“, der zum sechssitzigen Taxi umgebaut wurde. Die Firma Clerk in Wuppertal erstellte um 50 cm verlängerte Fahrgestelle als Grundlage für Kranken- und Bestattungswagen. Auf dieser Basis schufen die beiden Karosseriebauer Witty & Brückl in München-Schwabing sowie Ernst Wilhelm in Köln-Ehrenfeld sechssitzige Viertürer-Taxis. Das Wilhelm-Taxi behielt das Buckelheck und setzte auf mittig angeschlagene Türen, Witty & Brückl entfernte sich weiter vom Original und kreierte ein geschwungenes Stufenheck, die Türen jeweils hinten angeschlagen (also doppelte „Selbstmördertüren“). Das 1:87-Modellauto aus Kiev stellt die Wilhelm-Version dar.
Die spezialkarossierten Wagen in den frühen Nachkriegsjahren konnten sich bei der Taxlerzunft nicht durchsetzen. Manche Chauffeure fuhren klapprige, verbrauchte Vorkriegswagen, bis sie sich einen Neuwagen leisten konnten. Nachdem die frühe Nachkriegsverordnung, dass Taxis zwangsweise nicht nur vier Türen, sondern auch sechs Sitzplätze aufzuweisen hatten, wegfiel, setzte sich der Mercedes 170 V als Taxi durch, gefolgt vom Ponton-Mercedes. Alternativen waren der Opel Kapitän aller Jahrgänge, ab 1957 auch der viertürige Ford Taunus 17m P2. Größere Wagen wie der Mercedes 220 oder der BMW 501/502 waren für Taxifahrer schlichtweg zu teuer – wobei es hierbei eher um die Anschaffungskosten ging und nicht um den Unterschied zwischen Benzin und Dieselkraftstoff. Das spielte erst ab 1953 eine Rolle. Denn damals beschloss der Deutsche Bundestag, die Mineralölsteuer kräftig zu erhöhen, nämlich auf über 20 Pfennige pro Liter Benzin. Zuvor waren es 14 Pfennige gewesen, bei Diesel kassierte der Staat nun knapp 6 Pfennige statt zuvor über 9 Pfennige. Diesel wurde also merklich billiger.
Diese erhebliche Differenz verdeutlicht auch, warum Taxifahrer ab 1953 auf den Mercedes Diesel setzten. Zum „Ponton“ gab es in der Zunft dann kaum mehr eine Alternative, zumindest nicht den natürlichen Konkurrenten, den Opel Kapitän. Durchaus geeignete, ausländische Dieselpersonenwagen (Fiat 1400, Peugeot 403) setzten sich nicht durch. Der Vertrieb und vor allem die Bereitschaft von Daimler-Benz, den Taxlern preislich und mit einem einzigartigen Über-Nacht-Service entgegenzukommen, waren unübertreffbar. Daimler-Benz wusste schlichtweg: Ein Taxi ist der schlagende Beweis für die Zuverlässigkeit eines Fahrzeugtyps, und wenn das Taxi schlechthin ein Mercedes ist, so ist das für die Marke Mercedes die beste Werbung.
afs



Modellfotos: bat


Foto: Archiv afs

Foto: Archiv afs

Quelle: Archiv afs

Foto: Archiv afs
Steckbrief:
Kiev Ford Taunus G93a Spezial Taxi (Clerk/Wilhelm) 1950. Fertigmodell Resine, Maßstab 1:87. Preis 25 Euro bei Modell-Mobil Dresden (www.modellmobildresden.de)