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News 1:18 Norev Fiat 500 Jolly (Ghia) 1964

Der Putzometer in Eksase

Die Jollys tummelten sich dort, wo sich die Schönen und Reichen in den 60er Jahren tummelten: An der Côte d’Azur, in Nizza und Cannes. In Monte Carlo. Und natürlich in Italien, denn dort kamen sie her. In Rimini, in San Remo, an der Adria – dort, wo das Geld Urlaub machte. Von Norev kommt ein Jolly. Auf Fiat-500-Basis.

Wir haben ja schon mehrfach beteuert, den allgemein geliebten und viel beachteten Putzometer nicht überstrapazieren zu wollen – also das von uns erfundene Maß zur Bestimmung des Putzigkeitsgrades eines Modellautos. Denn was zu häufig zitiert oder in Anspruch genommen wird, nutzt sich schlichtweg ab. Und Abnützung wollen wir dem Putzometer auf keinen Fall zukommen lassen. Nichtsdestotrotz: Der Putzometer muss wieder ran! Bei einem derartig ausgeprägten Putzigkeitsgrad geht es nicht anders. Norev, Fiat 500 Jolly, das ist eindeutig ein Fall für den Putzometer. Und er schlägt bis zum Anschlag, er muss sogar beruhigt werden, um nicht selbstzerstörerisch zu wirken. Der Putzometer ist nicht mehr und nicht weniger als in Ekstase. So putzig war zuvor wohl noch keiner, nicht mal der Fiat 500 Giardiniera von Norev, bei dem der Putzometer auch ganz wild wurde. Und beim Kyosho Mini Minor war er ebenfalls äußerst nervös.

Wo das Geld Urlaub macht

Mer stelle uns janz dumm: Wat is en Tschollie? Ein Jolly ist ein Strandwagen, ein Spielzeug der Schönen und Reichen an der Côte d’Azur und an der Adria: Sie cruisten mit Jollys am Strand entlang. Jollys – das sind kleine, offene Strandflitzer auf Basis von Kleinwagen – ein reines Mittelmeerphänomen, bunt, wie kleine, süße Bonbons. Jolly ist zwar ein Fahrzeugname. Aber in erster Linie ist es eine Fahrzeuggattung, vom Karosseriebauer Ghia erfunden und entwickelt, von anderen kopiert. Die durften ihre Fahrzeuge dann zwar nicht offiziell „Jolly“ nennen. Aber Jollys waren sie doch. Ein Jolly ist ein Strandfahrzeug und basiert auf einem handelsüblichen Kleinwagen. Ghia wählte als Grundlage die Fiat 500, 600 und 600 Multipla, auch den kleinen Renault 4CV, das so genannte Cremeschnittchen. Andere Karosseriebauer wie Fissore oder Pininfarina setzten eher auf den winzigen Fiat 600T Transporter, dem sie ein neues Kleid verpassten. Die einen entfernten sich mehr, die anderen weniger vom Original. Aber die Idee dahinter war stets dieselbe. Aus einem geschlossenen Wagen wurde ein offener Wagen, also ein Cabriolet mit (fast) allem, was dazu gehört. Die Karosserie wurde versteift. Türen hat ein Jolly nicht, sondern offene Einstiege, beinahe wie ein Militärgeländewagen. Damit sich die Passagiere sicher fühlten und nicht heraus fielen, gab es rundum verchromte, hübsch geschwungene Rohrstangen zum Festhalten. Und die Grundform wurde ein wenig modifiziert, ganz im Stile der späten 50er und frühen 60er Jahre. Denn die Autos waren ja Designerstücke und nicht bloß handwerklich aufgeschnittene Kleinwagen. Der wichtigste Unterschied zum Cabriolet oder Roadster in seiner bekannten Form aber war, dass die Jollys kein Hütchen trugen. Es gab kein Faltdach und es gab auch keinen Platz, wo ein Faltdach in geöffneten Zustand hätte verschwinden können. Denn Jollys waren reine Schönwetterautos, Strandfahrzeuge. Wenn der Himmel bedeckt war, blieb die Jolly-Gesellschaft in ihren Villen oder im Hotel. Das Einzige, was der Jolly in diesem Zusammenhang aufzuweisen hatte, war ein Segeltuchdach, lustig und bunt gestreift, ein reiner Sonnenschutz. Insofern sind die Jollys ähnlich konstruiert wie die berühmten Capri- und Ischia-Taxis, die sich Luigi Segre wohl zum Vorbild nahm. Segre war zwischen 1953 und 1977 Inhaber der Carrozzeria Ghia in Turin. Innen waren die Jollys einfach gehalten, allenfalls mit Gummimatten ausgelegt. Und die Sitze waren zumeist nicht mit Stoff bezogen. Denn ein Jolly-Sitz musste die Nässe eines Bikinis oder einer Badehose aushalten, direkt nach dem Plantschen im Meer oder im Swimming Pool. Je nach Wunsch gab es Kunstlederbezüge (vulgo: Plastik) oder, das war die teurere Version, Sitze aus Korbgeflecht. Ein Jolly war also ein lustiges Fahrzeug für eine gleichsam lustige wie geldige Gesellschaft. Die Eigentümer mussten immerhin geldig genug sein, um sich ein „Spielzeugauto“ leisten zu können, das nahezu keinen praktischen Nutzen hatte, zwar klein war, aber eine Karosseriebauerangelegenheit, geschaffen in kleinster Serie auf Bestellung, manuell gefertigt und individuell auf die Wünsche des jeweiligen Auftraggebers ausgerichtet.

Picknickkorb und Korbgestühl

Formal ist der auf- und abgeschnittene Winzfiat bestens. Eine Neukonstruktion, hat mit der existenten und bekannten Norev Fiat 500 „Limousine“ (kann man einen 500er wirklich so nennen?) nichts zu tun. Von ihm übernommen wurden allenfalls Kleinteile wie Bodenplatte, Räder oder Lenkrad. Die Stoßstangen wurden durch neckische, gebogene und verchromte Rohre ersetzt, umlaufend sind weitere Chromrohre zum Festhalten angebracht. Der Windschutzscheibenrahmen ist in halber Höhe kupiert, das Glas quasi nur von oben hineingesteckt. Sämtlicher Chrom ist separater Chrom mit Ausnahme der gesilberten Schwellerzierleiste und des geschwungenen „Jolly“-Schriftzugs, samt darunter angebrachtem „Ghia“-Emblem am Vorderkotflügel, der Heckschriftzug ist eine Chromprägefolie. Jollys Clou sind die Korbgeflechtmöbel, bessere Gartenstühle (wirklich besser?), von Norev sehr schön wiedergegeben, hellbraun lackiertes Plastik, durch die Lackierung wirklichkeitstreu. In derselben Machart ist das Picknickkörbchen gefertigt, das auf dem winzigen, verchromten Gepäckträger auf dem Motordeckel seinen Platz findet. Es lässt sich öffnen, aber leider ist es leer. Jolly kann mit oder ohne Segeltuchverdeck leben. Ohne ist er völlig offen, gibt alles preis, offener und ehrlicher geht es nicht. Um Jolly geschlossen darzustellen, müssen zwei gut passende, dünne Rohrgebilde in zwei Löcher rechts und links des Fahrzeugs gesteckt werden, das einteilige Kunststoffverdeck passt exakt darauf. Es ist weiß und mit lustigen gelben Streifen versehen.

Jolly macht gute Laune, wozu seine fröhliche Farbe und die Weißwandreifen beitragen. Jolly ist so ziemlich das überflüssigste Luxusaccessoire auf vier Rädern, das man sich vorstellen kann. Niemand braucht Jolly. Das macht Jolly besonders begehrenswert. Man wünscht sich eine Jolly-Reihe in 1:18. Das Norev-Modell ist nur bedingt der Anfang aller Jollys. Schuco machte 2015 einen Karmann-Prototyp auf Käfer-Basis, geformt wie ein Jolly, ein Prototyp aus dem Jahre 1960 in beryllgrün. Ein Resine-Modell, längst ausverkauft, passt aber hervorragend neben den neuen Norev-Jolly, ebenso wie ein Fiat 600 Multipla als Jolly, seinerzeit als Resinemodell vom Modellautogroßhändler La Mini Miniera aus dem Piemont in Auftrag gegeben.

Den Jolly präsentierte Norev erstmals auf der Spielwarenmesse 2025 und nun, ziemlich genau ein Jahr später, ist er fertig. Als Fachhandelsmodell gibt es den Dolce-Vita-Fiat in Gelb und in Orange. Als Web-Exklusiv-Version, limitiert auf 200 Exemplare und ausschließlich im Norev-Onlineshop erhältlich, ist er in zartem Schweinchen-Rosa zu haben. Preis der Drei jeweils identisch.

afs

Sommer, Sonne, Jolly! Klein ist er, putzig und gelb. Korbstühlchen hat er, ein Picknickkorb liegt bei. Und das fröhliche Verdeck dazu! Der Putzometer schlägt wie wild aus, ist am Anschlag.
Modellfotos: bat
Das ist schlichtweg ein Gute-Laune-Spender, ein fröhliches Autochen für unbeschwerte Momente. Der Anblick zaubert ein Lächeln ins Gesicht. So etwas sollte es auf Krankenkassen-Rezept geben, für all die Panikmiezen, Hyperventilierten, Depressiven, für die Bedenkenträger und für jene, die unter chronischer „German Angst“ leiden. Dieses Autochen tut mehr fürs Wohlbefinden als jede Kokainlinie.
Sehr gut nachgebildetes Korbgefecht. Eigentlich sehen die Möbel ganz bequem aus.
Unsere Jollys auf Fiat-500-Basis in 1:43: Fiat 500 Jolly mit Segeltuchverdeck von Provence Moulage, ein gebauter Resine-Kit, 1998 erschienen. Platz genug für vier Partygänger auf dem Weg vom Casino über die Disco in die Nachtbar von St. Tropez.
In ein winziges Diorama baute Universal Hobbies die Autos der Fiat-500-Collection aus dem Hachette-Verlag ein, den Jolly selbstverständlich in eine Strandszene.
Auf den ersten Blick das gleiche Fahrzeug, aber nur auf den ersten.
Ebenfalls ein Fiat 500 Jolly, ebenfalls Universal Hobbies. Wer genau hinsieht, erkennt die hoch gestellten Scheinwerfer, die Glupschaugen der US-Version.
Jollys! Lauter Jollys als Resine-Kits von Provence Moulage, Ende der 90er Jahre erschienen: Fiat 500, Fiat 600 und 600 Multipla sowie Renault 4CV. Die Muscheln und der Sand sind Betrug. Die stammen nicht vom Mittelmeer, sondern von der belgischen Nordseeküste.
„Gespottet“ in San Remo an der Riviera di Ponente in Ligurien im Sommer 1959: Fiat 500 Jolly mit Ghia-Aufbau und Segeltuchverdeck. Deutlich zu sehen ist die Ghia-typische Eigenheit an den Jollys, den Windschutzscheibenrahmen auf halber Höhe abzuschneiden und die Scheibe von oben in die Führung quasi hineinzustecken.
Foto: Archiv afs
Das ist ein US-Fiat 500 mit hoch gesetzten Froschaugen. Er gehört einem ganz besonderen VIP, der obendrein Diplomatenstatus genießt. Das Carnet „CC“ unter dem Scheinwerfer weist darauf hin. Wie der in San Remo aufgenommene 500er trägt auch dieser Korbgeflechtstühle. Und beide Fiat 500 Jollys tragen besonders elegante Vollchrom-Radkappen.
Foto: Archiv afs

Steckbrief:

Norev 187790 Fiat 500 Jolly (Ghia) 1964 gelb. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 59,95 Euro.