Baumann, Christof: Auto Union Spielzeugautos. Audi, Horch, Wanderer, DKW en miniature. Wien (Verlag Brüder Hollinek) 2026. 232 Seiten, 420 Abbildungen. ISBN 978-3-85119-401-2. Preis 68 Euro.
Die Geschichte der Auto Union (AU), erzählt anhand und illustriert mit Fotos von Miniaturautos – ausschließlich zeitgenössisches Spielzeug. Eine schöne Idee und ein großes Unterfangen, dessen sich Christoph Baumann angenommen hat. Sein Zeitraum reicht von der Gründung der AU 1932 bis 1969, als aus der klassischen AU eine Volkswagen-Filiale wurde und gleichzeitig die Revolution der „Heißen Räder“ von Mattel eine Zäsur in Sachen Spielzeugauto auslöste. Start des Buches und zugleich ein Exkurs ist eine übersetzte Abhandlung von Rod Ward, dem damaligen Herausgeber der englischen Modellauto-Fachzeitschrift Model Auto Review, über die Ursprünge und Bedeutung der Maßstäbe. Eingangs wird die Geschichte der vier Marken Horch, Wanderer, Audi und DKW separat erzählt, bevor sie zur AU verschmolzen. Bei den illustrierten Blechautos dieser Zeit ist es oftmals vage, ob sie überhaupt AU-Produkte wiedergeben. Blechspielzeug in den 30ern war oftmals generisch. Aber hübsch anzusehen ist es allemal. Immerhin ließ DKW-Eigner Jörgen Skafte Rasmussen bei der Firma Passomobil in Naumburg/Saale DKW-Kindertretautos bauen – eine Idee, die er André Citroën und Ettore Bugatti abgeguckt hatte. Aus dieser Zeit zeigt Baumann nicht nur Tretautos, sondern auch eines der ersten Zinkdruckgussmodelle mit Uhrwerkantrieb, den DKW P15 von Gescha.
Auf Seite 25 beginnt der Hauptteil, die Geschichte der AU im Lichte der Miniaturautos. Baumann ordnet nach Vor- und Nachkriegszeit und jeweils nach Miniaturautohersteller alphabetisch. Besonders herausragende Miniaturen wie der famose Horch 830 BK 1937 von Karl Bub oder Ausnahmespielzeuge wie die Horch 830 BL Pullman-Limousine von Märklin und Distler- sowie Tippco-Spielzeuge, bekommen mehrere Fotos gewidmet, manchmal auch graphisch schöne Schachteln als separate Fotos. Baumann zeigt frühe Märklin-Zinkdruckgussmodelle ab 1935 ohne Zinkpest, vereinzelt mit charmanter Patina, und als Höhepunkt wird der Märklin-Horch-Prototyp aus Messing präsentiert.
Viel Platz, ihrem hohen automobilhistorischen Stellwert entsprechend, nehmen die zeitgenössischen Nachbildungen der AU-Mittelmotor-Rennwagen ein. Sie alle wurden miniaturisiert, die sechzehnzylindrigen Typen A, B und C sowie der zwölfzylindrige Typ D, auch Nachkriegsspielzeuge wie die Diecastautos von KBK aus Berlin, Pennytoys von Geord Fischer, deren Kopie aus England sowie die Kopie der Kopie – Baumann taucht tief ein in die Materie! Die Faszination des Rekordwagens „Lucca“ schlägt sich im Spielzeugprogramm nieder, sogar weit über Deutschlands Grenzen hinaus – beispielsweise Alemanni in Italien oder Bat’a und Pogus in der ČSSR und natürlich die berühmten Dinky-Modelle aus Liverpool und Bobigny oder Ducky Toys aus Neuseeland. Märklin schuf den „Lucca“ gleich zwei Mal; ebenfalls württembergisch sind die Interpretationen der Kolbenherstellerfirma Mahle, diese aus der Magnesiumlegierung Elektronmetall gefertigt, nicht aus Zinkdruckguss, und Kindler & Briel (Kibri) sowie Schildkröt. Und auch hier zeigt sich, dass so manche (wirtschaftsgeschichtliche) Zusammenhänge aus der Kriegs- und frühen Nachkriegsgeschichte trotz redlichem Bemühen wohl für immer im (Halb-) Dunkeln blieben werden. Schön ist jedenfalls, dass sich Baumann nicht nur auf die deskriptive Vorstellung der einzelnen Modelle beschränkt, sondern auch eine Kurzbiographie der jeweiligen Modellhersteller liefert – weit über Wikipedia-Niveau hinaus. Und so manche Leuchtturmrecherche findet im Buch einmaligen Widerhall. So hat der Sohn des Spielwarenhändlers Ernst Frank die Geschichte eines Spielzeugautos niedergeschrieben, das sein Vater 1948 anlässlich des Rennens Rund um den Schotten herstellte, eines AU Typ D aus Aluguss, wie überhaupt Spielzeuge der frühen und dunkelsten Nachkriegszeit aus Metallschrott von Kriegsgütern und aus Holzabfällen produziert wurden.
Von den 224 Buchseiten ist die Vor-/Nachkriegszäsur auf Seite 163, also zwei Drittel Vorkrieg, ein Drittel Nachkrieg. Das Hauptaugenmerk und Interesse des Autors liegt, man sieht es alleine schon an dieser Gewichtung, auf den legendären AU-Rennwagen, und dies ist eindeutig nicht nur der umfangreichste, sondern auch der spannendste und stärkste Teil seines Œvres: Hier erhält selbst der absolute Insider noch Erkenntnisgewinn.
Die Hersteller der Nachkriegszeit offenbaren dem engagierten Sammler wenig Neues, aber auch hier bohrt Baumann tiefe Bretter und zeigt iranische Siku-Modelle, sehr hübsche Werbevarianten (Hammer AU 1000 S als Collonil-Schlüsselanhänger, Roco DKW Junior mit Korona-Prägung) oder das originale Messing-Handmuster des Märklin DKW F89 in 1:87. Nochmals richtig spannend ist das Kapitel der Spielzeug-DKW aus aller Welt, Lateinamerika (phantastischer DKW F94U Kombi aus Plastik in 1:24 von Atma Paulista aus Sao Paulo, DKW Kombi in Matchbox-Machart von Roly Toys aus Rio de Janeiro), Asien (verglaste Wiking-Kopie des F89 von Louis Marx ELM), Unbekanntes aus Europa, vor allem IMOSA-DKWs aus Spanien, und wann sieht man schon acht DKW 3=6 von Lion Car aus Holland auf einem Bild, mit unterschiedlichen Felgentypen sowie mit und ohne Verglasung? Oder gar ein Exemplar des Lion-DKW-Gastspiels in Spanien, hergestellt von Jeffe? Bekanntlich stets ein Blickfang sind die großen DKW-Modelle von Rico aus Spanien, Plastikmodelle jenseits von 1:18. Den Ausklang bildet die Übergangsära vom DKW zum (heutigen) Audi mit dem DKW F102 von Gama und dem Audi 100 C1. Die (fast) letzten acht Seiten widmet Baumann dem Blick über die Mauer in die DDR, Kunststoff („Plaste“), Bakelit, Holz, Diecast – fotografische Höhepunkte stellen sicherlich die F9 von Rüma, MSB und vom VEB Spielzeugland Mengersgereuth-Hämmern (heißt wirklich so!) dar. Das tatsächliche Buchende widmet sich den Kuriosa, Slot Cars, Holzgeschnitztes, Unbekanntes, Zweidimensionales in Zinnfiguren-Machart, AU 1000 S als verchromtes Tischfeuerzeug.
Der Schreibstil ist angenehm sachlich, Baumann schreibt grammatikalisch und orthographisch korrekt, was für einen Journalisten selbstverständlich ist. Über die Verwendung des historischen Präsenz als Schreibstil kann man streiten. Der eine liebt ihn, dem anderen kräuseln sich die Fußnägel. Baumann fühlt sich bemüßigt, den Nationalsozialismus zu kommentieren und zu bewerten, was in seiner Generation üblich war, wovon die heutige Generation an Historikern jedoch abgekommen ist. Man muss sich heute vom Nationalsozialismus nicht mehr distanzieren, um glaubhaft zu sein. Die Zeiten sind vorüber, in denen das Ausland oder auch jeder Nachgeborene in jedem Deutschen einen potenziellen „Alt-Nazi“ sah. Und wo kein Vorwurf erhoben wird, bedarf es auch keiner Rechtfertigung.
Das Lektorat arbeitete gut, das Layout ist sympathisch-konservativ, die Fotoqualität ist sehr gut. Das Buch ist zweisprachig deutsch/englisch verfasst. Nicht alle Exponate stammen aus des Autors Sammlung; einige namhafte Sammler wurden kontaktiert, die ihre Pretiosen zur Verfügung stellten oder selbst fotografierten.
Wir haben das Buch mit großem Vergnügen gelesen, ja verschlungen, und haben einiges darin und daraus gelernt. Wer die Auto Union mag, wird begeistert sein. Aber derer werden immer weniger, aus rein demographischen Gründen. Gerade die Zweitakt-Fraktion ist vom Aussterben bedroht. Man sieht es an der Präsenz (oder besser: Absenz) von DKW-Fahrzeugen bei Oldtimertreffen, man sieht es als Modellautosammler auch daran, dass nahezu keine neuen DKW-Miniaturen mehr entstehen. Denn es ist kaum noch Nachfrage da.
afs