Elite – was sonst?
Im April wird der Mercedes 300 SL Roadster von CMC erscheinen. Sukzessive kommt er in sieben Ausführungen. Somit ist nun, im übertragenen Sinne, Roadster-Advent. Caramini-online macht die Wartezeit erträglich durch einen Blick auf die bestehenden 300-SL-Miniaturen, von zeitgenössisch bis modern.
Die Vorgehensweise hat Tradition. Und Traditionen soll man pflegen (ebenso wie Vorurteile und Klischees). Wenn CMC eine Neuheit bringt, genießt Caramini-online das Privileg, sehr früh das Modell besprechen zu dürfen. Und die Leser genießen mit. Wenn es kurz vor soweit ist, fünf vor Zwölf quasi, und die Sammler bereits dieses Kribbeln verspüren, das Kinder aus der Vorweihnachtszeit nur allzu gut kennen, verkürzen wir den Advent mit einem Blick entweder aufs Original oder auf die existenten Spielzeug- und Modellautos (oder beides). Nun ist das Original des Mercedes 300 SL Roadster W198/II wahrlich kein unbekanntes Wesen, und auch wir haben uns schon sehr darin vertieft. Minichamps und Norev sei Dank dafür, die diesen herrlichen Wagen beide als 1:18-Miniatur im Programm haben und sich bereits in Farbenspielen verloren haben. Der 300 SL Roadster war oft zu Gast in Caramini-online, und unsere Leser sind mit ihm ziemlich vertraut. Also haben wir uns entschlossen, die Roadster-Ouvertüre solle sich nicht mit dem Original, sondern vielmehr mit seiner Miniaturisierung beschäftigen. Dazu sind wir tief in die eigene Sammlung eingetaucht. Wir haben nicht alles, das es gibt. Aber einiges können wir zeigen. Manches davon hat jeder, ist Massenware. Einige Miniaturen sind weniger gängig, und manches hat einen gewissen Seltenheitsfaktor. Ein antiquarisches Modell mit Kultcharakter hat es uns seit Kindheitstagen angetan und fasziniert uns sehr. An diesem Modell tobten wir uns in der Vergangenheit farblich aus.
Tekno als Lebensbegleiter
Der Tekno 300 SL begleitet mich mein ganzes Leben. Bis 1969, kurz bevor Tekno kollabierte, war er im Programm und ich hatte mehrere davon als kleines Kind. Die ersten beiden liebte und spielte ich kaputt. Jedesmal wollte und bekam ich einen Neuen. Je älter ich wurde, desto mehr liebte ich ihn und desto weniger spielte ich ihn kaputt. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er geschraubt und einfach zerlegbar und wieder montabel ist. Am Tekno 300 SL lernte ich als kleiner Junge, mit dem Schraubendreher umzugehen. Irgendwann konnte ich einen Tekno 300 SL blind zerlegen und wieder zusammenbauen (was mir als Soldat mit dem G3 nie gelingen wollte, obgleich diese Kunst auch hier gefordert wurde). Ich hatte zeitweise mehrere Tekno-SL gleichzeitig, nie hatte ich keinen. Auf Flohmärkten bekam man bespielte Exemplare, denen mindestens die Windschutzscheibe, wenn nicht viel mehr, fehlte, für 50 Pfennige. Als junger erwachsener Sammler bekam ich Restaurierungsruinen für 5 D-Mark, und ich konnte kaum an einem vorbeigehen. Alleine diese wunderschönen, typspezifischen Räder mit weißen Felgen und verchromten Radkappen! Damit habe ich so manch anderen 1:43-Mercedes, der irgendein Räder-Problem hatte, aufgewertet. Noch heute stehen bei mir Mercedesse von Sablon und Nacoral, aber auch von Dinky Toys, mit Tekno-Mercedes-Rädern und sehen dadurch besser aus als im Originalzustand (vor allem die Sablons mit ihrem Drang, dass sich die Räder von selbst auflösen, weil der Weichmacher im Gummi der Reifen die Plastikfelgen zerstört). In den 90er Jahren, meiner Lackier-Hochphase, habe ich mich etlicher Tekno-300-SL angenommen und sie in bunten Farben lackiert. Und an vielen ließ ich die Chromteile, allesamt aus Metall, galvanisch verchromen. Der Tekno 300 SL gehört definitiv zu meinen Lieblingsmodellen.
„Kopier-Katzen“ aus Hongkong
Der 300 SL von Tekno faszinierte nicht nur mich. Er war wohl das best
verkäufliche Tekno-Modell aller Zeiten und inspirierte so manche „Kopier-Katze“. Dieses Wort gibt es im Deutschen nicht, es ist die wörtliche Übersetzung des englischen „Copy Cat“, mit dem abwertend ausgedrückt wird, dass vor allem Hongkong-Hersteller alle möglichen britischen Produkte kopierten und dann billig auf den Markt warfen – auch Spielzeug, auch Autos, auch den Tekno 300 SL. Er war nicht nur ein Bestseller für Tekno, sondern auch für die „Copy Cats“ aus Hongkong; kaum ein Miniaturauto wurde so häufig zum Vorbild für Hongkong-Spielzeugautos genommen wie diese Miniatur – stets Plastik, unterschiedliche Maßstäbe, immer etwas größer als das Original, damit der für Hongkong-Autos obligatorische Schwungradantrieb Platz findet. Es existieren hervorragende Hongkong-Kopien vom Tekno 300 SL, die sich akribisch ans Vorbild halten. Natürlich gibt es auch krumme Hunde – je nach Hersteller.
Überhaupt Plastik! Plastikautos müssen nicht aus Hongkong kommen, es gibt auch europäische und deutsche Hersteller, viele sogar. Ganz spannend ist das Modell von Rex, der Marke von Max Ernst in Nürnberg. Nachdem Max Ernst eine Tochter des Spielwarenherstellers Arnold (Modellbahn Arnold-Rapido!) heiratete, gab es enge Verbindungen zwischen Rex und Arnold, auch gemeinsamen Vertrieb. Rex hatte einen sehr schönen 300 SL Roadster in 1:25 im Programm, abgespritzt in Hellgrau und Orange, der als antiquarisches Modell ziemlich selten, begehrt und teuer war. Vor gut zehn Jahren muss eine größere Menge an NOS (= New Old Stock) aufgetaucht sein, ein jahrzehntelang versteckter Schatz aus irgendeinem Lager, und das Angebot an fabrikneuen Rex-300ern, originalverpackt in einem transparenten Zellophan-Tütchen, war plötzlich groß. Anfangs wurden die Modelle eher teuer angeboten, mit zunehmender Zeit wurden sie immer preiswerter. Gut, wer sich damals eindeckte, Die Menge ist zwischenzeitlich in festen Händen, und was heute am Markt ist, hat wieder das einstige Preisniveau erreicht.
Generell hatten Plastikspielzeugautos ihre Hochphase in den 60er Jahren. In den 50ern löste dieser „moderne Werkstoff“ das Blechspielzeug ab, und spätestens nach der „68er-Revolution“, welche von den Mattel-Hotwheels-Spielzeugautos verursacht wurde, löste Zinkdruckguss auch bei preiswertem Spielzeug das Plastik peu-à-peu ab. Dieser Wechsel wurde auch in Hongkong vollzogen, und nur jene Hongkong-Spielzeugautohersteller, welche die neuen Zeichen des Metallautos frühzeitig erkannten, haben überlebt (teilweise bis heute, wie Lucky Toys, was zu Lucky Diecast wurde und in 1:18 mitmischt). Unseres Wissens der erste Hongkong-Hersteller, der von Plastikautos auf Metallautos umstellte, war Lincoln Toys im Auftrag des US-Importeurs Cragstan. Und die ersten beiden Diecast-Autos von Lincoln waren ausgerechnet der Volkswagen Käfer von 1966 und der Mercedes 300 SL Roadster, umgesetzt im Maßstab 1:25.
Nochmals zurück zu plus/minus 1:43, denn der Tekno 300 SL war natürlich nicht der einzige seiner Art. Ein sehr hübsches, wenngleich etwas kleines Modell (circa 1:50) schuf Corgi Toys, zuerst ohne Federung und mit glatten Felgen, später mit Federung und konkaven Felgen, zuletzt mit strukturierten Felgen im Speichendesign, sowohl offen als auch mit Metallhardtop, es gab das Modell auch komplett verchromt. An den offenen Modellen ist, ebenso wie bei Tekno, häufig die Windschutzscheibe defekt, aber beider Scheiben sind als gut gemachte Reproduktionen erhältlich. Beim Tekno-Modell ist die nachgefertigte Scheibe einfach einzubauen, weil es geschraubt ist. Das genietete Corgi-Modell muss dazu aufgebohrt werden. Somit ist hier stets zu sehen, dass es mit einer neuen Scheibe repariert wurde. Zwar nicht allzu schön als konkrete Wiedergabe, als sehr charmant und äußerst selten ist das Buby-Modell in 1:43, gefertigt von der Firma Haroldo „Buby“ Mahlers in Argentinien. Und dann ist da noch Joal, die 1949 im spanischen Ibi/Alicante gegründete Spielzeugmarke von José Boronat & Alejandro Beltrá, die in der zweiten Hälfte der 60er ebenfalls von Plastik auf Diecast umstellte und sich in 1:43 engagierte. Joal war auch so ein „Copy Cat“ und plagiierte munter existente Modellautos, darunter auch etliche Teknos und den 300 SL. Abgesehen von den Rädern, der Bodenplatteninschrift und natürlich den Farben ist es ohne direkten Vergleich schwierig, Original und Plagiat zu unterscheiden. Joal hielt sich sehr streng an die Vorgabe.
Dass es nicht viel mehr antiquarische Spielzeug-Roadster gibt, liegt ganz einfach daran, dass es so viele zeitgenössische Flügeltüren-Coupés gibt. Das Coupé ging dem Roadster bekanntlich voran, und nur wenige Hersteller (wie beispielsweise Wiking) setzten beide Karosserieformen um. Wer den Flügeltürer im Programm hatte, war damit zufrieden, und nur, wer ihn nicht hatte, setzte den Roadster um. Und die meisten Hersteller hatten eben einen Flügeltürer, denn ein solches Ausnahmeautomobil ist natürlich ein Bestseller unter der Hauptklientel, den kleinen Jungs. Ganz anders sieht es bei den ab ungefähr 1990 geschaffenen Modellautos aus. Da gehört es fast schon zum guten Ton, beide Karosserieformen im Programm zu haben.
Für die Platzhirsche eine Selbstverständlichkeit
Die Platzhirsche der Branche haben oder hatten den 300 SL Roadster im Programm. Das Minichamps-1:43-Modell von 2005 wurde 2016 unter dem Label Maxichamps in zwei Farben neu aufgelegt, von Ixo und Schuco gibt es den Roadster, auch von Corgi Classics, nunmehr Corgi-Vanguards. Auch von etlichen anderen. Und dann natürlich 1:18! Die beiden Achtzehner von Minichamps und Norev haben wir in Caramini-online schon häufig besprochen. Das Minichamps-Modell erschien 2008 erstmals und erlebte seither diverse Neuauflagen in anderen und teils sehr spannenden Farben. Bei diesem Modell gab sich Minichamps noch mehr Mühe als es damals üblich war, denn der 300 SL Roadster war der Wagen des Chefs. Für Paul Günter Lang war diese Miniatur quasi seine Visitenkarte. Seit 2022 hat Norev den 300 SL Roadster im Programm, ebenfalls in etlichen und teilweise exotischen Farben erschienen. Dieses Modell ist Bestandteil des Abkommens zwischen Daimler-Benz und Norev, wonach Norev nach und nach die wichtigen Mercedes-Klassiker in 1:18 miniaturisiert, zwar nicht als Industriemodelle und somit nicht im Mercedes-Auftrag, aber mit der Gewissheit im Kreuz, dass Daimler-Benz regelmäßig bei Norev für die eigene Accessoirelinie bestellt und somit die Werkzeugkosten für Norev kein unkalkulierbares Risiko darstellen. Das Norev-Modell steht formal der Minichamps-Interpretation in nichts nach, ist aber im Detail, vor allem bezüglich des Motors, deutlich einfacher gehalten – und wird deshalb auch preiswerter angeboten.
Weil er von CMC ist
Nun lässt sich natürlich trefflich darüber diskutieren, ob angesichts der Existenz eines Minichamps- und eines Norev-Modells in 1:18 die CMC-Neuheit überhaupt eine Daseinsberechtigung hat. Wer einen 300 SL Roadster möchte, sollte doch längst einen haben – irgendetwas in der großen Bandbreite zwischen Bburago und Minichamps. Das stimmt sicherlich. Und es stimmt gleichermaßen nicht. CMC spricht eine andere Klientel an als alle anderen – nicht nur in Bezug auf den Preis, da aber natürlich auch. Ein CMC-Modell kauft, wer sich in einem unglaublichen Detailfeuerwerk verlieren möchte. Ein CMC-Modell kauft, wer CMC sammelt, alles von CMC, völlig unabhängig davon, was für ein Modell CMC produziert. Und darum kann CMC sich Vorbilder auswählen, unabhängig von der Existenz desselben Modells bei anderen Herstellern. CMC entscheidet nach anderen Kriterien. Nicht danach, was es bereits gibt und was nicht. Sondern danach, was den CMC-Kunden gefallen könnte. Und dabei kam CMC zum Schluss: Ein 300 SL Roadster W198/II, das könnte unsere Kunden begeistern. Es wird welche geben, die den CMC 300 SL in allen Farben auf einmal kaufen werden. Und es wird welche geben, die sich einen CMC 300 SL vom Munde absparen und sich selbst zu Weihnachten schenken. Sie kaufen ihn, weil er von CMC ist. Dass es das Auto auch von Minichamps und Norev gibt, haben manche von ihnen gar nicht realisiert. Würde man sie darauf ansprechen, so antworteten sie: „Wer oder was, bitteschön, ist Minichamps oder Norev?“
afs

Modellfotos: bat

















Foto: CMC