Der Doppeljubilar: Die zweite und dritte Ford GT-Generation
Fortsetzung des gestrigen Beitrags
50 Jahre nach dem triumphalen Dreifachsieg in Le Mans wollte es Ford nochmals wissen. Ford GT Rennsportwagen der neuesten Generation traten erneut in Le Mans an und holten den Sieg in der Sportwagenklasse LM GTE-Pro. Gestern berichteten wir über die Geschichte des Ford GT Rennsportwagens aus den turbulenten 60er-Rennjahren. Heute holen wir die Ford GT der Neuzeit und die dazu produzierten mehr oder weniger kleinen Vitrinenvertreter ins Rampenlicht.
Bei den Ford-Automobilwerken stand 2003 das 100-jährige Jubiläum vor der Tür. Im Vorfeld der Feierlichkeiten erarbeitete Camillo Pardo, der damalige Leiter des Ford-„Living Legends“-Studios, das Design eines neuen GT40-Konzeptfahrzeugs. Vorbild für das Exterior- und Interior-Design war die letzte Ausführung des Ford GT Mk I, mit dem das John Wyer Automotive (J.W.A.) Gulf Team in den Jahren 1968 und 1969 die letzten Le Mans-Gesamtsiege eines Ford GT Rennsportwagens erzielte. Ford hatte es versäumt, sich die Marke „GT40“ schützen zu lassen, und erwarb daher die Markennutzungsrechte für das Konzeptfahrzeug, das 2002 auf der North American International Auto Show (NAIAS) in Detroit präsentiert wurde. Der neue „GT40“ war länger, breiter und höher als sein Urahn und somit eher ein „GT43“. Auch ohne die in den 60er Jahren obligatorische Dachausbeulung auf der Fahrerseite ermöglichte er größer gewachsenen Automobilisten einen unverkrampften Aufenthalt hinter dem Volant.
Nach der Vorstellung von drei Vorserienfahrzeugen zur 100-Jahr-Feier begann die Serienproduktion im Folgejahr 2004. Ford verzichtete aus Kostengründen auf die weitere Lizenzierung der Marke „GT40“ und nannte sein neues Serien-Baby lapidar Ford GT. Äußerlich wie ein größer geratener Zwilling des Veterans J.W.A. Ford GT Mk I geraten, erhielt der neue Sportwagen einen turbobeatmeten 5,4-Liter-V8-Treibling mit ca. 550 PS. Von 2004 bis zum Produktionsende 2006 rollten 4038 Exemplare vom Band, 101 davon waren für den europäischen Markt bestimmt. Inspiriert vom alten Ford GT Mk IIA X-1 Roadster, wurde 2005 auf der Specialty Equipment Market Association Show (SEMA) in Las Vegas die offene Variante Ford GTX1 vorgestellt. Die Serienproduktion der offenen Version wurde verworfen, jedoch konnten sich die Käufer ab Werk ihren Ford GT zum GTX1 umbauen lassen.
Was war mit einer Karriere des Ford GT auf den Rennstrecken dieser Welt? Dieses Mal hatte Ford kein Interesse an einem Renn-Engagement. Das kleine private Rennteam Robertson Racing glaubte an das Rennpotential des Ford GT und setzte ihn in einer von Doran Racing aufgebauten GT2-Rennversion ab 2008 in der American Le Mans Series ein. Schließlich startete das Team 2011 mit seinem Ford GT Mk VIII in Le Mans. Der Rennwagen erreichte nach insgesamt 285 absolvierten Runden am Ende der 24 Stunden glücklich die Ziellinie, was für seine Ahnen der 60er Jahre nicht selbstverständlich war. Das Fahrerteam, David Robertson mit seiner Frau Andrea und David Murry, erreichten den 26. Gesamtplatz, den dritten Platz in der Klasse LM GTE-Am und somit den Sprung auf das Klassentreppchen. Presseberichten zufolge war es das einzige Ehepaar, das gemeinsam in Le Mans auf dem Podium stand, und noch dazu an seinem siebten Hochzeitstag.
Generation 3 – Neustart in Le Mans
Ford hatte sich 2013 von der Wirtschaftskrise der frühen 2000er-Jahre erholt und plante eine Wiederholung des 50 Jahre zuvor errungenen Le-Mans-Sieges mit einem neuen Ford GT-Rennwagen. Das Projektteam präsentierte das unter dem Decknamen „Project Phoenix“ entwickelte Ergebnis voller Stolz im Januar 2015 auf der NAIAS. Das Mittelmotor-Chassis des neuen Ford GT bestand aus einer Kohlefaserwanne mit vorderem und hinterem Aluminium-Hilfsrahmen, darin eingebaut zum rasanten Vortrieb ein 3,5-Liter-Doppelturbo-V6 mit mehr als 650 galoppierenden Pferden in der Straßenversion. Den Großteil der technischen Entwicklung und den Fahrzeugbau übernahm das kanadische Unternehmen Multimatic. Für den Renneinsatz bei der nordamerikanischen IMSA-Serie in der GTLM-Klasse und der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft in der LM GTE-Pro-Klasse mit jeweils zwei Ford GT wurde das US-Rennteam Chip Ganassi Racing engagiert, bei der FIA-WM allerdings unter der Führung von Multimatic Motorsports.
Die professionelle Vorbereitung zahlte sich aus. Bereits ein Jahr nach der Vorstellung des Showcars trat Ford mit vier Ford GT GTE-Rennsportwagen zu den 24 Stunden von Le Mans 2016 an. Ein halbes Jahrhundert nach dem ersten Le-Mans-Sieg erreichte ein Ford GT GTE auf Anhieb nach 340 Rennrunden den Sieg in der LM GTE-Pro-Klasse vor einem Ferrari 488 GTE und zwei weiteren Ford GT GTE sowie den 18. Platz im Gesamtklassement. Ford und das Chip Ganassi Racing Team erzielten während der weiteren Rennkarriere des Ford GT GTE bis 2019 zwei weitere Klassensiege bei den 24 Stunden von Daytona 2017 (Gesamtrang 5) und 2018 (Gesamtrang 11).
Es gab natürlich den neuen Ford GT auch als Straßensportwagen. Die Entwicklung erfolgte parallel zu seinem Rennstreckenzwilling. Von 2016 bis zum endgültigen Produktionsende im März 2023 wurden 1350 Fahrzeuge gebaut, darunter zehn Sondereditionen. Die Kaufinteressenten mussten einen Bewerbungsprozess durchlaufen, bevor ihnen ein Ford GT zugeteilt wurde.
Auch die zweite und dritte GT-Generation wurde miniaturisiert, quer durch die Maßstäbe. Unsere Modellauswahl ist subjektiv und unvollständig. Generell lässt sich festhalten, dass es um die modernen Ford GT lange nicht solch einen Hype gab wie um die GT-Versionen der 60er Jahre, als es sozusagen zum guten Ton eines Miniaturautoherstellers gehörte, einen Ford GT im Programm zu haben.
Hans-Jürgen Spychalla

Foto: Archiv Ford (USA)

Foto: Archiv Ford (USA)

Foto: Hans-Jürgen Spychalla

Modellfoto: bat

Foto: Hans-Jürgen Spychalla

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