Schein und Sein
Eine schmeichelnde Farbe für eine handfeste, viertürige Sportlimousine. Norev bringt sein schönes Julchen in Azzurro Spazio, ein herrliches Modellauto – trotz sealed-Bauweise.
So unschuldig. So zart. So jung. So hellblau, wie ein kleiner Junge, ein wohlriechendes Baby. So wirkt die Giulia in jenem Hellblau, das Norev als jüngste Farbe für sie wählte. Dieser Farbencode gilt in Italien ebenso wie in der gesamten westlichen Welt – aber er wird, wie so viele Traditionen, auch dort zunehmend in Frage gestellt. Azzurro Spazio AR330 ist ein sehr helles, fast wässriges Blau mit hohem Weißanteil, Schon eine Art Himmelblau, aber der Himmel hat viele Blau, je nach Wetterlage. Wer sich bei „Spazio“ an den Spatz erinnert fühlt, der auch am Himmel fliegt, liegt falsch. Wer an den englischen „Space“ denkt, kommt der Sache näher. „Spazio“ ist der Raum und der Platz, eben auch der Weltraum, und natürlich liegt der Ursprung des Wortes im Lateinischen.
Diese Farbe, so populär sie Mitte der 60er Jahre auf der Giulia war, will tatsächlich gar nicht zum Charakter des Fahrzeugs passen. Der ist nämlich alles andere als unschuldig und klein und lieb. Die Giulia ist ein technisches Meisterwerk, war ihrer Zeit immens voraus und hatte zu frühen Lebzeiten letztlich keinen ernsthaften Konkurrenten. Und auch später nicht, als sie erwachsen war, denn der durchaus vergleichbare 02er BMW hatte eben immer nur zwei Türen. Motor und Fahrwerk der Giulia sind über jeden Zweifel erhaben, und selbst in ihrem letzten Baujahr 1977 war die Giulia immer noch ein fahraktives Fahrzeug, das mit jeder Neukonstruktion mithalten konnte. Nur optisch war sie mit ihren steilen Fensterstreben und der Panoramawindschutzscheibe völlig out of date. Zuletzt als Nuova Giulia hatte sie einen optionalen Dieselmotor von Perkins mit 55 PS, ausschließlich in Italien angeboten. Das war fast schon sittenwidrig, aber irgendwie und irgendwo auch lustig. Als viertüriger 55-PS-Diesel hätte sie sicherlich ein interessantes Taxi in Hellelfenbein in Deutschland abgegeben, des Taxichauffeurs Alternative zum Mercedes 200 Diesel W123, mit 55 PS gleich stark (oder: schwach). Aber des Mercedes’ 55 PS hatten rund 1400 Kilo zu schleppen, während das schlanke Julchen nur 1130 Kilo auf die Wage brachte. Aber, wie erwähnt war der Dieselmotor nur in italienischen Giulias verfügbar. Immerhin: Wer hat heute noch eine Giulia Diesel?
Giulias Motoren sind legendär und famos, eine Entwicklung Giuseppe Bussos, Block und Querstromkopf aus Alu, fünffach gelagerte Kurbelwelle, zwei obenliegende Nockenwellen, Kolben in nassen Zylinderlaufbuchsen – das war pure Rennsporttechnik und klingt heute noch modern (ja, natürlich, nur für einen Ottomotor und der ist a priori heute nicht mehr modern). Dazu kommt eine Fünfgangbox mit Porsche-Synchronisation, vorne doppelte Dreieckslenker und hinten zwar eine Starrachse, aber äußerst exakt geführt, und bis auf die frühesten Exemplare hatte die Giulia Scheibenbremsen rundum. Also eine Konstruktion, die sich heute noch sehen lassen kann.
Die Giulia hat es dem Norev-Product-Manager Sascha Voss angetan, das haben wir schon mehrfach thematisiert, und entsprechend perfekt gestaltet ist das Norev-Modell – wenngleich rundum geschlossen, dafür aber auch rundum preiswert: Viel Auto für 70 Euro. Voss hat die Giulia wieder smart konstruiert, verschiedene Versionen sind machbar und wurden und werden gemacht. Azzurro Spazio ist eine Giulia TI, also Grill mit vier Scheinwerfern, Stoßstangen mit Hörnern, Stahlfelgen mit Chromradkappen, typspezifische Sitze (vordere Sitzbank) und Türverkleidungen, serienmäßiger Tacho, schwarzes Lenkrad mit Huphalbring, Stockhandbremse und Lenkradschaltung.
Was uns allerdings ein wenig wundert: Es gibt die Giulia in genügend Farben. Warum kommt Azzurro Spazio nun als Fachhandelsmodell, nachdem es die gleiche Giulia (auch eine frühe Giulia Ti) in fast der gleichen Farbe vor drei Jahren bereits als Web-Exklusiv-Modell gegeben hat? Die einzigen Unterschiede, der uns zwischen beiden auffallen, sind die Gestaltung der Stoßstangenhörner (damals schwarz, heute verchromt) und die Kennzeichenbeschriftung, und die variiert auch kaum: Beide kommen aus Mailand das Modell von 2023 trugt MI 79 3535 und dasjenige von 2026 fährt MI 79 5335 spazieren. Die Frage an Sascha Voss bringt Aufklärung: Damals lackierte Norev noch nicht hundertprozentig exakte Vorbildfarbtöne, die erste Giulia TI war einfach nur hellblau, irgendein Hellblau. Die aktuelle Giulia TI hingegen ist in der exakten Farbmischung Azzurro Spazio lackiert. Und, ja, mit diesem Wissen im Hintergrund sehen wir tatsächlich einen Farbunterschied zwischen dem Bestandsmodell und der Neuheit.
afs



Modellfotos: bat

Steckbrief:
Norev 187974 Alfa Romeo Giulia TI 1964 himmelblau. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 69,95 Euro.