Der Sozibenz
Norev bringt einen Mercedes 350 SEL mit zeitgenössischem Aufkleber auf dem Kofferraumdeckel. Mit diesem Kleber schrie der S-Klasse-Fahrer das Statement in die Welt, er sei SPD-Sympathisant. Provokant? Mag sein. Aber herrlich zeitgenössisch und passend – vor allem in die Hansestadt Hamburg, wo der „Sozi-Bonzenbenz“ zugelassen ist.
Der Großstadtmensch wählt links, der Kleinstädter und der Bauer wählen rechts. Außerdem wählt der Protestant links, der Katholik rechts. Künstler links, Soldaten rechts, Arbeiter links, Angestellte rechts. Klingt nach Klischee, bildet aber die politische Wirklichkeit in der Bundesrepublik bis weit in die 70er Jahre hinein ab. Die Zäsur und eine neue Mulde auf der parteipolitischen Farbpalette bildete das Jahr 1980, als sich die Bundespartei Die Grünen bildete. Das schematische Rechts-Links-Denken hatte vielfältige Ausdrücke, darunter auch einen automobilen. Wer links wählt, gehört zu den Einkommensschwächeren und fährt ein kleineres oder gebrauchtes und verrostetes Auto, und ein Mercedes, gleich welchen Typs, galt als Arbeitgeberauto. Ein Arbeiter hätte nie einen Mercedes gefahren, selbst wenn er ihn sich hätte leisten können oder wenn er ihn geerbt hätte. Denn das gehörte sich nicht.
Der Arbeitgeber seinerseits wusste natürlich auch, was und wen er zu wählen hatte, und das war damals in den 70ern nicht unbedingt die FDP, weil die ja mit den Sozialdemokraten koalierte, und der normale Arbeitgeber sah in den Sozialdemokraten, eng verbandelt mit den Gewerkschaften, den natürlichen Feind. So schließen sich also der Mercedes und insbesondere die S-Klasse und der durchschnittliche Sozialdemokrat in den 70er Jahren wechselseitig aus. Vor allem zu Willy Brandts Zeiten als Bundeskanzler. Doch dann kamen zuerst der Spion im Kanzleramt und anschließend Helmut Schmidt ins Kanzleramt. Die Konservativen sagten über ihn, vor allem im Zusammenhang mit dem NATO-Doppelbeschluss: „Der Schmidt ist schon recht, aber in der falschen Partei.“ Jedenfalls machte er die SPD auch wählbar für Chefs. Ganz besonders in Hamburg, denn Hamburg war damals von absoluter SPD-Herrschaft geprägt. Hans-Ulrich Klose wurde 1974 als 37jähriger zum jüngsten Ersten Bürgermeister gewählt und blieb es bis 1981.
In diese Zeit und zu dieser hanseatischen Aura passt eine lange S-Klasse mit SPD-Aufkleber als Bekenntnis auf dem Kofferraumdeckel und ist alles andere als abwegig. Zumal der Wagen nicht protzig ist. Die um zehn Zentimeter verlängerte Karosserie mag notwendig gewesen sein, aber der Heckschriftzug offenbart, dass der Eigentümer diskret vorging: 3,5-Liter-V8 mit 200 PS, kein 4,5-Liter mit 225 PS (gut, aber auch kein 2,8-Liter-Sechszylinder mit 185 PS, das gab es auch, im 280 SEL). Wäre er nicht in Hamburg, sondern in Stuttgart zugelassen gewesen, so trüge er gar keinen Heckschriftzug (aber wahrscheinlich auch keinen SPD-Aufkleber). Passend zum automobilen Hanseaten lackiert Norev den Wagen im Mercedes-Farbton Hansablau 940, verfügbar zwischen 1979 und 1981 (weswegen Norev als Baujahr des 1973 erschienenen Wagens auch „1979“ angibt). Generell mussten damals Fahrzeuge der gehobenen Klasse, gar Repräsentationslimousinen, nicht zwangsweise einen Metalliclack tragen, zumal sie durch großzügige Verwendung von Chrom bereits genug glänzten. Und innen schwarz, ganz einfach schwarz. Dieser Hamburger 350 SEL ist tatsächlich Ausdruck eines gewissen Luxus’, der zurückhaltend gelebt und nicht exzessiv zelebriert wird. Hamburger Wohlstand eben…
Ist das Modell überhaupt ein 350 SEL, schlägt das 350er-Herz in ihm? Der Norev-W116 ist bekanntermaßen ein 450 SEL 6.9 und trägt den ursprünglich aus dem 600er stammenden Motor OM100. Der sieht ganz anders aus als der M116 aus dem 350er und 450er. Natürlich sitzt der riesige 6,9-Liter-V8 unter der Haube und passt nicht zum Heckschriftzug. Norev weiß das, aber manchmal darf man nicht päpstlicher sein als der Papst. Ein 450 SEL 6.9 in Hansablau mit SPD-Aufkleber wäre tatsächlich undenkbar. Immerhin leistete sich der Hamburger „Sozi“ einen Satz aufpreispflichtiger Barock-Alus, aber anders wäre auch das nicht umzusetzen gewesen. Norev hat zwar zeitgenössische Mercedes-Stahlfegen im Programm (beispielsweise für den W123), aber Norev-Räder sind nicht von Typ zu Typ austauschbar.
Der Hansablaue, lange W116 ist eine gute Idee mit seinem Heckaufkleber. Natürlich ist das ein wenig provokant. Aber im Zusammenhang mit dem Hamburger Kennzeichen eben auch absolut zeitgenössisch. Und schön ist auch, einen W116 mal ohne Metalliclack in die Sammlung stellen zu können. Das war uns bisher nur ein Mal vergönnt, nämlich mit Helmut Schmidts Dienstwagen, ebenfalls ein 350 SEL, lackiert in mittlerem Uni-Grau, genannt „Schmidt-Grau“. Das war eine 300er-Auflage, vor knapp zwei Jahren exklusiv im Norev-Online-Shop erhältlich (Caramini-online vom 8. Juni 2024), werksseitig ausverkauft und als Gebrauchter nahezu nicht angeboten. Wer ihn hat, behält ihn auch.
afs




Modellfotos: bat

Steckbrief:
Norev 183976 Mercedes 350 SEL W116 1979 blau. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP 99,95 Euro.