Die Moderne trifft auf Vintage Blue
Welche Farbe trägt ein Mercedes-Maybach? In Asien, in den USA und in Arabien ist er zweifarbig. In Russland ist er Obsidianschwarz. Die wenigen in Deutschland zugelassenen Wagen sind in unauffälligem Silber gehalten. Almost Real präsentiert einen Mercedes-Maybach in einer unerhörten und ungesehenen Farbe, in Vintage Blue.
Ein Mercedes-Maybach in einem Uni-Farbton? Und dann auch noch blau! Sehr ungewöhnlich, überraschend, erstaunlich. Farbige Unifarbtöne sind bei Fahrzeugen der Luxusklasse seit rund 50 Jahren nahezu undenkbar (und auch kaum lieferbar). Und jetzt kommt Almost Real und bringt seinen Mercedes-Maybach der Baureihe Z223 (gebaut seit 2021) nach den schönsten und edelsten Zweifarbenkombinationen und tiefsten Metalliclacken in Uniblau, genauer Manufaktur Vintageblau. Das ist schon mutig. Und es ist echt cool.
Ein Blick in die Farbkarte des aktuellen Maybach-Jahrgangs 2026: Es gibt zwei aufpreisfreie Uni- und sieben Metalliclacke, sodann acht Manufaktur-Lacke für 4700 Euro Aufpreis (darunter auch Vintageblau) und vier Manufaktur-Magno-Lacke für 7000 Euro Extra sowie Schwarz Sparkling für zusätzliche 8700 Euro. Darüber rangieren die Zweifarblackierungen, zehn Kombinationen, Preis jeweils 18.450 Euro. Vintageblau (oder: Vintage Blue) ist also nach wie vor für den Maybach lieferbar, was zeigt: Die Kunden wollen es. Gleichermaßen ordern sie eben, was sie ordern können. Natürlich stellt sich die Frage, ob Kunden ordern, was Mercedes durch sein Angebot ermöglicht, oder ob Mercedes anbietet, was Kunden durch die freie Willensentscheidung ihres Geschmackes fordern. Das Neue und Außergewöhnliche am Almost Real Mercedes-Maybach ist also die die Farbe. Und die knallt echt! Kombiniert wird das mit einem reinweißen Interieur mit ein wenig Schwarz (Nappa Tiefweiß/Schwarz Pearl), was den Wagen rein farblich tatsächlich außerhalb seiner Zeit befördert: Dergestalt waren Autos in der Hochphase des Wirtschaftswunders, in den späten 50er Jahren, lackiert: pastellige Unitöne und innen zweifarbig, entweder die Polster identisch zur Karosseriefarbe und mit Weiß kombiniert oder eben Schwarz/Weiß. Insofern ist „Vintage“ genau die richtige Bezeichnung für das „Blue“, denn Vintage, was man ebenso mit „alt“ wie mit „klassisch“, aber auch mit „altmodisch“ übersetzen kann, ist momentan eine angesagte Stilrichtung und die perfekte Form des Eskapismus’.
Ein ordentlicher Eisbecher als Dreingabe
Den Mercedes-Maybach von Almost Real kennen wir, schon mehrmals war er Redaktionsgast und drehte seine Runden auf dem schwarzen Schreibtisch. Er gehört zu jener Kategorie Modellauto, die alles mindestens genauso gut können wie andere und manches zusätzlich können, was andere nicht können. Mit vier Rädern lenken zum Beispiel. Man braucht kein Physiker zu sein, um zu begreifen, dass der Wendekreis geringer ist, wenn sich die Hinterräder am Richtungswechsel beteiligen und nicht nur tumb nach vorne schieben. Kurioserweise hat sich die Allradlenkung bei Straßenfahrzeugen kaum durchgesetzt. Denn sie ändert das Fahrverhalten schon gewaltig, auch die Anforderungen an den Fahrer. In gewisser Weise muss man das Fahren mit einem allradgelenkten Auto neu lernen. Das erste Großserien-Straßenauto mit Allradlenkung (nicht zum Manövrieren, sondern im Sinne der Fahrstabilität in Kurven) war 1987 der Honda Prelude, und speziell den japanischen Herstellern gefiel die Idee. Seit ungefähr 20 Jahren interessieren sich auch die High-End-Europäer dafür. Die aktuelle Mercedes S-Klasse W223 und der auf ihr basierende Maybach Z223 haben auch Allradlenkung. Bis zu Tempo 60 und einem Winkel bis zu 10° (optional 4,5°) lenken die Hinterräder entgegengesetzt zu den Vorderrädern (das dient dem Rangieren und Manövrieren), darüber hinaus lenken sie in die gleiche Richtung wie die Vorderräder und unterstützen sie dadurch fahraktiv. Bei der S-Klasse ist dies eine Option, beim Maybach serienmäßig. Im Maybach setzt Almost Real die Allradlenkung um, und zwar im Modus über 60 km/h, das heißt, die Hinterräder lenken (in kleinerem Winkel) in die gleiche Richtung wie die Vorderräder. Das ist der Stand der Modellbautechnik von 2023, als der Maybach erstmals erschien. Heute ist Sum’s, der Hersteller von Almost Real und BBR, einen Schritt weiter. Am neuen Ferrari Purosangue (Caramini-online vom 9. Mai 2026) kann mittels eines Schiebers am Unterboden sogar eingestellt werden, in welche Richtung die Hinterräder ausschlagen. Das ist zwar ingeniös. Gleichsam sieht es schon äußerst seltsam, merkwürdig, ja komisch aus, wenn die Hinterräder eingeschlagen sind. Entkoppeln lässt sich das System nicht. Wer den Maybach in der Vitrine mit eingeschlagenen Vorderrädern präsentieren möchte, muss in Kauf nehmen, dass die Hinterräder auch „krumm“ dastehen. Wer das aus ästhetischen Gründen nicht mag, kommt nicht umhin, das Modell mit geradeaus stehenden Rädern zu parken.
Dass eine Almost-Real-Kreation ein modellbauerische und konstruktive Höchstleistung ist, ist keine neue Erkenntnis. Es sei wiederholt, der Höflichkeit gegenüber dem Produkt wegen und weil sein kann, dass es einen Leser gibt, der das noch nicht weiß. Doch wollen wir mit Wiederholungen nicht langweilen. Also: Besser geht kaum, und wenn, dann in unerschwinglichen Amalgam-Regionen. Almost-Real-Modelle kosten richtig Geld, keine Frage. Aber Almost Real bietet etwas fürs Geld. Jedes Detail ist durchdacht und in der best möglichen Machart umgesetzt, die Verarbeitung ist erster Güte, ungewöhnliche Details sind nebst der Allradlenkung die längs verschiebbaren Vordersitze und die beiden Koffer im Kofferraum. Und was den sicherlich hohen Preis betrifft: Immerhin ist das Modell preiswerter geworden. Den ersten Almost-Real-Maybach, den wir seinerzeit in der Print-Ausgabe der Caramini anno 2023 besprachen, kostete 249,95 Euro, heute ist er 12 Euro günstiger kalkuliert. 12 Euro: ein ordentlicher Eisbecher beim Italiener, mit Sahne.
afs




Modellfotos: bat

Steckbrief:
Almost Real ALM820135 Mercedes-Maybach S680 4MATIC Z223 2021 blau. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. Auflage 504 Exemplare (durchnummeriert). UVP des Importeurs Minichamps 237,95 Euro.