Ludwigsburger Sondermodell
Eine ziemlich rare Version des Opel Kadett C Coupé hat Norev ausgegraben und zum Achtzehner gemacht, ein regional begrenztes Sondermodell eines engagierten Opel-Händlers. Nur, weil sie das Vorbild nicht im Netz finden können, zweifeln einige Sammler dessen Existenz an. Man müsste einfach mal ganz konventionell in ein Sachbuch schauen. So man es hat.
So sind sie, die Menschen. Wenn sie etwas nicht innerhalb von drei Minuten mit ihrem Smartphone im Internet finden, so existiert die Sache nicht. Und wenn jemand ein Modellauto kreiert, vorzüglich eine Variante, die sich nicht mit der neuzeitlichen Maximalgeduld von drei Minuten erguhgeln lässt, so bringt man sein Urteil in sozialen Medien lautstark zum Ausdruck: Der Hersteller halluziniert, der phantasiert, der recherchiert nicht, der kann gar nichts. Dass Dinge, die sich ereigneten, bevor das Internet zum Medium schlechthin wurde, die also weiter als ein Vierteljahrhundert zurückliegen, nicht aktuell ins Netz gestellt werden konnten – darauf kommen diese Menschen nicht. Alles „Alte“ musste nachträglich von irgendwem ins Netz gestellt werden. Das geschah mit vielen Begebenheiten, aber eben nicht mit allen. In vielen Fällen hilft ein gedrucktes Buch. Aber das müsste man ja lesen. Und haben. Also müsste man es gekauft haben. Ein Buch? Wer braucht heute noch ein Buch? Kostet doch nur Geld! Das Netz hingegen ist kostenlos.
Vor allem außerhalb Deutschlands wird das neue Norev Kadett C Coupé angezweifelt. Weil es niemand im Netz findet. Innerhalb Deutschlands haben die Liebhaber des „CQP“ (wie sie in phonetischer Abkürzung ihr „C Coupé“ nennen) das Kadett-Buch aus dem Motorbuch-Verlag (2018 erschienen und mittlerweile verlagsseitig vergriffen). Darin ist das neue Norev-Coupé abgebildet. Es existiert also doch – wenngleich man es im Internet vergeblich sucht. Norev hat es nicht vergeblich gesucht. In der Aachener Norev-Filiale steht das Buch im Regal.
Stammt das Foliendesign von der Ehefrau?
Die 70er Jahre waren das Jahrzehnt der Sondermodelle. Opel-Sondermodelle sind bekannt. Es gibt keine Unbekannten. Sollte man meinen. Stimmt aber nicht, weil Opel-Sondermodell nicht gleich Opel-Sondermodell ist. Es gab Werks-Sondermodelle zum Sonderpreis mit Sonderausstattung in limitierter Auflage, um in Zeiten schlechter Konjunktur (Stichwort: Ölkrise 1973/74) oder gegen Ende des Modellzyklus’ den Absatz anzukurbeln. Aber es gab auch Händler-Sondermodelle, die dann regional begrenzt waren. Große Opel-Händler orderten im Werk eine bestimmte Anzahl identisch konfigurierter Wagen, bekamen diese aufgrund der großen Stückzahl zu günstigen Konditionen, ließen beim lokalen Folienhersteller Klebestreifen herstellen und beklebten die Autos. Dann noch ein eingängiger Name erfunden und fertig war das Händler-Sondermodell. Verbreitung fand es in der Region, welche der jeweilige Opel-Händler bediente. Solche Fahrzeuge sind heute kaum mehr überliefert. Denn im Originalzustand überlebt hat kaum eines. Spätestens wenn es einen kleinen Blechschaden gab und ein Kotflügel ersetzt und lackiert werden musste, wurde die Zierfolie komplett entfernt. Denn für sie hielt der Händler keine Ersatzteile bereit. Überlebt haben solche Sondermodelle allenfalls auf zeitgenössischen Fotos.
Opel Härter in Besigheim bei Ludwigsburg war einer dieser größeren Opel-Händler, die eigene Sondermodelle kreierten. Davon sind Fotos überliefert, und einige sind im angesprochenen Kadett-Buch abgebildet. Härter ließ eine (heute unbekannte) Anzahl schwarzer Kadett C GT/E im April 1977 zum Sondermodell namens Black umdekorieren und ersann dafür einen breiten Flankenzierstreifen in zwei Grüntönen, voneinander abgetrennt und jeweils begrenzt von schlanken, weißen Streifen. Vielleicht war innen noch das ein oder andere Extra (Radio beispielsweise) verbaut – darüber geben die Außenaufnahmen keinen Aufschluss.
Diesen Kadett Black realisiert nun Norev, ebenfalls limitiert, wie das Original. Norev macht 200 Exemplare, die nicht in den Fachhandel kommen, sondern ausschließlich über den Norev-online-Shop erhältlich sind. Das Modell ist die Variation des bekannten Norev CQP, ein facegelifteter GT/E mit den fünfspeichigen ATS-Alus, die damals so populär waren, und all den anderen GT/E-Merkmalen, wie wir sie beispielsweise von CQP „Winterfest“ kennen (Recaros, Sportlenkrad, Drehzahlmesser, Front- und Heckspoiler). Das Coupé trägt auch die Stoßstangenhörner, welche alle Norev-C-Kadetten schmücken, aber nicht den Ludwigsburger „Black“. Doch das macht nichts, Die Hörnchen waren ein Werkszubehör. Der „Black“-Käufer hätte sie jederzeit als Opel-Ersatzteil bestellen und montieren lassen können.
Der Clou am Sondermodell ist seine Lackierung. Schwarz kam in den 80er Jahre schwer in Mode, Ende der 70er hingegen war es noch etwas ganz Besonderes, wenn Fahrzeuge unterhalb der Luxuslimousinen-Klasse schwarz lackiert waren. Die breiten Streifen in zwei Grüntönen mit weißer Umrandung sehen gewöhnungsbedürftig aus, man kennt den Kadett C nicht in dieser Dekoration. Und Opel selbst hätte ein Werkssondermodell wahrscheinlich nicht derartig dekoriert. Aber bei Opel entschieden dies Profis im Designzentrum, bei Opel-Härter wohl der Inhaber oder seine Ehefrau oder gar der Folienhersteller in Eigenregie. Der Härter’sche „Black“ atmet ein wenig das Flair von Hinterhoftuning, ist aber interessant, wenn man die Geschichte dahinter kennt. Ob die Streifenpracht dem Coupé nun steht, sei dahingestellt. Aber sie macht das Auto einzigartig.
afs



Modellfotos: bat


Fotos: Archiv afs
Steckbrief:
Norev 183660 Opel Kadett C GT/E Coupé „Black“ 1977 (Sondermodell Opel-Härter, Ludwigsburg). Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. Auflage 200 Exemplare. UVP 69,95 Euro.