Silicagel als Bestandteil von „mint boxed“?
„Antikondensationsbeutel“ – was für ein Wort! Klingt fast schon nach Krankenhaus („Sie müssen Ihren Antikondensationsbeutel benutzen. Sonst werden Sie nie gesund!“). Aber er hat nichts mit dem Blasenkatheder zu tun. Viele Modellautos und ihre Eigentümer kennen ihn, den Antikondensationsbeutel. Er begleitet die Autos auf ihrer weiten Reise aus China. In der Styroporumverpackung (so lange diese noch erlaubt ist!) sind eine oder zwei rund Aussparungen, in denen je ein kleiner Papierbeutel steckt. Darauf zu sehen sind chinesische Schriftzeichen und meist auch eine englische Übersetzung à la „Silicagel“ und „Dangerous“ und „Do not eat“. Die Papierbeutel sind nicht aus Papier, sondern aus einem synthetischen Vlies. Sie sehen aus wie die Brausebeutel aus der Kindheit, nur viel kleiner (5 x 3 cm), und wenn man ihren Inhalt erfühlt, so erinnert die Haptik an kleine Kieselsteine.
Diese kleinen Kieselsteine heißen Kieselgel oder Silikagel, sind stark hygroskopisch (also wasseranziehend) und dienen den Modellautos als Trockenmittel. Das Ensemble, das Vlies-Brieflein mit dem Kieselgel als Inhalt, ist also der Antikondensationsbeutel.
Die Modellautos werden meist nicht schnell im Flugzeug, sondern langsam im Container auf Containerschiffen von China zum Kunden gebracht. Die Schiffspassage dauert, je nach Umständen und Unruhen, sechs bis acht Wochen – je nach dem, ob die Frachter durch den Suezkanal schippern oder den Umweg über das Kap der Guten Hoffnung nehmen müssen. Während dieser Zeit sind die Container der Umgebung ausgesetzt, wechselnden Temperaturen, hoher Luftfeuchtigkeit, salzhaltiger Luft et cetera. Das führt zu Kondenswasser und Kondenswasser tut einem Modellauto nicht gut. Denn es zählt zu den feuchtigkeitsempfindlichen Produkten. Der Beutel nimmt das sich eventuell bildende Kondenswasser auf, es verbleibt in den Silicagel-Kügelchen. Sie speichern es und halten es vom Modellauto fern.
Soll man diese Beutelchen in der Modellautoverpackung belassen? Einfache Antwort: Das ist völlig gleichgültig, wenn man die Verpackung leer aufbewahrt und ebenso gleichgültig, wenn das Modellauto sein Dasein in seiner Verpackung fristet und nicht in der Vitrine lebt. Im Normalfall dürfte ein Modellauto innerhalb eines Hauses aufbewahrt werden, wo häusliches Klima herrscht, keine extremen und raschen Temperaturschwankungen, somit keine Gefahr von Kondenswasserbildung. Man kann die Beutelchen im Restmüll entsorgen. Der Inhalt ist, entgegen des aufgedruckten Warnhinweises, nicht „dangerous“. Das Silicagel ist nicht giftig und nicht gesundheitsschädlich, es ist amorphes Siliciumdioxid, chemisch gesehen also sehr ähnlich dem Sand oder dem Quarz. „Do not eat“ ist zwar logisch, aber selbst wenn jemand das Zeug essen würde, wäre es unschädlich. Es wird vom Körper nicht aufgenommen, sondern unverändert wieder ausgeschieden. „Do not eat“ bezieht sich darauf, dass es sich nicht um Nahrungsmittel handelt und Kleinkinder ersticken könnten, wenn sie die Kügelchen verschluckten.
Es gibt also keinen eindeutigen Ratschlag, ob die Silicagel-Beutelchen in der Modellautoverpackung verbleiben sollen oder nicht. Wer die Zustandsbeschreibung „mint boxed“ sehr fundamentalistisch auslegt, mag erwarten, dass die Beutelchen in der Styroporbox verbleiben. Jedenfalls schaden sie auf Dauer den Modellautos nicht, sie bringen aber auch keinen Nutzen. Den haben sie nur während der Reise des Modells über das weite Meer.
afs
