Sammeln

Sammeln: Auto-Puzzles aus den 60er/70er Jahren

Autopuzzle: Die absolute Nische

Nischiger geht das Sammeln antiquarischer Spielzeugautos kaum, als sich auf Puzzle-Autos zu konzentrieren. Damit sind keine zweidimensionale, miteinander verzahnte Legespiele aus gestanzten Einzelteilen gemeint, die (zufälligerweise) ein Auto darstellen. Gemeint sind Bausätze zum Zusammen- und Auseinandernehmen, die ein dreidimensionales Miniaturauto ergeben. In den späten 60ern und frühen 70ern war das mal Mode.

Das übliche Puzzle, auf Englisch Jigsaw Puzzle genannt (und die englische Bezeichnung hat Berechtigung, denn dort wurde es vor 250 Jahren erfunden), hat mit dem Autopuzzle nur eines gemein: Es besteht aus mehreren Einzelteilen und es ist, je nach Machart, mehr oder weniger vertrackt, es zusammenzubauen oder zu demontieren. Das Auto-Puzzle wird unter dem Oberbegriff „Puzzleball“ subsumiert, denn es orientiert sich am Kunststoffball aus mehreren Teilen, die entsprechend gewölbt und an den Rändern konisch sind. Fertig gestellt, ergibt ein Puzzleball eine Kugel oder eben einen Ball.

Das Auto-Puzzle ist aus Kunststoff, die entsprechenden Teile sind so ausgeformt, dass sie, korrekt ineinander gesteckt, ein fiktives oder konkretes Automodell ergeben. Rollen kann es meist nicht. Die Einzelteile sind in unterschiedlich gefärbtem Kunststoff hergestellt, sodass das fertige Produkt sehr bunt ist – kindgerecht eben, denn wir sprechen von Spielzeug für kleine Jungs. Die müssen ihre feinmotorischen Fähigkeiten aber ganz schön anstrengen. Denn einfach ist das Ganze nicht – zumindest nicht aus der Sicht des Erwachsenen, der an solch eine Aufgabe klug, intelligent, analytisch herangeht. Das Kind nähert sich dem Problem anders, intuitiv, abstrahierend. Ihm fallen manche Dinge leichter als dem Erwachsenen. Was sich Hans erst mühsam erarbeiten muss, erledigt Hänschen manchmal nachtwandlerisch. Es gibt Lebensbereiche, da ist das kleine Hänschen dem großen Hans meilenweit überlegen.

Uns sind zwei Themenumgebungen bekannt, aus denen Auto-Puzzles kommen: Einmal das Autohersteller-Marketing, das Auto-Puzzles als probates Geschenk für kleine Jungs auserkoren hat. Diese Autos haben also konkrete Vorbilder, Renault und Peugeot bedienten sich in den 60ern dieser Auto-Puzzles. Dann gab es Hersteller, die sich auf Puzzleballs konzentrierten. Der bekannteste in Westdeutschland war Walter Breiter, der die Pussy-Pussels anbot, und eines dieser Pussy-Pussels ist ein VW Käfer im ungefähren H0-Maßstab. Dieses nette Spielzeug hatte zumindest jeder Babyboomer in seiner Kindheit, es wird heute häufig angeboten und ist nicht teuer. Es muss in immensen Stückzahlen produziert worden sein.

Die Firma Breiter-Spritzgusstechnik kommt aus Schötmar, einem Ortsteil von Bad Salzuflen. Breiter machte vielfältiges Plastikspielzeug, darunter auch eine Oldtimer-Serie in 1:25, teils golden plattiert, vibrierend-wackelnd dank Batteriebetrieb, sogar mit Musikwerk. Mitte/Ende der 60er Jahre erfand Breiter das Pussy-Pussel (Pussel ist die eingedeutschte Version des Wortes Puzzel), beginnend mit 17 Modellen vom Roboter über den Fußball und Elefant bis hin zum Würfel. 1968 inserierte Breiter im Branchenblatt Das Spielzeug und präsentierte den Volkswagen als Neuheit. Damals hatte jedes Breiter Pussy-Pussel ein „angewachsenes“ Metallkettchen, damit das Kind sein Pussel am Schulmäppchen oder am Gürtel befestigen konnte. Die Pussel-Spielzeuge waren ein Riesen-Erfolg. Der gezeigte, bunte VW Käfer stammt aus meiner eigenen Kindheit. Aus späterer Zeit kommt das Exemplar in Blau/Orange. Es muss von vor 1990 sein, denn der Beipackzettel weist es als „made in W-Germany“ aus. Die Pussel wurden bei Breiter bis zum Jahr 2000 hergestellt. Dann wurde die Pussel-Abteilung von den Ornamin-Kunststoffwerken in Minden übernommen, und die Firma Breiter existierte, ohne Pussel, noch bis 2009. Außer dem Käfer gab es weitere automobile Pussels von Breiter, einen Pritschen- und einen Kipplastwagen.

In Frankreich produzierte CIJ, bekannt für zunächst Blechautos und später 1:43-Modelle aus Diecast, eine Reihe an Auto-Puzzles für Renault und Peugeot. Uns bekannt sind der Peugeot 404, Renault Dauphine sowie der Renault E30 Traktor. Das ist insofern interessant, als dies die einzigen Plastikminiaturautos sind von CIJ (=Compagnie industrielle du Jouet, gegründet 1927 von Fernand Migault. Liquidation 1968).

Wir können noch weitere Auto-Puzzles zeigen, die uns im Laufe des langen Sammlerlebens so ganz nebenbei zuflogen, ohne dass sie jemals konkret gesucht wurden. Eine Historie haben sie sicherlich, in ihrer Heimat Japan oder der ehemaligen Sowjetunion mag diese auch belegt sein. Hier leider nicht. Wenn uns nicht mal der Hersteller bekannt ist, haben wir nahezu keine Grundlage zum Suchen, weder in gedruckter Literatur noch im Netz. Auch ohne biographischen Hintergrund: Nett sind die Teilchen, Charme haben sie, schön bunt sind sie und alltäglich sind sie nicht. Also genau das Richtige für jenen, dessen Sammlung sich nicht am vorherrschenden Mainstream orientiert.

afs

Die zufällig angesammelten Auto-Puzzles aus aller Welt, Europa, Ostblock, Asien – in sich alles andere als einheitlich, aber oftmals schön bunt. Der Vergleich zum Rubik-Zauberwürfel bietet sich an, er mag ab seiner Lancierung 1974 der Nachfolgetrend gewesen sein. Unser Drehpuzzel-Würfel ist kein originaler, wenngleich funktionsfähig. Es ist eine Miniatur im Maßstab 1:4, ursprünglich als Schlüssel- oder Gürtelanhänger gedacht, ideal für gelangweilte Schüler unter der Schulbank.
Modellfotos: bat
Der VW Käfer von Walter Breiter, das Pussy-Pussel. Die bunte Miniatur stammt aus der Zeit, als der Pussel-Käfer neu herauskam, also Ende der 60er Jahre. Der Dunkelblaue mit orangefarbenem Dach ist deutlich jünger. Breiter-Werbung im Branchenblatt Das Spielzeug von 1968 und das Breiter-Programm: Neben Pussy-Pussel bot Walter Breiter einfach gehaltene Oldtimer-Modelle aus goldbedampftem Kunststoff an, „Schnauferl von anno Tobak“, wie sich die Firma naiv ausdrückte. Obendrein sei im Kofferraum der Oldtimer Platz für Zigaretten. Das würde heute eher verschwiegen denn erwähnt.
Quellen: Archiv afs
Das größte unserer Auto-Puzzles kommt aus Japan. Das bunte Toyota Crown Super deluxe S50 Taxi von 1967 stammt aus Japan und ist im Maßstab 1:64 gehalten, Hersteller uns unbekannt. Der Initaialschrei zum Zerlegen besteht darin, das Taxischild um 90 Grad zu drehen. Das Modell ist erstaunlich detailliert gemacht, die Form und die Proportionen sind fast schon modellgerecht wiedergegeben.
Ein fiktiver Rennwagen im Maßstab ~ 1/60 im Stile der 50er Jahre aus rottransparentem Kunststoff mit weißen Teilen, demontierbar, nachdem man die Fahrerfigur um 180 Grad dreht (darauf muss man erst mal kommen!). Ein typisches Auto-Puzzle. Über den Hersteller ist uns nichts außer dem Namen und seine Herkunft bekannt. Es ist Salvo aus Tallin/Estland, noch zu Sowjetzeiten.
Renault Dauphine in circa 1:64 von CIJ in Frankreich als kleines Werbegeschenk von Renault für kleine Jungs, deren Vater eine Dauphine kauften. Zerlegt und unzerlegt, denn wir haben zwei Exemplare.
Der orangefarbene Traktor auf seiner transparenten Box stammt aus derselben Serie von CIJ, ein Renault E30. Das gelbe Etwas im originalen und niemals geöffneten Tütchen ist ein CIJ Peugeot 404 im Auslieferungszustand. Und die kleinen, blauen Bröckelchen im Vordergrund ergeben, zusammengebaut, einen frühen Dreitonner-Lastwagen von Renault Typ AHN (1941 bis 1947, die Miniatur sicherlich jünger, ziemlich klein, ungefähr 1:100). Hersteller uns unbekannt.