Der Heurige ist früh reif
Er ist sozusagen der VW Käfer unter den Seilbaggern: Der Fuchs F 301, ein Symbol des Wirtschaftswunders und ein äußerst populäres, zeitgenössisches Märklin-Spielzeug. Nun gibt es ihn wieder, erneut von Märklin, ganz im alten Stil als Replikat, aber aus neuen Formen und nicht mehr made in Göppingen.
Der Heurige ist früh reif. Seitdem Caramini die Repliken der berühmten Märklin-8000er-Serie rezensiert, erschienen die Jahresmodelle stets erst zum Jahresende, rechtzeitig zu Weihnachten. Einer, der Kaelble Muldenkipper, ließ sich sogar bis ins Folgejahr Zeit und spannte uns bis Februar 2024 auf die Folter. Und jetzt der Fuchs-Bagger, der legendäre Wiederaufbauhelfer aus den 50er Jahren: Im Hochsommer erschienen! Ja, der Heurige ist früh reif.
Wir verwenden in der Dachzeile (oder: Spitzmarke) die Floskel „News 1:43“ – wohl wissend, dass der Fuchs-Bagger kein 43er ist. Märklin spricht von 1:45, somit passend zur Modellbahn der Nenngröße 0. Das passt in den Märklin-Kosmos, in dem in Modellbahn-Spurtweiten gerechnet wird, und Spur 0 ist in Deutschland nun mal 1:45 (in anderen Ländern wird anders gerechnet). Aber stimmen tut die Angabe nicht. Der Maßstab tendiert eher zu 1:50 Jedoch ist kein Märklin-Modell der 8000er-Serie exakt in 1:43 oder 1:45 gehalten. Sie sind alle etwas kleiner, die Personen- und Lieferwagen in Richtung 1:50 tendierend, die Lastwagen noch kleiner. Das ist auch der Grund, warum kaum ein Sammler antiquarischer Spielzeugautos diese Märklin-Modelle neben Miniaturen anderer Hersteller drapiert, sie passen einfach nicht dazu. Die Märklin-80000er sind eine separate Angelegenheit, eine Sammlung innerhalb der Sammlung. Sie passen zu sich selber und zu nichts anderem. Und darum stehen in den meisten Vitrinen die Märklin-8000er einträchtig beieinander – und nicht der Barock-Taunus neben anderen Ford und der Adenauer-300er neben anderen Mercedes. Und das ist gut so. Das ist auch der Grund, warum der Autor einen antiquarischen, also originalen Märklin Fuchs-Bagger zeigen kann, obgleich er Autos und keine Baumaschinen sammelt. Der Fuchs gehört, wie auch der Lanz Bulldog, in eine Märklin-8000er-Sammlung. Das gleiche gilt für Wiking-Bagger. Auch sie gehören in eine Wiking-Sammlung.
Ein Symbol des Wiederaufbaus in den 50ern
Der Fuchs F 301, hergestellt von der 1888 gegründeten Firma Johann Fuchs in Bad Schönborn bei Karlsruhe, ist ein Seilbagger und wurde zwischen 1957 und 1978 gebaut. Danach hatte die Firma noch sieben Jahre Lebzeit in Eigenständigkeit und Familienbesitz, doch trotz wechselnder Eigentümer (heute: Terex Deutschland) lebt der Name Fuchs weiterhin als Marke. Bagger werden keine mehr gebaut, dafür Umschlag- und Fördermaschinen sowie Anbaugeräte. Der von einem 22 PS starken Deutz-Motor befeuerte Fuchs-Seilbagger Typ F 301 war nicht nur sehr lange, nämlich 23 Jahre, in Produktion, sondern gilt mit rund 15.000 produzierten Exemplaren auch als einer der meist gebauten Bagger weltweit. Er ist ein Symbol des Wiederaufbaus in der Wirtschaftswunderzeit und der regen Bautätigkeit in den saturierten 60er Jahren, er hatte genau die richtige Größe, war flexibel einsatzfähig, dank Luftreifen konnte er auf der Straße aus eigener Kraft rasch von Baustelle zu Baustelle fahren, dank Allradantrieb war ihm auf der Baustelle nichts zu schwer, und Fuchs gönnte ihm im Zuge der Weiterentwicklung frühzeitig Hydraulikelemente (Löffel oder Zweischalengreifer), was ihn stets aktuell hielt. Fuchs bot vielfältige Arbeitseinrichtungen an, darunter Mehrschalen-, Brunnen- oder Rübengreifer, eine Magneteinrichtung, einen Hochbau- und Wippkran, einen Spitzenausleger und natürlich als populärste Baustellenversion den Löffel in verschiedenen Breiten. Dieser Bagger ist ein unvergessenes Arbeitstier, er war allgegenwärtig in der Bundesrepublik, und restaurierte Exemplare sind heute richtige Sympathieträger. Gleichsam ist so manch alter Fuchs noch nicht im Ruhestand, sondern verdient nach wie vor sein Brot – vorzüglich auf kleineren Schrottplätzen, wo er, mit Magneteinrichtung versehen, Altmetall sortiert und verlädt.
Der Fuchs ist das richtige Pferd
Mit dem Fuchs F 301 setzte Märklin seinerzeit also auf genau das richtige Pferd. Dementsprechend ist das nun neue Replikat nicht nur interessant für Märklin-8000er-Sammler und Baumaschinenhistoriker. Es weckt bei den Älteren auch Erinnerungen. Auf so manchen Privatfotos aus den 60er Jahren, worauf der Baufortschritt des Einfamilienhauses der Eltern dokumentiert ist, spielt der blaue Fuchs-Bagger eine entscheidende Rolle. Das Märklin-Modell erschien 1963, hat aber noch eine frühe Version zum Vorbild, kenntlich daran, dass es noch nicht den ab Mitte 1959 üblichen „Kofferraumdeckel“ gibt, die Klappe für Wartungsarbeiten am Aufbau vorne rechts. Das Original wurde weniger lang als das Vorbild produziert, weil Märklin die 8000er-Serie Ende der 60er Jahre zugunsten der modernen RAK-Modelle auslaufen ließ, ein paar Nutzfahrzeuge, darunter der Bagger, überlebten bis 1973. Da hatte das Vorbild noch fröhliche fünf Jahre vor sich. 6,80 D-Mark kostete die Märklin-Nummer 8035 bei Erscheinen 1963, 1968 war der Preis bei 8,20 DM angelangt, um im letzten Produktionsjahr 1973 bei 12,50 DM zu enden.
Das Märklin-Original war made in Göppingen. Das ist das Replikat nicht, das aus völlig neuen Werkzeugformen entstand und sicherlich aus China kommt. Einen Herstellungsortnachweis finden wir nicht. Original und Replikat sind einfach voneinander zu unterscheiden: Zunächst an der Kartonverpackung in unterschiedlicher Größe, wobei das Replikat die Graphik des Originals imitiert, aber die neue Modellnummer 18060 statt 8035 trägt; beiliegend ein nichtssagendes Zertifikat („Dieses Zertifikat bescheinigt die Echtheit des Modells“) und eine Art Bedienungsanleitung.
Märklin hat sein eigenes Modell gut kopiert, nicht nur die Optik, auch die Materialien. Die Machart ist anders, chinesisch. Sind die silbernen Fensterumrahmungen beim Original von ruhiger Hand gezogen, so sind sie beim Replikat Drucke. Der Schriftzug am Heck „Fuchs 301“ ist beim 60er-Jahre-Modell erhaben graviert – eben um von Hand gesilbert werden zu können. Am neuen Fuchs ist nichts graviert, der Schriftzug ist schlichtweg ein Druck auf glatter Fläche. Die Funktion mittels Kurbel und verstellbarem Ausleger ist bei beiden gleich, beide sind verglast und stehen auf gedrehten Alufelgen mit Gummireifen, beider Aufbau dreht sich und ruht auf einer brünierten Blechbodenplatte. Die Farbgebung ist anders. Die meisten originalen Märklin-Füchse sind im typischen Fuchs-Blau glanzlackiert (wenige rote Ausnahmen), das Chassis ist rot. Das Replikat ist in mattem Taubenblau gehalten, das Chassis in Mattschwarz. Prägung auf der Blechbodenplatte beim Replikat nur „märklin“ in Kleinbuchstaben, beim Original „MÄRKLIN 8035 Made in Germany West“.
Der neue Märklin-Fuchs ist ein schön gemachtes Teil, dem Original sehr nah, aber nicht mit ihm zu verwechseln. Offen bleibt die Frage, für wen es gedacht ist. Für die Märklin-Sammler natürlich, hauptsächlich für jene, die so genannte Insider-Modelle (so nennt das Märklin) sammeln. Wer originale 8000er hegt und pflegt, kann ihn sich als Ergänzung dazustellen. Eine Alternative zum Original ist die neue Interpretation nicht. Das Preisgefüge eines gut erhaltenen Originals mit Box ist so nah an der UVP des neuen Modells dran wie das neue Modell optisch am Original. Nämlich sehr nah.
afs




Modellfotos: bat



Foto: User Kawana
Steckbrief:
Märklin 18060 Fuchs F 301 Universalbagger mit Hochlöffel 1957 graublau (Replikat). Fertigmodell Zinkdruckguss mit Blechteilen, Maßstab circa 1:50. UVP 59,99 Euro.