Literatur

Lesen: Werk und Biographie des Automobilgraphikers Bernd Reuters

Schollenberger, Werner: Bernd Reuters. Wegbereiter der modernen Automobil-Werbegrafik. Lehna (Karren Publishing) 2021. 324 Seiten, 1123 Abbildungen. ISBN 978-3-942153-22-5. Preis 128 Euro.

Der Begriff „Buch“ wird gemeinhin mit jenem des Lesens in Verbindung gebracht. Wenn Abbildungen überwiegen oder gar vorherrschen, wird vom „Bilderbuch“ gesprochen, manchmal abwertend im Sinne von: „der Autor hat nichts zu sagen“, „der Autor kann nicht schreiben“, „der Autor huldigt dem Zeitgeist, weil die Menschen immer mehr an Lesekompetenz einbüßen“ und so weiter. Aber natürlich gibt es Bücher, die Bilderbücher sein müssen. Wenn sie sich mit Kunst oder Architektur oder Sport beschäftigen, können textliche Beschreibungen oftmals den visuellen Eindruck eines Bildes nicht ersetzen. Auch Autobücher müssen einen großen Bildanteil haben. Man kann mit vielen Worten eine Autokarosserie beschreiben, aber der Leser muss das Auto zumindest ein Mal sehen, um sich vorstellen zu können, wovon der Autor spricht.

Ein Buch über einen Werbegraphiker in der Automobilbranche, über einen führenden seines Genres, lebt von Abbildungen. Natürlich auch von Text: Wer war er, warum und wie oft, was tat er, wie tat er es, für wen, welchem Stil hing er an, welchen Einfluss hatte er auf das Genre, wie waren die Zeitumstände – all das muss in Worte gefasst werden. Aber Bernd Reuters’ Œvre ist visuell, sind seine Zeichnungen. Die muss man sehen, mit den Augen erfassen. Entweder, in dem man (für viel Geld!) jene antiquarischen Autoprospekte und Werbeanzeigen erwirbt, die er gestaltet hat. Das macht der Hardcore-Reuters-Enthusiast. Oder, indem man das wunderschöne Buch aus dem Verlag Karren Publishing kauft, das zwar auch richtig Geld kostet, aber deutlich weniger als auch nur zwei oder drei besonders begehrte Reuters-Prospekte. Und außerdem ist die Auflage klein und das Papier ist teuer und die Produktion auch und die Machart ist sehr aufwendig und der Verleger hat und braucht Mut und der Autor Werner Schollenberger will auch nicht pro bono arbeiten. Das passt schon. Wissen ist nicht nur Macht, Wissen kostet auch Geld. Im kostenlosen Internet findet man diese geballte Information über Bernd Reuters nicht. In automobilhistorischen Büchern auch nicht. Da werden teils Prospektcover gezeigt, einen Verweis auf den Graphiker gibt es auch, aber das war’s. Es bedürfte letztlich eines Kunsthistorikers mit automobilhistorischem Herzblut, um Bernd Reuters (oder Walter Gotschke oder Willy Altstadt oder Hans Liska – eben all den Granden ihrer Zunft) gerecht zu werden.

Werner Schollenberger ist kein Kunsthistoriker, aber automobiles Herzblut hat er. Er bezeichnet sich selbst als leidenschaftlichen Sammler und Hobbyhistoriker. Gelernt hat er den Beruf des Karosseriebauers, seine Heimat ist Ober-Ramstadt, was auch die Heimat der Röhr-Werke war, denen er besonders zugetan ist. Reuters zeichnete die bedeutendsten Röhr-Prospekte, und so schließt sich der Kreis und beantwortet sich die Frage nach dem Warum des Buches. Als freier Graphiker arbeitete Bernd Reuters ab 1926 für die Automobilindustrie, zeichnete Werbung für Brennabor und NAG, es folgten Adler, Opel, Hansa, Ford, Röhr, die Auto Union, auch die deutschen Filialen von Graham Paige und Lincoln. Reuters wurde stilbildend für die Branche, seine Hochphase dauerte bis zum Kriegsausbruch. Sein Berliner Atelier wurde Opfer der Luftangriffe, sein Archiv ging verloren. Nach dunklen Jahren folgte 1949 der Neuanfang, Ford und Opel beschäftigten ihn, ab 1950 auch Volkswagen. Nach frühen „Werbeblättchen“ erschien 1951 der erste, große Volkswagen-Prospekt, eine Arbeit Bernd Reuters’, der 1958, nur 56 Jahre alt, einem Herzinfarkt erlag.

Er liebte monumentale Perspektiven, entgegenkommende Fahrzeuge, die aus der Sicht eines fast liegenden Menschen betrachtet werden, Reuters’ Fahrzeuge drohten, den Betrachter zu überfahren, gerne auch Nachtbildnisse, stets dynamisch – Reuters’ Autos scheinen nie stillzustehen. Sein Stil ist eine Synthese aus Expressionismus, Art Déco und Stromlinien-Moderne. Er projizierte das moderne Automobil in den Habitus der eleganten und konsumbereiten Gesellschaft. Er „verkaufte“ also nicht nur Autos, sondern auch das dazu passende Lebensgefühl. Reuters’ Autos waren oftmals stilisiert, schwungvoller und futuristischer als in Realität, auch größer – und die Menschen im Verhältnis zum Auto kleiner, was das zu bewerbende Fahrzeug noch mächtiger erscheinen ließ. Die Nachkriegszeit ist als Bruch zu sehen. Nun bewarb Reuters’ keine eleganten Luxusartikel mehr, sondern Massenprodukte, zunächst Ford- und Opel-Lastwagen, in den 50er Jahren den Volkswagen. Es gab also quasi zwei Bernd Reuters, den elitären der Vorkriegszeit und den demokratischen der Nachkriegszeit.

Das alles stellt Schollenberger schön heraus, teils etwas umständlich formuliert (er ist ja kein gelernter Schreiber), teils etwas zu ausführlich. Manchmal wünschten wir uns beim Lesen, er käme etwas schneller zu Sache. Aber er recherchierte gut und war sehr fleißig, und welcher Autor trennt sich schon gerne von lieb gewonnenen Zeilen? Schollenberger teilt mit dem Leser all sein Wissen. Er geht nicht den üblichen Weg, mehr zu wissen, als er schreibt. Deswegen haben wir ein 332-Seiten-Buch vorliegen und kein 250-Seiten-Buch. Aber das ist schön so, denn das Thema ist spannend aufbereitet und vor allem wunderbar illustriert. Immerhin sprechen wir – siehe oben – eher von einem Bilder- als von einem Lesebuch.

Die Biographie Reuters’ gestaltete sich schwierig, der Autor berichtet von über zwanzigjähriger Recherche. Die 180 Seiten (knapp das halbe Buch) Prosa sind bereits herrlich illustriert. Kaum Fotos, schon gar nicht von Reuters selbst, denn davon existieren offenbar sehr wenige. Aber qualitativ sehr hochwertig reproduzierte Werbegraphiken – ja, eine kleine Geschichte der automobilen Werbegraphik, die im Reuters-Stil mündet. Spannend ist auch das „Ephemere“, nämlich der Streifzug durch den Fortschritt der gestalterischen und drucktechnischen Möglichkeiten. Reuters schuf und zelebrierte seinen eigenen Stil, durch den sich seine Kollegen beeinflussen ließen. Er kreierte eine Art „pars-pro-toto“-Graphik, getraute sich, halbe oder gedrittelte Automobile zu zeigen, Szenen, die eine ganze Geschichte erzählen, ungewöhnliche Perspektiven – und er perfektionierte zunehmend die freie Gestaltung des Objekts, die Überzeichnung, die Stilisierung, die Dynamisierung. Er verkaufte Luxus und Eleganz, und wusste offenbar schon früh: Sex sells. Am Volant seiner Fahrzeuge saßen Damen, neben den Fahrzeugen standen Damen – Reuters vermochte es, die maskuline Wunschwelt zu thematisieren. Seine Kompetenz war anerkannt, so sehr, dass er in Fachzeitschriften auch Überlegungen zur Karosserie der Zukunft diskutierte und sich selbst als Designer betätigte – zu Zeiten, als es Karosseriedesigner allenfalls in den USA gab. Sein Stern strahlte auch im Ausland. Mitte der 30er Jahre engagierte sogar Wolseley in England Bernd Reuters. Zu seinen Meisterwerken zählen nach wie vor die Opel-Prospekte in der zweiten Hälfte der 30er Jahre – allesamt Reuters-Schöpfungen. Sehr gut im Geschäft war er auch mit den Adlerwerken und zuvor mit Brennabor. Erste Kunden nach dem Krieg waren Ford und Opel, natürlich auch Graphiken für Fachzeitschriften. Anfang der 50er Jahre begann Reuters als Freelancer bei Volkswagen und zeichnete dynamische Käfer und Bullis. Was für uns Miniaturautoliebhaber interessant ist, was aber Schollenberger nicht wissen kann: So manches zeitgenössische Spielzeugauto hatte nicht das konkrete Fahrzeug zum Vorbild, sondern dessen Reuters-Interpretation. Ganz deutlich ist dies beim ersten, unverglasten VW Bulli von Wiking: Formenbauer Alfred Kedzierski orientierte sich eindeutig an Reuters’ Darstellungen, als er den VW T1a schuf, nicht an „objektiven“ Fotos.

Der Hauptteil des Buches, 120 Seiten lang, sind Reproduktionen von Reuters’ Arbeiten, chronologisch von 1924/25 bis zum Kriegsausbruch, unterteilt in Zeitschriftentitel, Medienwerbung und Autoprospekte und danach alphabetisch nach Auftraggebern (= Automobilherstellern) sortiert. Schollenberger muss ein immenses Reuters-Bildarchiv beherbergen, und bei so manchem Prospektcover, bekannt aus der eigenen Sammlung, ist der Verfasser dieser Zeilen erstaunt: „Ach, das ist auch von Reuters!“ Das ist die wahre Augenweide, darin kann man schwelgen und sich stundenlang verlieren. Ein wunderschönes Buch, auch ein teures Buch, ein ideales Weihnachtsgeschenk, Lektüre für lange, dunkle Winterabende. Nichts, was man einfach durchliest. Ein Buch, das man immer wieder zur Hand nimmt. Das Wort mag total veraltet sein. Aber es trifft den Kern: Der Bildteil dieses Buches ist pure Erbauung.

afs