Euphorie
“Für den anspruchsvollen Sammler”, könnte man nett formulieren, seien Almost-Real-Modelle. Dabei stimmt es. Sie sind sogar für den hoch oder höchst anspruchsvollen Sammler. Mit dem neuen Pagani Zonda Tricolore zeigt Almost-Real-Hersteller Sum’s Models erneut, was er kann. Euphorie auslösen beim Sammler, das kann er.
Es ist ruhig geworden um Pagani. Allerorten, nicht nur in der Szene der Supercars. Auch an der Modellautofront. Beide sind miteinander korreliert. Die Modellauto-Entscheider haben zumeist ein recht gutes Näschen dafür, welche Autos angesagt sind. Pagani ist offenbar nicht mehr so angesagt wie noch vor ein paar Jahren. Was war das für ein Pagani-Hype auf den Spielwarenmessen vor sieben und acht Jahren! Huayra-Prototypen oder -Absichtserklärungen bei nahezu jedem Aussteller, in dessen Portfolio der Wagen auch nur halbwegs passte! Und dann kamen sie, angemessene oder unangemessene Zeit später, erst das Coupé, dann der Spider, der Markt wurde geradezu geflutet, wurde gesättigt, wurde übersättigt – und brach ein.
Während der Hochphase geriet der Huayra-Vorgänger Zonda wieder ins Bewusstsein. Wer mit Huayras eingedeckt war, forderte einen Zonda in 1:18 und wurden von den High-Endern (AUTOart, Almost Real, LCD Models, BBR) bedient. Der nächste Hype war da! Heute bekommt man keinen AUTOart Zonda mehr für einen dreistelligen Betrag, und manchmal steht beim vierstelligen sogar eine 2 davor. Trotzdem: Es ist ruhig geworden, Neuerscheinungen sind rar. Jetzt kommt Almost Real und legt nach, eine Top-Marke mit einem Top-Modell, auch zu einem Top-Preis, so richtig High End, Abu Dhabi, Sylt, Rolex und Rolls, knapp 600 Euro. Aber das, was man dafür erhält, löst nichts als Euphorie aus.
1:1 oder 1:18: nur eine Frage der Relation
Mit einem Pagani kann man fahren. Selbstverständlich! Aber viele Pagani-Eigentümer tun es nicht (oder höchst selten). Wie andere Supercars auch, sind Paganis als potente und potenzielle Sammlerstücke konzipiert. Ebenso wie ein Miniatur-Pagani von Almost Real. Der Unterschied ist gar nicht so groß zwischen dem echten und dem 1:18-Pagani, letztlich besteht er nur in der Verhältnismäßigkeit. Um 1:18-Paganis von Almost Real zu sammeln, benötigt man Extra-Geld, das man übrig hat, 400 oder 500 oder 600 Euro je Modell. Das Gleiche gilt für die Pagani in 1:1, nur sind die Beträge in anderen Dimensionen verortet. Der eine sammelt sie in 1:18, der andere in 1:1, der eine stellt sie in Vitrinen, der andere in klimatisierte Hallen. Aber so wenig ein Almost-Real-Pagani ein Spiel-Zeug ist, so wenig ist ein 1:1-Pagani ein Fahr-Zeug – im eigentlichen Sinne. Das mag einen Pagani-1:18-Sammler empor hieven: Er hat zwar nicht dieselbe soziale Stellung wie der Pagani-1:1-Sammler, aber letztlich tun beide das Gleiche.
Von diesem Geschäftsmodell lebt Pagani ebenso wie Almost Real. Pagani schafft Sondermodelle in Kleinstauflage für den 1:1-Sammler mit quasi eingebautem Wertzuwachs, und Almost Real tut dies in Folge auch. Unser neues Muster, der Zonda Tricolore von 2010, ist nichts anderes als ein solches Sammlerstück in winziger Auflage, noch schöner, noch exklusiver, noch feiner, noch wertzuwachspotenzieller als ein „normaler“ Pagani, der überhaupt nicht normal ist. Aber je weiter man nach oben steigt (und strebt), desto dünner wird die Luft. Oftmals bekommt ein solches Sonderstück nur, wer bereits ein Exemplar der normalen Serie hat. Zumindest erfährt von der Existenz eines Spezialmodells nur, wer sich in den entsprechenden Kreisen bewegt. Ein Pagani Zonda Tricolore war ausverkauft, bevor der erste gebaut wurde. Wer von seiner Existenz erst aus den Medien erfährt und dann einen wollte, konnte nur noch in dessen Auspuffrohre starren.
Der Tricolore war ein Modell, das, wie so oft und so gerne, eine Hommage sein sollte. Man kann allem huldigen, ihm Respekt erweisen, es ehren, und macht damit stets bella Figura. Die Marketingabteilung braucht nur eine gute Idee. Selbst dem Großen Schlumpf kann man Ehre erweisen, und in Schlumpfkreisen wird man dafür gefeiert. Pagani kam auf die Idee, einem italienischen Kunstflugteam, der Frecce Tricolon, Ehre zu deren 50stem Geburtstag zu erweisen und ihm einen Sonder-Zonda zu widmen – ursprünglich als Einzelstück angepriesen (so weckt man ein Bedürfnis!), um dann doch drei Stück zu bauen – „on special request“. Ein Zonda R, die Carbon-Karosserie mit einem speziellen, blauen Klarlack überzogen, dazu Streifen in den italienischen Farben, die über die Nase verlaufen und eine Fortsetzung an den Außenspiegelgehäusen finden, goldfarben lackierte Felgen mit Zentralverschluss, LED-Tagfahrlicht in der Frontschürze. Hinter dem Cockpit wurde ein bislang einzigartiger, kleiner Flügel installiert, nachempfunden dem Leitwerk eben jenes Kunstflugzeugs Aermacchi MB-339 PAN der Frecce Tricolori. Dann war der Tricolore dank 670 PS sogar noch 10 km/h schneller als ein Serien-Zonda, er rennt 354 km/h. Dafür zahlte jeder der drei Käufer 1,2 Millionen Pfund. Anfang 2025 wurde eines der drei Exemplare von Sotheby’s für 11 Millionen Dollar versteigert (mit 1112 km auf der Uhr und damals bei seinem Drittbesitzer in Deutschland beheimatet). Die Rechnung ging also auf. Zondas sind auf dem „Gebrauchtwagenmarkt“ ohnehin selten. Denn Pagani schnitt die insgesamt 140 Exemplare stets extrem auf die Kundenbedürfnisse zu, weswegen sich kaum ein Eigentümer von seinem Zonda trennen möchte.
Metall statt Kunststoff
State of the Art ist auch das Modell von Almost Real. Während der Cinque einen Lufteinlass auf dem Dach trägt, der die Kühlluft in Richtung Motor kanalisiert, hat der Tricolore eine kleine, vertikale Finne auf der Motorabdeckung, was Almost Real ebenso berücksichtigte wie die kleinen, runden LED-Tagfahrlampen unter den Scheinwerfern. Das heißt, Almost Real griff in die Karosseriestruktur ein, kreierte Neues. Der Tricolore ist nicht nur eine Farbvariante – was man natürlich auch von Almost Real und zu diesem Preis erwarten darf.
Aber auch die Farbe hat es in sich: Darüber zu werten, ja über Geschmack zu reden, ist müßig. Die drei Tricolore sind, wie sie sind, und sind einheitlich konfiguriert. Sie gleichen sich wie ein Schlumpf (schon wieder!) dem anderen. Die gebläute Carbon-Karosserie ist in anderem Ton gehalten als das blaue Interieur, und ob das nun passt oder nicht, gut aussieht oder sich beißt, bleibt jedem Betrachter überlassen. Fakt ist: Almost Real gibt die Farben treffsicher wieder, und nur das zählt. Das Auto ist eine einzige Carbonfläche. Die Karosserie ist komplett in Sichtcarbon, und im Original wie im Modell ist darüber ein dunkelblau-transparenter Lack aufgetragen, der nicht deckt, sondern die Carbonstrukturen sichtbar erhält. Das zu realisieren, ist für den Modellmacher eine Herausforderung, die Almost Real mit Bravour gelöst hat. Die nicht gebläuten Carbonteile sind ungebläute Carbonteile, also carbonfarbene Carbonteile, und die finden sich allüberall am Auto, außen, innen, auch innerhalb der Hauben. Das ist phantastische Handwerkskunst. Das ganze Auto ist phantastische Handwerkskunst. Wir wollen uns nicht in jedes Einzelteil vertiefen (denn dieser Beitrag soll irgendwann auch mal enden).
Schon das Auspacken ist ein Ansturm auf die Sinne: Man hebt den Styropordeckel an und sieht nicht etwa ein Auto, sondern ein abgedecktes Auto, abgedeckt von einer passgenauen und mit Almost-Real-Markenlogo beschrifteten, dunkelgrauen Plane, unten herum mit Gummizug. Erst, wenn diese abgenommen ist, sieht der gespannte Neuwagenkäufer erstmals seinen Pagani Zonda Tricolore. Ebenfalls in den Bereich „ich bin wertig“ fällt allerlei Papierkram, Öffnungs- und Schraubwerkzeug (darunter ein Radschlüssel für die zentrierte Radschraube, man kann die Räder also abnehmen) sowie eine Pinzette (natürlich aus Metall, nicht aus Plastik) und ein schwarzes Politurtüchlein. Die „Visitenkarte“ gibt die individuelle Produktionsnummer preis (unser Exemplar ist das 863ste), nicht aber die Limitierung – wir gehen von ungefähr 1000 Exemplaren aus. Dann gibt es eine Art Gebrauchsanleitung, die vor Fehlbedienung warnt (auf keinen Fall vordere oder hintere Haube bei geschlossenen Seitentüren öffnen!), auf Funktionen hinweist, auch wenn diese selbstverständlich sind, und ausgewählte konstruktive Eigenschaften preist, auf die Almost Real besonders stolz ist: Auspuff aus rostfreiem Stahl gefertigt, separat eingesetzte Radventile, Rückspiegel aus Metall statt Kunststoff, Sicherheitsgurte aus echtem Leder und natürlich die demontierbaren Räder. All das ist Bestandteil der extra für den Zonda begründeten Untermarke „Almost Real Plus“ oder auch „Almost Real +“. Genau das steht auch auf der mitgelieferten Abdeckplane. Das Modell strotzt nur so vor Details und edlen Materialien, verwendet Metall, wo andere auf Kunststoff setzen, rollt gut, federt fein ein (wahrscheinlich besser als das Original), die Hauben bleiben, trotz ihres Gewichtes, in jedem gewünschten Winkel offen, alles ist ungemein präzise gearbeitet.
Ebenso die Technik: Die Radaufhängung arbeit wie beim Vorbild; federt man bei geöffneter hinterer Haube ein, so kann man beobachten, wie die Aufhängung arbeitet. Diese Menge an Metall wirkt sich natürlich auf das Gewicht aus, und viele Sammler (vor allem die „Composite“-Hasser) definieren die Güte eines Modellautos nach seinem Gewicht. Sodann die kleinen Lederriemen an Hauben und Kofferräumchen. Wie im Original kann man sie als zusätzliche Befestigung nutzen, und dafür wird eine extra Pinzette mitgeliefert. Apropos Kofferräumchen: Kaum erwähnenswert, dass sich in den beiden Boxen passgenaue Köfferchen befinden, und selbst die sind minutiös gefertigt. Der Motor ist schlichtweg beeindruckend, eine Harmonie unterschiedlicher Materialien und Oberflächengestaltungen, ein ungeahntes Dekorationsniveau.
Wenn man sich all dies ansieht, wofür der Neueigentümer geraume Zeit einkalkulieren sollte, so relativiert sich der Preis. Denn all das muss konstruiert, produziert, dekoriert und vor allem montiert werden. Von Hand. Und diese Hand kostet heute auch in China Geld.
afs




Modellfotos: bat






Foto: DomiD19

Foto: Alexandre Prevot
Steckbrief:
Almost Real ALM856211 Pagani Zonda C12 R Tricolore 2010. Fertigmodell Zinkdruckguss, Maßstab 1:18. UVP des Importeurs Minichamps 589,95 Euro.